Bei aller Liebe zur Selbstreflexion…

bringt diese mich im Moment nicht weiter.

Und dabei bin ich Eine, die sich regelrecht selbst auseinander nimmt, seziert und mit der Lupe untersucht, bis ich eine Erklärung habe. Weil es mich beruhigt zu wissen, warum ich mich nun so oder so fühle. So hinderlich das Denken und Einsortieren in Schubladen manchmal auch sein mag, was mein eigenes Verhalten und Erleben betrifft, gibt es mir Sicherheit.

Gerade aber erkenne ich mich selbst nicht wieder – wo ich es sonst manchmal nahezu übertreibe, mit der Selbstreflexion – möchte ich mich aktuell am liebsten dauerhaft ablenken. Irgendetwas tun. Also schiebe ich mein Nachdenken auf, es staut sich an, ich bin unruhig, rastlos und ganz und gar nicht bei mir. Und das ist nicht gut, weil ich keine Verdrängerin bin, weil die Male, die ich es darauf angelegt habe, einer kleinen Katastrophe gleich kamen. Deshalb laufe ich nun ein wenig geduckt durch die Gegend, immer etwas sorgenvoll dreinblickend, als ob die große Depression gleich um die Ecke käme.

Tatsächlich gibt es diesmal einen sehr konkreten Auslöser für die Emotionen, die mich gerade umtreiben. Meine Mutter hat Krebs, zum zweiten Mal. Schon als ich 18 war, überforderte mich die damalige Diagnose, verständlicherweise.Meine Depression, die ein paar Jahre später einsetzte und ihr Krebs-Erlebnis trieben uns sehr weit auseinander, denn meine Mutter konnte kein Verständnis dafür aufbringen, dass ich keine Lebenslust mehr hatte, obwohl ich ja „gesund“ war. Bis heute kann sie psychische Erkrankungen nicht für voll nehmen – aber das ist unter den Umständen ja durchaus ein wenig nachvollziehbar. Der Krebs veränderte sie sehr stark, mein Bruder und ich erkannten sie nicht wieder, mussten über Jahre mit Beschimpfungen und ausufernden Beleidigungen leben, bis ich hin und wieder den Kontakt abbrach. Sie täuschte weitere Erkrankungen vor, weil sie gelernt hatte darüber Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich übernahm die Rolle der Erwachsenen in der Familie. Sie fing an zu trinken, fast ein Jahr lang und ich kam nicht an sie heran, was ich auch versuchte. Eine bezaubernde Familiendynamik entwickelte sich.

In meiner Therapie begann ich nach und nach eine Art gesunde Distanz aufzubauen, damit der Kontakt mit ihr, trotz all der Geschehnisse, möglich blieb. Und dann, im letzten Dezember -TADA- der Krebs war zurück. Nach acht Jahren. Ich blieb erstmal vorsichtig, wollte Diagnosen abwarten, bevor ich den Teufel an die Wand malte, denn das passiert ohnehin allzu oft. Aber diesmal ist es richtig ernst. Ein total beschissener aggressiver Tumor, der ganz schnell wächst, sich schnell verbreitet und seine Krebszellen außerdem in so ziemlich allen Gefäßen des Körpers verteilt hat. Das PET-CT, in dem klar wird, welche Organe befallen sind, steht noch aus. Klar ist, dass es nur noch kosmetische und palliative Maßnahmen geben wird, Heilung ist ausgeschlossen. BAM. Das ist der Grund, warum ich gerade nur mit Baldrian einschlafe, warum ich unruhig und nicht in mir ruhend bin. Ich weiß gar nicht mit dieser Situation umzugehen. Wohin damit in mir? Wie soll ich das angehen?

Unser Verhältnis aber hat sich in den letzten Wochen schlagartig verbessert, was nicht nur daran liegt, dass mir all die Geschehnisse der letzten Jahre nicht mehr so wichtig vorkommen(schade, dass ich dazu eine Erkrankung gebraucht habe) und ich so etwas wie Frieden ihr gegenüber verspüre, sondern auch daran, dass meine Mutter anders ist. Ich stand jahrelang in ihrer Patientenverfügung und ihrer Vorsorgevollmacht, im Falle des Falles, weil sie das von ihrer Tochter so erwartet hat. Nun hat sie mich dort raus genommen, weil sie nicht findet, das ich als Tochter mit 25 Jahren dafür zuständig bin. Ein mütterliches Verhalten – JUHU! Wir telefonieren jeden zweiten Tag und es fühlt sich gut an, sie ist friedlich geworden, irgendwo zwischen Angst und Hoffnung. Und ich bin stolz auf sie, wie tapfer sie das meistert.

