Vom Glück.

Mein Glück ist ganz gewiss nicht so, wie man es sich vorstellt. Es hat keine grünen Blätter, es schimmert nicht im Sonnenlicht und ist auch keine Erinnerung, die mich fröhlich stimmt. Ich habe es mir niemals so ausgemalt, ich dachte, es käme vielleicht in Form eines eigenen Hauses, mitsamt einem zufriedenen Job und das Halten einer eigenen Katze. Aber so hat es sich bisher nicht gezeigt.

Mein Glück hat mich die letzten Jahre oft gerettet, mich auf den Beinen gehalten und dafür gesorgt, dass ich heute hier sitze und mir keinerlei Gedanken darüber mache, dass es womöglich besser sei, wenn ich nicht mehr wäre. Ich habe verdammt lange gebraucht, um es zu erkennen – immer viel zu sehr auf das Negative fokussiert. Auf das Schwarze und Dunkle. Das Nebulöse und Ängstigende. Da kann einem das eigene Glück schon mal entgehen.

Wann immer ich kurz vor dem Ertrinken war, kam es angeschwommen, als Baumstamm, als Floss. Etwas, woran ich mich festhalten konnte.

Ich weiß nicht ganz, wie ich es nennen soll, mein Glück. Weil es so besonders ist, weil ich solange gebraucht habe, um es zu sehen, es zu verstehen und zu begreifen. Also habe ich verschiedene Wörter dafür. Stärke. Selbsterhaltungstrieb. Kompetenz. Antrieb.

Das sind – und das weiß jeder, der die Depression selbst erfahren oder Angehörige hat – Attribute, die dem Betroffenen in akuten Phasen nicht wirklich zur Verfügung stehen. Das wurde mir doppelt bewusst, als sich die Krankheit bei meinem Bruder und meinem Vater zu äußern begann. Ich an ihnen, ihrer Handlungsunfähigkeit und ihrem nicht vorhanden Antrieb manchmal derart verzweifle – weil es von außen ja immer so einfach aussieht. Zum Therapeuten gehen. Mit einem Psychiater sprechen. Notwendige Schlüsse ziehen und entsprechende Schritte einzuleiten. Verrückt, nicht wahr, da lebe ich nun selbst mit Depressionen, kann gut nachvollziehen, wie es anderen Betroffenen geht und trotzdem zerreißt es mir ein wenig das Herz, wenn ich die Beiden so sehe. Ich fühle mich macht- und hilflos, will sie schütteln, zum Arzt tragen und einmal wieder Lebensfreude in ihren Gesichtern sehen.

Und so lernte ich mein unglaublich großes Glück näher kennen, weil ich sah, dass ich mich in diesem Punkt so sehr unterschied. Schon beim Auftreten der ersten großen Depression, da war ich gerade 16, mich vor meine Eltern stellte und unter Tränen erklärte, dass ich ganz sicher Hilfe bräuchte. Ich konnte monatelang nicht mehr richtig schlafen. Ich hatte überlegt von einer Brücke zu springen. Solche Dinge. Und dann Notbremse ziehen. Jahre später dann Medikamente ausprobiert, mit viel Angst und Ungewissheit im Bauch. Irgendwann kapiert, dass Meditationen und Progressive Muskelentspannung mir vielleicht gut täten.

Ja, zu meinem Glück kämpfe ich mich aus diesem verworrenen Dschungel immer wieder heraus, mal mit dieser, dann mit jener Machete und bleibe nie länger, als ein paar Tage am Boden liegen. Dann stehe ich wieder auf – wenn auch nur auf Zehenspitzen und das schaffe ich ganz alleine. Ich bin über die Jahre immer besser geworden – Übung und Geduld machen vielleicht doch nochmal einen Meister aus mir, zumindest wenn es darum geht, mir selbst zu helfen. Sehr viel Selbstvertrauen besitze ich trotzdem nicht.

Und so muss ich noch eine Menge lernen, vor allem, dass jede Depression so sehr anders ist und ich nicht verzweifeln darf, wenn die Menschen um mich herum ganze Jahre brauchen, um sich Hilfe zu holen. Aber ich kann ihnen jetzt mit meinem Ohr und dann mit der Kompetenz, die ich selbst erworben habe, helfen.

So schön optimistisch dieser Text doch klingt, wenn es mir selbst mies geht, habe ich vermutlich kaum Nährboden für meine eigenen Worte übrig. Aber es sollte trotzdem mal gesagt werden, mein Glück.

5 Gedanken zu “Vom Glück.

  1. Ich bin besonders an der Passage hängen geblieben, die du zu deinem Vater und deinem Bruder schreibst. Das hat ein paar Gedanken in mir los getreten… Ich habe in meiner Familie auch mehrere Fälle der Depression und meine Sicht darauf ist noch etwas, das ich „entwirren“ muss. Denn zum Einen war mir, bevor ich meine Diagnose nicht „schwarz-auf-weiß“ hatte und erkennen musste, dass ich krank bin, nicht bewusst, dass ich tatsächlich selbst depressiv sein könnte. Kam mir komischerweise nie in den Sinn, dass ich vor diesem Hintergrund das Risiko mitbringe, „anfällig“ zu sein. Ich verzweifle auch sehr an ihrer Situation, da ich lange Zeit glaubte, Verantwortung für sie zu haben, bis mich die Hilflosigkeit erstickte, weil ich ja einfach nichts ändern kann von außen. Wenn Therapeuten mir sagten: „Kümmern Sie sich um sich selbst“, dachte ich mir nur: Der hat ja gut reden…. Aber als auch Mitpatienten mir das gleiche sagten, hatte es plötzlich einen ganz anderen Wert für mich. Auch wenn ich die herzzerreißende Verantwortung noch nicht ganz ablegen kann.

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    • Ja, gerade bei meinem kleinen Bruder fällt es mir so schwer. In meiner Familie gibt es auch einige Fälle, aber ich war die erste, die es ausgesprochen hat. Erst dann hat mein Vater mich irgendwann vorsichtig gefragt: „Du, wie fühlt sich das denn an, so eine Depression?“
      Für mich ist das ein tägliches Übungsfeld, das mit dem Loslassen – ich hab meinen Platz noch nicht gefunden. Zwar kümmere ich mich, dank meiner Therapie, schon so viel besser um mich, doch gerade bei der Familie übergehe ich mich noch oft.

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      • Ja, erstaunlich wie ähnlich sich so viele Geschichten hier draußen sind trotz aller Unterschiede. Der Austausch hilft mir sehr. Ich möchte an dieser Stelle nur einmal sagen, wie… beeindruckend ich es finde (auch wenn „beeindruckend“ in diesem Kontext sicherlich eine sehr merkwürdige Wortwahl ist), dass du schon mit 16 diesen Schritt gemacht hast, Hilfe zu holen und überhaupt erkannt hast, dass du Hilfe brauchst. Das zeugt sehr von Stärke, die auch in deinen anderen Posts zum Vorschein kommt, und ich wünsche dir, dass du sie immer weiter kräftigen kannst!

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        • Stimmt, mir tut das auch absolut gut. Ich lese auch viel von Anderen und finde mich immer mal wieder darin oder erkenne eine Phase, in der ich mich mal befunden habe. Oder etwas ganz anderes. Danke für deine Worte, ich denke ich verstehe auch allmählich, dass das etwas sehr starkes ist und möchte das gern teilen/ vielleicht kann ich dem Ein oder Anderen damit Mut machen. Es tut gut so etwas zu hören – Danke 🙂

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