Depression und Arbeitsleben Part I

Ich gebe zu, ich bin eine Googlerin. Auch wenn man das so oft nicht machen soll, mache ich das zu allen möglichen Fragen des Lebens. So hatte ich, in einer eher dunkleren Phase, gehofft ich würde im Internet etwas finden, das mir bescheinigt, dass es funktioniert, Arbeiten und Depression. Denn mag man auch sehr kaputt sein, mit Löchern in der Seele, die man zu flicken versucht – ab und an bleibt da ein wenig Hoffnung. Und dieser Hoffnung wollte ich so gerne Stützen und Stelzen geben, wollte sie festigen, durch aufbauende Erfolgsgeschichten Anderer. Erfolg? Ja – Erfolg hieße für mich einen Job zu haben, den man ausübt, ohne sich zu quälen.

Was ich gefunden habe? Wenig aufbauendes, war eher entmutigend, auf Grund all der Geschichten von Krankheit. Belastung für den Arbeitgeber. Tipps zu was tun, wenn man eine Depression hat. Krankschreibungen. Klinik. Kurzum: Die Depression ist keineswegs Teil des Systems, sie wird noch immer mit Gummihandschuhen angefasst und ausgelagert, bis sie sich wieder beruhigt hat. Es gibt ganz sicher etliche Menschen, die einen Weg gefunden haben beides zu vereinen. Ist nur begraben unter dem ewig währenden Fokus auf das Negative.


Es muss vor etwa 6 Jahren gewesen sein, da hatte ich meinen ersten folgenschweren Einbruch. Zu dieser Zeit steckte ich in meiner Ausbildung zur Erzieherin, 3. Jahr von 5, glaube ich. Wie das bei allen so ist, brach meine Welt zusammen, weil die einfachsten Dinge plötzlich nicht mehr funktionierten. Ich wäre um ein Haar in eine Klinik gegangen, hatte mir das etwas einfacher vorgestellt, als es war, denn man sagte schon am Telefon, dass ich nicht gefährdet genug war. Stattdessen dann eine nicht so kompetente Hausärztin, die mir ein ururururaltes Antidepressivum verschrieb, das mich so gut wie sedierte. Wie lange ich wohl ausfiel? 2 Wochen. Therapieplatz keiner in Aussicht. Das war ganz sicher keine einfache Zeit und ich zweifelte sehr oft an mir, oft daran, ob ich das schaffe, all dem Druck gewachsen war. Vor jedem Praktikum große Versagensängste, mehrere Liter Tränen, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit. Aber ich wusste eh nicht, wie man es hätte anders machen können.Ich glaube mit einer guten therapeutischen Anbindung und einer richtigen Medikamentierung wäre das alles viel schneller gegangen, aber war nun Mal nicht so. Ich konnte ja auch immer wieder zurückblicken und mir verhohlen auf die Schulter klopfen: „Hey, schwere Depression und nur zwei Wochen Ausfall. Wow.“ [Liebes Ich von damals, ich bin es – das ist nicht worum es geht, aber das konntest du noch nicht wissen.]

Gegen Ende der Ausbildung war ich fest entschlossen, dass ich geheilt war, fühlte mich so mutig und frei. Wenn ich jetzt zurückblicke muss ich beinahe schmunzeln, war es doch eigentlich unvermeidlich, dass die Depression noch einmal käme. Und trotzdem, in den fünf Jahren meiner Ausbildung bin ich nach dem zweiten erkrankt. Ich habe mit meiner Depression und massiven Schlafstörungen und einem weniger guten Medikament circa 6 Praktika gemacht und das letzte Jahr der Ausbildung in einem Heim gearbeitet. ICH! Mit Schichtdiensten. Mit Jugendlichen, die selbst psychisch erkrankt waren. Das war das vielleicht beste und waghalsigste, was ich hätte tun können.

Denn ja, ich habe am eigenen Leib erfahren, wie es ist, wenn nichts mehr geht, wie es ist, wenn man sich wünscht nicht mehr zu leben und wie sich Sinnlosigkeit durch und durch im Leben breit macht. Und ja, vielleicht wäre ich heute schon viel „geheilter“, hätte ich die Depression damals anders und intensiver behandelt. Aber so ist es nun einmal nicht passiert. Und was ich nun auch weiß ist, dass die Depression nicht zwangsläufig das ganze Leben lahmlegen muss. Das es Wege und Mittel gibt. Damals sah ich das anders – aber im Nachhinein weiß ich, dass Ausfallen total okay gewesen wäre, auch mehr, als zwei Wochen.  Wenn es nicht mehr so weiter geht, wie es bisher war, heißt das nicht, dass der Weg enden muss – er wird vielleicht einfach nur anders oder man wandert eine Weile lang abseits und ein Einbruch bedeutet NIE,NIE,NIEMALS, dass alles umsonst war. Das war es nie und wird es nie sein. 


Das ist aber längst nicht das Ende meiner Erfahrungen zu diesem Thema. Ich habe nämlich noch ein abgebrochenes Studium, einen handwerklichen Job und einen 450 Euro Job anzubieten, von denen ich euch aber das nächste Mal berichten werde.

