#bellletstalk

Vor einer Weile habe ich beschlossen mit dem Schämen aufzuhören. Ehrlich gesagt ist das schon mehr als zwei Jahre her. In der Zwischenzeit habe ich wirklich versucht meine Erkrankung ernst zu nehmen, zu akzeptieren, sie anzunehmen. Ich fand es beinahe leichter die Depression zu leugnen, zu verschweigen und sie beiseite zu schieben, als mich damit so aufrichtig zu befassen. Aber das musste sein, weil ich auf allen anderen Wegen nicht einen Schritt weiterkam.

Ich kann mir ansatzweise vorstellen, wie es sein muss, wenn man seinen rechten Arm plötzlich nicht mehr bewegen kann, wie sehr man vielleicht hadert, manchmal auch wütend ist. Weil plötzlich etwas fehlt, weil man anders ist, sich kaputt und nicht mehr ganz fühlt. Und dann beginnt ein langer Weg, der hoffentlich dorthin führt, wo man sich akzeptieren kann, wie man ist. Der den Menschen merken lässt, dass es nicht die fehlende Funktion des einen Armes ist, die ihn ausmacht, sondern die Tatsache, dass er es auf bewundernswerte Weise schafft ohne den Arm zurecht zu kommen.

Es ist schon zu erahnen, worauf ich hinaus will. Nein, ich kenne mich nicht aus, mit fehlenden oder erkrankten Gliedmaßen. Aber trotzdem weiß ich, wie es ist, wenn man sich kaputt, wenn man sich nicht mehr ganz fühlt. Die Depression hat mir etwas genommen, sie hat mein Leben um ein vielfaches komplizierter gemacht, als es vorher war. Von leicht zu schwer, von stark zu schwach, von Sein zu Verschwinden, von Überzeugung zu Verzweiflung. Also tobte ich innerlich, mit größtmöglichem Unverständnis für mich selbst, mit Scham und Verleugnung, mit einer Härte, die ich keinem anderen Menschen dieser Welt jemals gegenüber an den Tag gelegt hätte. Feindselig.

Und nein, die Gesellschaft ist nicht daran Schuld, dass ich mich so winden musste – denn das bin ich, diejenige, die von sich selbst immer nur Höchstleistungen erwartet. Aber die mangelnde Aufgeklärtheit und die fehlende Toleranz gegenüber dem Thema Depression haben es mir nicht leichter gemacht, haben mich nicht unterstützt oder mir geholfen. Psychisch krank ist noch immer nicht gleich krank. Psychisch krank ist so oft labil, charakterschwach, faul, verrückt, selbst schuld, nur eingebildet – denn schließlich ist jeder Mal traurig und bricht dann nicht gleich komplett zusammen.

Aber statt mit dem Finger nur auf die Gesellschaft zu zeigen, muss ich mir eingestehen, dass ich selbst auch Teil dieses Systems bin, welches die Psyche nicht als etwas akzeptiert, das ernsthaft und nachhaltig erkranken kann. Solange ich nicht darüber spreche. Dazu stehe. Aufkläre. Mich erkläre. Als wahrhaftiges Beispiel diene. Unwahrheiten aus der Welt schaffe. Solange ich nicht akzeptieren kann, dass ich in Ordnung bin, wie ich bin. Mich nicht zu schämen brauche. Mir stattdessen auf die Schulter klopfen könnte, weil ich damit lebe.

Ein Teufelskreis – wenn die Gesellschaft nicht darüber spricht, dann bleibe ich stumm. Wenn ich stumm bleibe, weiß niemand wie es mir geht.

Ja, es gibt nach wie vor viele Momente in denen ich mich verurteile, in denen ich mich schäme und nicht dazu, nicht zu mir stehen kann. Andernfalls würde über diesem Text ein Bild von mir zu sehen sein, weil ich dann stolz wäre, dass ich zurecht komme, obwohl die Depression ein Teil von mir ist. So weit bin ich nicht, aber wenn ein paar Menschen das hier gelesen haben, die nicht erkrankt sind, dann habe ich schon ein kleines Stück geschafft.

#bellletstalk

Bell let’s talk ist eine kanadische Organisation, die dafür sorgen möchte, dass mehr über psychische Erkrankungen gesprochen wird. Für jeden #bellletstalk werden 5 Cent an Projekte(in Kanada) gespendet, die sich mit psychischen Erkrankungen auseinandersetzen. 

4 Kommentare zu „#bellletstalk“

  1. Wow, ist dieser Beitrag von dir geschrieben oder gehört er zu „Bell let’s talk“? So oder so hat er mir in vielerlei Hinsicht aus der Seele gesprochen. Scham und Akzeptanz waren wahrscheinlich meine Hauptthematiken in den letzten Monaten des Verarbeitens. Noch habe ich keine vollkommene Akzeptanz meiner eigenen Situation erreicht und zweifle noch, ob ich nicht einfach nur charakterschwach bin. Aber Geduld muss ich dabei wohl haben…

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    1. Der Text ist von mir geschrieben – aber bellletstalk hat mir den Anstoß dazu gegeben.
      Naja, Geduld nennt man nicht umsonst eine Tugend. Ich hab haufenweise davon – nur für mich selbst nicht sonderlich. Puh, ich glaube das mit der vollkommen Akzeptanz ist, ganz egal worunter man leidet, eine absolute Königsdisziplin. Ich traue mich selbst noch nicht dazu zu stehen. Zeitweise habe ich mir sogar einen Grund gewünscht, den ich nennen kann, wenn es mir schlecht geht. Also irgendeinen Lebensumstand, der so drastisch ist, dass es plausibel wird, warum ich „traurig“ bin. Weil ich die Depression nie als Grund habe gelten lassen – aber ich bin dabei 🙂

      Gefällt 2 Personen

  2. Super Text, ich kann das sehr gut nachvollziehen. Ich schäme mich auch für meine Ängste – und das schon seit 30 Jahren. Gäbe es einen konkreten, greifbaren Auslöser, dann würde es mir vielleicht leichter fallen darüber zu sprechen. Den gibt es aber nicht. Es ist wohl eine Mischung aus Hochsensibilität, genetischer Veranlagung und meiner Familiengeschichte – wobei es da um nicht gut sichtbare Ereignisse wie emotionalen Missbrauch geht. Also nichts mit blauen Flecken. Trotzdem frage ich mich nach wie vor, warum ich nun mit so einer starken Angststörung auf alles reagiere. Und ob ich nicht einfach nur zu schwach / doof / faul bin um das endlich zu überwinden. Angst als Charakterschwäche sozusagen. Ich weiß dass das Quatsch ist, aber in mir ist ein Teil, der das eben überhaupt nicht weiß. Und der ist immer da und hält mir den Mund zu oder macht, dass ich beim drüber Sprechen leichthin lache.
    Mein Blog soll ein erster Schritt sein, dieses beschämte Schweigen zu brechen. Gut, so schnell hier solche Weggefährt*innen wie Dich gefunden zu haben! 🙂

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    1. Oh ja – manchmal habe ich mir nahezu gewünscht, dass mir etwas schreckliches passieren möge, damit meine Depression einen wahrhaftigen Auslöser hat. Und ich hadere auch jetzt noch oft und kann die Erkrankung nicht richtig als Erkrankung ernst nehmen. Ich glaube da sind wir Betroffenen auch sehr gefragt mehr aufzuklären – aber ehrlich, das alles kostet sehr viel Kraft 😑 ich bin auch froh, dass es euch gibt!

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