Tja – und obwohl ich meine Großeltern beim Sterben mit Krebs begleitet habe, obwohl ich damit schon so viele Berührungspunkte hatte, stehe ich nun da. Habe keine Ahnung in welche Schublade ich das einsortieren könnte. Spüre, dass mir das nicht gut tut, dass diese Diagnose so unverarbeitet in mir herumschwirrt und ich nicht herankomme und habe Angst, dass das Folgen hat. Denn eine schwerere depressive Episode kann man zwar nie, aber ich gerade absolut gar nicht gebrauchen. Ich war in den letzten zwei Wochen vier Mal Schwimmen, mache fast täglich Sport, übe mich in PMR und einem Buch namens „Gefühle verstehen – Probleme bewältigen“, spreche viel mit meinem Freund und ein paar Freunden und bin mit der Erkrankung meiner Mutter sogar in meiner zukünftigen Arbeitsstelle beim Einstellungsgespräch offen umgegangen. Trotzdem komme ich an das alles nicht heran. Und obwohl ich bei früheren Krebserkrankungen in der Familie eher dazu tendierte mit meinem gesamten Umfeld darüber zu sprechen, bleibe ich diesmal relativ still, rede nur mit einer handvoll Personen, meide das Thema von mir aus(außer bei meinem Freund) und weiß nicht einmal weshalb.

So, das ist ein gewaltig langer Text geworden. Das musste raus, trotz mittelschwerer Migräne und dezenter Übelkeit hatte ich ein so dringendes Bedürfnis das hier zu schreiben und hoffe mich nicht zu oft wiederholt oder überladen zu haben. Vielleicht hilft das Schreiben hier ja…

4 Gedanken zu “Bei aller Liebe zur Selbstreflexion…

  1. Mir fehlen im Moment gerade die richtigen Worte. Aber ich wollte einen Kommentar hier lassen, um dir zu sagen, dass ich dich gelesen habe. Ich wünsche dir, dass du die Kraft findest, um mit der Krebserkrankung deiner Mutter und deiner eigenen Depression zurechtzukommen. Es ist wichtig, dass du auf dich selbst achtest. Wenn es dir selbst nicht gut geht, kannst du auch nicht für andere da sein.

    Liebe Grüsse,
    Ut

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  2. Ich bin mir recht sicher, dass du diesen Text nicht primär geschrieben hast, weil du darauf eine Reaktion erwartest. Aber irgendwie wollte ich doch noch kommentieren und diesmal kam es mir merkwürdig vor, ein „Like“ zu setzen, auch wenn ich den Text mag. Ich habe den Text vor Stunden schon gelesen und war quasi sprachlos. Musste es sacken lassen. Ich dachte, vielleicht kommentiere ich diesmal nicht, sondern „lasse ihn dir allein“ als Dokumentation deines Prozesses.

    Aber irgenwie konnte ich gerade so einen Text nicht reaktionslos lassen. Und möchte an dieser Stelle nur schreiben: Ich habe ihn gelesen und habe mit den Augen „zugehört“. Ich hoffe, du horchst weiter auf das, was in dir brodelt, auch wenn es noch nicht ganz greifbar ist. Alles Gute dafür!

    Gefällt 1 Person

  3. Danke – an euch Beide! Ich habe mich vorhin selbst gefragt, weshalb ich das hier geschrieben und veröffentlicht habe. Ist ja eher ein Text für mich, als für Andere. Und irgendwie hoffte ich dennoch, dass irgendwer sagt: dieses oder jenes hat mir in ähnlicher Situation geholfen. Aber das ist ja schon eine sehr spezielle Situation.
    Ich glaube mir tat es schon gut das hier aufzuschreiben. Ich will damit kein Mitleid erwecken oder sagen, wie hart ich es gerade habe – ich wollte eigentlich vor allem auf diese momentane Konfusion und die Unfähigkeit mit den Neuigkeiten kompetent hinaus. Und hab dann ganz schön ausgeholt – passiert wohl manchmal 🙈

    Ich finde eure Reaktionen sehr schön, sie passen zu mir und meiner Situation.

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