Und hey, ich lebe noch, die Sonne scheint vor meinem Fenster. Mein Weg war nicht geradlinig und auch, wenn es sich in so vielen Momenten nach Versagen anfühlte, darf das so sein. Denn ich bin nicht gesund. Aber ich bin auch nicht so krank, dass ausschließlich davon mein Leben bestimmt wird. Und sollte ich es doch einmal wieder werden, dann weiß ich Dank meiner Erfahrungen, dass ich ernteut so gesund werden kann, dass mir Entscheidungen über mein Leben gelingen werden.

So, jetzt fühle ich mich wie ein Kalenderblatt, das einen super-klugen Spruch ausgespuckt hat. Samstägliche Ergüsse. Ich hab heute irgendwie Liebe abzugeben – also geht sie an euch. (Ist schon Frühling?Total bekloppt heute)

9 Kommentare zu „Depression und Arbeitsleben Part I“

  1. ich bin vor 1,5 jahren hingefallen. erneut. aber dieses mal schaffe ich es trotz klinik nicht einfach aufzustehen. das schleche gewissen, gerade in dieser situation des nichtstuns, nichtarbeitens ein versager zu sein, von anderen belächelt und für faul gehalten zu werden. wünschte, könnte dieses „was andere denken“ abschalten zu können… glaube nämlich, dass diese gedanken mich tatsächlich vom aufstehen abhalten.

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    1. Ja. Ich hatte dieses schlechte Gewissen auch schon. Ich hatte es sogar, während ich stand, weil ich nicht so gesund bin,wie Andere. Pfui Leistungsgesellschaft, pfui Leistungskopf. Es ist nicht nur das, was Andere von dir halten könnten, es ist vor allem das, was man selbst von sich denkt. Mach das, was dir hilft gesund/ gesünder zu werden, was dir hilft und gut tut und nicht das was man von dir erwartet. Das ist hart und leicht gesagt – ich arbeite seit ein paar Monaten nur einen Tag in der Woche, werde von meinen Eltern unterstützt. Das war aber eine bewusste Entscheidung, weil ich dringend Zeit brauchte, um stabiler zu werden. Bald arbeite ich mehr, dazu habe ich aber ganz schön gebraucht. Und ich habe für mich gemerkt, dass ich mein härtester Kritiker bin.
      Alles Liebe 💚

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  2. Ein sehr schön geschriebener Post! Ich finde es ganz stark, dass und wie du deine Ausbildung trotz allem beendet hast!

    Googelaktionen zum Thema Depression und Arbeiten haben mich auch oft mehr frustriert als ermutigt, genau so wie Gespräche mit Mitpatienten in der Klinik. Ich glaube, es ist tatsächlich so, dass die Leute, bei denen es irgendwann wieder gut läuft, selten darüber schreiben. (Und in der Klinik trifft man ja zwangsläufig nur Leute, denen es gerade bescheiden geht). Sie genießen ihre wiedergewonnene Stabilität, während diejenigen, denen es n gut geht, dann über ihre negativen Erfahrungen berichten (was ich auch völlig ok und nachvollziehbar finde, tue ich ja auch!). Nur demotivieren kann es einen manchmal schon und den Eindruck von Hoffnungslosigkeit erzeugen. Darum möchte ich mir jetzt das Googeln zu dieser und ähnlichen Fragestellungen abgewöhnen . Jeder von uns Depressionsbetroffenen istanders, zeigt eine spezielle Symptomkombination, hat andere Lebensumstände, Motivation, Ängste, reagiert individuell auf Therapie und/oder Medikamente… Darum hab ich mir vorgenommen, mich weniger mit anderen zu vergleichen 🙂 Wie genau es sich schließlich bei mir entwickeln wird, kann mir niemand vorhersagen.

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    1. Da hast du ganz Recht!!! Aber das war für mich der Hauptgrund für diesen Blog. Überall geht es immer nur um „wie werde ich die Depression los“ – ist ja gut, aber was mache ich, wenn ich sie habe. Ich brauche dir nicht sagen wie schauderlich es einem gehen kann. Ich hoffe ich kann ein bisschen Mut machen und das Internet ein klein bisschen positivizieren 😁
      Selbst im Grau ist manchmal ein kleines bisschen bunt. Auch, wenn ich mir beim nächsten Tief vermutlich einen verächtlichen Blick zu werfen werde,für diesen Satz…
      Deine Kommentare zum Beispiel tun mir stets gut 🙂 ergänzen und bereichern mich. Juhu, was schreibe ich hier eigentlich? Vom Thema abgekommen 😂

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      1. Ja, das stimmt, darum mag ich Blogs u.a. auch so gern! Man lernt so viele verschiedene Menschen und Lebenswege kennen, denen man im Alltag wahrscheinlich nie begegnet wäre, man kann von einander lernen, sich gegenseitig Mit machen und Freude und Schmerz teilen ❤

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  3. Danke für deinen Beitrag. 💕
    Ich kann mich darin gut wieder finden und bin gespannt, wie es weiter geht. 😊
    Ich habe auch immer weiter gearbeitet und mich gequält und später hieß es, wir fragen uns, was du überhaupt den ganzen Tag machst. Dass ich um mein Leben gekämpft habe, haben sie natürlich nicht gesehen – wollten sie nicht sehen. Denn andere Kollegen sehen sehr wohl, dass wenn etwas nicht stimmt. Aber ich glaube, das hat auch was damit zu tun, dass man nicht nett zu sich selbst ist. Sonst würde man sich die Auszeit gönnen, und dafür sorgen wieder zu Kräften zu kommen.

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