Über’s Versagen und die Angst

Ein Thema, über das ich nicht gerne spreche und das mein Leben doch zu großen Stücken beeinflusst. Bei dem es einen realistischen und einen vollkommen irrationalen Teil gibt – beide wohnen in mir. Und etwas, das für mich kein Thema war, bevor mich meine erste große und schwere depressive Phase ereilte.

Versagensangst.

Jemand, der das kennt, weiß vermutlich ziemlich genau, was ich meine. Bei allen Nicht- Betroffenen muss ich mich immer gewaltig in’s Zeug legen, um es zu erklären, ihnen verständlich zu machen. Meine Mutter hat bis heute keinen Zugang dazu. Und ich manchmal auch nicht so wirklich.

Der eher realistisch angehauchte Teil in mir sagt mir nämlich: Mensch Monsterherz, guck dich doch mal an, du lebst nun schon seit einer Weile mit Depressionen, mal besser mal schlechter – aber du bist noch immer hier und hast nie aufgegeben. Du bewältigst deinen Alltag und die Menschen, die nicht von deiner Erkrankung wissen, haben oft eine hohe Meinung von dir. Und die, die es wissen erst recht – stolz sind sie, weil du trotz aller Rückschläge mit ähnlicher Hartnäckigkeit, mit der dich die Depression überrollte, versuchst Wege zu finden, damit umzugehen. Du eine gute Erzieherin bist, die gerne eingestellt wird – die ständig positives Feedback bekommt. 

Aber das ist eben nur die eine Seite, das ist der Kopf und das andere ist das Gefühl: Du schaffst das nicht. Und falls du es doch schaffen solltest, was ist, wenn die Depression dich wieder übermannt? Wenn du Panikattacken bekommst oder vor allen anfängst zu weinen? Es spielt keine Rolle wie oft du es schon hinbekommen hast, du hast so wenig Selbstvertrauen, es kann jederzeit alles passieren. Du könntest versagen. Denk doch mal an den Job, du bist so labil, wie sollst du das schaffen? Pah.

Arschlochgefühl. Ich würde dem Gefühl so gerne zurufen, dass ich überhaupt nicht labil, sondern wirklich stark bin, weil ich schon so viel gemeistert habe und weil ich mit Depressionen das lebe, was Andere ohne tun. Aber das Gefühl ist ohnehin immer lauter, ich habe es auch viel zu lange wüten lassen. Und mich in letzter Zeit ganz intensiv gefragt, woher das kommt. Einerseits bin das ich, so bin ich auch aufgewachsen – mit einer Mutter, die findet, dass ein Leben ohne Leistung und Arbeit nicht lebenswert ist und einem Vater, der immer angenehm sein möchte für Andere. Tada….hier bin ich. Nein, natürlich will ich mich darauf nicht ausruhen, ich habe diese ungünstige Mischung, die da in mir steckt erst ziemlich spät bemerkt und kämpfe mich da langsam heraus. Andererseits habe ich das erst so richtig, seit der ersten depressiven Episode, weil ich nie vorher erlebt hatte, dass da etwas kommt, das mir plötzlich alles auf den Kopf stellt und mir meine Emotionen wegnimmt? Mir den Schlaf raubt, die Seele schwarz färbt und ich nicht mal mehr im Ansatz dieselbe bin?

Und das war glaube ich der Punkt, an dem ich das Vertrauen in mich selbst verlor, den Glauben an mich und daran, dass die Dinge wieder gut werden. Geht das irgendwann weg? Oder lebe ich jetzt für immer in einer Hab-Acht-Stellung? Denn ja, die Depression fühlte sich für mich damals an, wie maximales Versagen. Nichts mehr wollen, nicht mehr können. Aber meine letzte mittelschwere Episode ist nun schon eine Weile her, seitdem schlage ich mich mit relativ leichten Beschwerden (die sich trotzdem manchmal ätzend groß anfühlen) durch und trotzdem bleibt da immer diese Angst. Ich habe jetzt vier Monate lang nur einmal die Woche gearbeitet, weil ich so große Angst hatte, die Einrichtung zu wechseln, musste meine Eltern um finanzielle Unterstützung bitten und mich überall rechtfertigen. Die Furcht vor dem Versagen hatte mich so gelähmt und ich dachte ich könnte sie theoretisch aufarbeiten und dann wäre ich irgendwann dazu bereit.

Das funktioniert nicht.

