The person you have called is temporarily not available…

Die von Ihnen gewählte Nummer ist nicht vergeben.
Himmel, nein, das ist Quatsch – ich weiß genau, dass die Nummer stimmt.
So in etwa habe ich mich den dreiviertelten gestrigen Tag gefühlt, es ging mir mies,
miserabel, wie zehn Mal überfahren, wie Scheuklappen vor den Augen.
Ich ahnte ja ohnehin schon die ganze Zeit, dass etwas in mir tobte, wütete und mich
rastlos werden lies. Bis ich mein Gespür für mich verlor, schon lange nicht mehr
vorgekommen.
Da war das Monsterherz dann erstmal ziemlich beleidigt, ich habe ihm die letzten
Wochen schließlich nicht zugehört, es weggesperrt und abgedrängt. Das lässt sich
so ein Monsterherz schon eine Weile gefallen, immerhin hat es Ausdauer – aber
irgendwann ist Schluss. 30 Minuten lang daliegen, Augen zu und auf meine Gedanken
achten, die Gefühle sehen, hören woher das alles kommt. Pah, sagt da das
Monsterherz – du ignorierst mich tagelang und jetzt soll ich zur Verfügung
stehen. NÖ. Und da habe ich ihm einen Text geschrieben, um die Zeit zu überbrücken,
bis es wieder erreichbar sein würde.


Es gibt diese Tage, an denen beide Arme, bis in die Hände hinein unangenehm kribbeln, die Finger zittern, die Beine weich sind und wackelig und das Herz besetzt ist.

Nichts dringt so wirklich heran. Die Musik läuft, ein schönes Lied, aneinandergereihte Noten, die in Einklang mit der angenehmen Frauenstimme, die ein wenig rau und kratzig klingt, ein in sich stimmiges Stück ergeben.             Vor meinem Fenster geht die Sonne gerade unter, sie bringt ihre letzte Kraft auf, um den Himmel zwischen farblosen Wolken in einem glänzend bläulich – orangenen Schein zu tauchen – sie zieht weiter, um an anderer Stelle zu scheinen. Eigentlich ein wirklich schöner Anblick, dieses Farbenspiel. Es ist kalt, die Schornsteine qualmen dicken weißen Rauch hinaus in die abendliche Winterluft.

Ich denke Seifenblasen, mit starrem Blick schaue ich in die Wohnung gegenüber, in der sich hin und wieder ein Mensch, eine Katze bewegen, schwarze Schatten an großen Fenstertüren. Besonders spannend ist es nicht. Aber weil ich ja Seifenblasen denke, stört es mich nicht – eigentlich stört mich gerade nichts, außer ich mich selbst. Mit meiner bleiernen Schwere, den wackeligen Knien und den trockenen Augen, die jederzeit bereit scheinen, sich mit gläsernen, nassen Tränen zu füllen. Aber es kommt nichts.

Also sitze ich da, starre hinaus, denke meine Seifenblasen, denke alles und nichts und versuche mein Herz zu erreichen, ich muss es sprechen, dringend mit ihm reden. Doch anstelle des Freizeichens ertönt nichts als das Besetztzeichen, wenn ich es anrufe, in der Hoffnung, dass es mit mir spricht, über das, was es bedrückt.

Denn so, wie es gerade ist, macht es sich breit, wandert in jeden Körperteil und zerquetscht das Ich in mir, schiebt mich an die Wand, den Amboss auf der Brust, bis ich kaum mehr atmen kann. Da denke ich mir, Liebes Herz, denke ich, ich habe die Verbindung zu dir verloren. Kommunikationsfehler, Funkloch, egal welchen Draht ich benutze und was ich auch versuche, Herz, ich kann dich nicht erreichen.

Ja, ich erreiche dich nicht.

Und dabei, mein Herz, ist es nicht so, als würde ich hier sitzen, sitzen und warten, bis du mich anrufst, so ist es nun ganz und gar nicht. Denn ich habe mich – ganz klassisch- auf den Kopf gestellt, mir die Beine vertreten, habe Buchstabe um Buchstabe auf weißes Papier notiert, traurige Lieder gehört und schmachtende Filme gesehen, Sport getrieben, meditiert und gewartet, stundenlang an die Wand gestarrt – nichts. Unter der Nummer, die du mir einst gabst und mir dabei versprachst, dass ich dich jederzeit anrufen kann, ist kein Anschluss mehr.

Erst habe ich es gar nicht so richtig gemerkt, schließlich ist man nicht immer so eng verbunden, im steten Austausch, nein, manchmal brauche ich Zeit für mich, manchmal du auch für dich. Aber irgendwann fiel es natürlich auf, das war gerade ein solcher Moment, in dem der Körper nicht im Einklang, weit von Leichtigkeit entfernt war, ich schwer wie ein Felsbrocken in meinem eigenen Weg lag. Und du, du warst besetzt. Tut,tut,tut. Einfach nicht da. Allzu hilflos habe ich mich gefühlt, verlassen und allein – wie ein Fremder, der im Dschungel den Kompass verliert. Und so irre ich nun umher, strauchelnd von links nach rechts, von rechts nach links, mit diesem Felsbrocken vor mir, der ohne deine Hilfe einfach nicht verschwinden mag, über den ich nicht klettern kann – er ist rutschig, er ist kalt und zu groß. Er übermannt mich sozusagen.

Also, liebes Herz, wenn du das liest, wenn dich mein Brief, wo schon mein Anruf nicht, womöglich erreicht, dann bitte, bitte ruf mich endlich zurück.


Nun, mit dem Schreiben dieses Textes, der die letzten Wochen ganz gut zusammenfasst, war es natürlich nicht getan. Aber es hatte geholfen. Ich konnte ein bisschen weinen. Mal wieder wirklich reflektiert, so mit Gefühl und gemerkt was für ein Holzkopf ich doch war – plötzlich einfach aufzuhören auf mich zu achten.

Heute geht es mir ein wenig besser, die Stelle, an der das Monsterherz sitzt, tut immer noch ein bisschen weh, aber ich glaube ich kann es annehmen – es musste so laut werden, weil ich ihm sonst nicht zugehört hätte.

Ach Monsterherz, wir kriegen das schon hin – irgendwie!

2 Kommentare zu „The person you have called is temporarily not available…“

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