Irgendwann dachte ich mir, dass ich ja schon ganz gewaltig in meiner Komfortzone feststecke und dass ich, wenn ich mich da raus bewege, ja vielleicht etwas an Selbstvertrauen dazu gewinne. Ich habe mit kleinen Dingen angefangen:

  • Telefonate, statt Mails
  • Mir unbekannte Schwimmbäder aufsuchen (habe mich in einem mal sehr verlaufen)
  • Öfter Mal Smalltalk führen
  • Nachfragen, auch wenn ich einen unfreundlichen Menschen vor mir habe
  • Mal wieder Auto fahren
  • Ein Ehrenamt ausüben (mit all dem damit verbundenen Treffen und Terminen)

Klingt gar nicht sehr wild, aber ich denke, jeder hat da seine eigenen festgefahrenen Muster – es war auf jeden Fall dringend nötig. Der Versagensangst im Job hat es nicht sehr viel geholfen, die ist immer noch da. Aber ich habe mich dazu gezwungen und hatte vorletzte Woche ein Probearbeiten – stellt euch vor, es war noch ein zweites vereinbart, doch man hat mich schon einen Tag nach dem ersten angerufen, um mir mitzuteilen, dass sie mich haben wollen. Weil ich so einen kompetenten Eindruck hinterlassen habe. Die Nacht vor dem besagten Probearbeiten war schrecklich und ich habe mich sogar ein wenig im Medikamentenmissbrauch geübt, weil ich irgendwann eine Vomex(Medikament gegen Reiseübelkeit) genommen habe, da mich das immer sehr müde macht. Ich musste mich absolut zwingen und meinen Freund dazu nötigen mich beinahe bis vor die Haustüre zu begleiten. Tja, habe trotzdem einen guten Eindruck hinterlassen.

Wer jetzt denkt, dass alles wäre gegessen und alles wird gut…Nicht so ganz. Am 1. März fange ich dort an, das wird wieder so ein Zwingen-Tag und eine Versagensangst-Nacht vorher und es wird dauern, bis die Arbeit zu meiner Komfortzone wird. Ich bin eine gute Erzieherin, dort freut man sich auf mich, das Team ist nett – ich habe trotzdem Angst. Ob ich die wohl jemals überwinden werde? Das würde mir doch einiges so viel leichter machen. Aber ich habe mir vorgenommen das durchzuziehen, denn in den letzten Monaten habe ich etwas wichtiges gelernt – Angst lässt sich nicht kleiner machen, wenn man theoretisch darüber nachdenkt, sie muss ausgehalten werden, durchgestanden – denn nur, wenn man die Situation geschafft hat, wird sie vielleicht etwas kleiner. Das gilt auf keinen Fall für jede Angst, manchmal ist das viel zu schmerzhaft – aber für mich war es an der Zeit. Und falls da draußen jemand herumgeistert, der auch eine solche Versagensangst im Nacken sitzen hat – ich bin für jeden Tipp dankbar.

8 Gedanken zu “Über’s Versagen und die Angst

  1. Ich möchte Deine Depressionen nicht irgendwie kleiner machen. Aber vielleicht hilft es Dir zu wissen, dass die meisten Menschen Angst vor neuen Anforderungen haben. Niemand will sich blamieren. Niemand will versagen oder seinen Eltern auf der Tasche liegen. Es ist möglicherweise eine Frage der Perspektive. Und es fängt bei mir jedes Mal so an, dass ich mir sage, „ja, ich habe Angst vor diesem Termin, weil ich mich blamieren könnte, oder weil der Auftrag, der dort zu holen ist, an jemand gehen könnte, der oder die besser ist als ich.“ Aber neben der Angst wächst bei mir auch ein kleines Pflänzchen, das Lust heißt oder Abenteuerlust oder Neugier. Dieses kleine Gewächs hat auch ein Stimme und die sagt: „Lass uns doch mal sehen, was daraus werden kann.“ Und es gibt noch eine Stimme in meinem Kopf, die sagt: „Du weißt ja nicht, was morgen passiert. Da könntest Du Dir die Angst doch eigentlich sparen.“ Tatsächlich ist ja dieses Fixiertsein auf die Angst das Problem, nicht, was man tut oder (im schlimmeren Fall) nicht tut. Man darf sich auch hundert Mal blamieren, man darf etwas nicht schaffen oder x-mal, um dann doch wieder Bammel zu haben. Es gibt kein „richtig“ oder „falsch“. Es gibt allerdings nur die eine Möglichkeit, Dinge immer wieder zu probieren. Und nach Niederlagen immer wieder aufzustehen. Das müssen auch sehr erfolgreiche Menschen machen. Es hat nichts mit „besser“ oder „schlechter“ zu tun, es ist einfach das Wesen von Menschen.

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    • Natürlich – ich weiß, dass es vielen Menschen so geht – bei mir ist es halt etwas übertrieben/stark ausgeprägt. Trotzdem hilft es mir zu merken und zu sehen, dass nicht nur ich mir damit schwer tue.
      Und ich kann dir nur zustimmen, auch ich versuche mir zu sagen, dass ich Fehler machen darf. Und ich bemühe mich die Angst nicht so sehr in den Mittelpunkt zu stellen.
      Ein riiiiiesiges Übungsfeld für mich, mit dem ich wohl noch eine Weile beschäftigt bin und hoffe, dass mir neue Herausforderung irgendwann ein wenig leichter fallen.

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  2. Ich finde auch, dass es auf jeden Fall ein wichtiger Gedanke ist, zu sehen, dass man nicht alleine ist mit seinen Ängsten. Dieses heraus-Zoomen aus dem eigenen Kontext ist immer wichtig, um Scham abzubauen und sich nicht als „besonders schwach“ abzustempeln. Ich glaube, darüber bist du auch schon längst hinweg und hast eine ziemlich konstruktive Haltung zu deiner eigene Situation, wie man deinem Text entnehmen kann.

    Und ich finde es dann nämlich auch sehr wichtig, die eigene Situation als solche zu würdigen. Denn ein teuflischer Cocktail an eigenen Persönlichkeitsanteilen und verschiedenen Belastungsfaktoren macht die eigene Situation zu einer ganz besonderen persönlichen „Hölle“, die krank machen kann und die auch niemand anders auf die gleiche Weise fühlt. Und dann gilt es natürlich zu schauen, ja, so ist es nun. Was mache ich jetzt draus? Und das gehst du sehr konstruktiv an, finde ich.

    Ich denke mir immer selber über mich, dass ich vielleicht niemals all das ablegen werde, was mich bisher krank gemacht hat, aber der Gedanke hindert mich nicht daran, immer weiter zu versuchen, immer besser damit umzugehen.

    Es ist dein eigener Weg, dein eigener Prozess und jeder kleine Schritt nach vorne, den du machst, ist schon ein riesiger Erfolg! 🙂

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    • Oh danke – das berührt mich sehr! Und tut mir gut 😊 verrückt, als ich letzte Woche mit diesem Blog hier anfing, hatte ich zwar auf Resonanz gehofft, sie aber nicht erwartet. Umso schöner ist es zu merken, wie berührend die Worte „fremder“ Blogger für mich sind!

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  3. Gerade die anspruchsvolle Arbeit als Erzieherin, mit ihren vielfältigen Anforderungen und hohem Stresslevel, … mit einer Depression zu bewältigen, das ist beachtlich. Ich weiß von anderen, die das nicht geschafft haben.
    Ich kenne auch die Zweifel, die Ängste und die irrationalen Gedankengänge, die mich in die Irre führen. Aber es geht weiter, mit neuen Anläufen, anderen Wegen und sich nicht aufgeben. 🙂

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    • Ja, manchmal frage ich mich auch, ob ein Bürojob leichter zu bewältigen wäre. Denn an schlechten Tagen komme ich mehr, als an meine Grenzen.
      Aber so oft vergesse ich bei dieser Arbeit auch fast ein bisschen, dass ich arbeite – weil es mir so viel Spaß macht. Ich habe auch schon im Heim mit Jugendlichen gearbeitet, gerade da aber auch sonst in diesem Bereich ist meine Sensibilität von Vorteil.
      Nicht aufgeben – so ist es 🙂 (auch wenn das an manchen Tagen wie eine hohle Plattitüde klingt, die man sich selbst aufsagt)

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      • Ja, im Heimbereich ist deine Sensibilität sicher von Vorteil, verlangt dir aber auch mental einiges ab. Ob ein Bürojob leichter zu bewältigen ist? Kommt sicherlich auf den jeweiligen Job an. Und man kann es nur für sich selbst beantworten. Ich habe herausgefunden, dass eine Mischlösung (zumindest zeitweilig) gut funktioniert.
        Das „Nicht aufgeben“ ist ja ein wenig auch eine Plattitüde, jedenfalls als bloßer Spruch sehr abgenutzt. Aber wenn man es für sich mit Inhalt füllt, an seinem eigenen Leben und Zielen festmacht, finde ich es hilfreich. Ich muss es mir von Zeit zu Zeit so sagen. Und wenn es nur dazu dient, mir in einem Tief klar zu machen, das mehr als durchzuhalten gerade nicht drin ist… und das dies schon eine Menge sein kann.

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        • Damit will ich Bürojobs natürlich nicht abwerten – ein Bildschirm verlangt manchmal vielleicht nicht so viel Beherrschung ab. So stelle ich mir das naiverweise vor. Ich habe auch schon mal im handwerklichen Bereich gearbeitet, das war eine schöne Abwechslung – dafür aber monoton. Das Optimum gibt es wohl nicht, oder ich finde es noch 😊
          Wenn ich mir in einem Tief sage, dass ich das durchstehe und es schon oft aushalten konnte, hilft mir das auch. Das ist wie „nicht aufgeben“ – nur anders.

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