Depression und Arbeitsleben Part II

So. Da stand ich nun also. Hatte unter größten Ängsten, mit Panikattacken, mit Unmengen an Tränen, größten Selbstzweifeln und einer erdachten Abwärtsspirale in meinem Kopf die Ausbildung zur Erzieherin absolviert. Nicht nur das, ich hatte mit meinen Schlafstörungen sogar im Schicht- und Nachtdienst gearbeitet. Ich war zuversichtlich, wollte mehr, konnte schon immer gut analysieren und Anderen weiterhelfen. Mein Fundament basierte ganz stark auf: „Du hattest Depressionen und hast alles durchgezogen. Das macht dich stark. Du funktionierst immer. Du hast zu funktioniere, sonst geht die Gleichung nicht mehr auf.“ Mein Monsterherz hatte ich zu jener Zeit irgendwo tief vergraben und mit positiveren Dingen vollgestellt, Antidepressiva nahm ich auch schon seit einer Weile nicht mehr. Aber immer noch mit meiner Abwärtsspirale im Kopf – für alle, die damit nichts anfangen können, ein Auszug:

Wenn ich depressiv bin, kann ich nicht mehr schlafen, dann funktioniere ich nicht mehr, ich werde Benzodiazepine nehmen müssen, um nicht an den Panikattacken zu sterben(gefühlt). Dann werde ich davon abhängig und komme nie mehr ohne klar. Ich werde nicht arbeiten können, muss vom Amt leben und werde alle meine Freunde verlieren. Ich werde allein und isoliert sein. Dauernd in die Klinik müssen und mich umbringen wollen. Ich bin eine Versagerin.

Das macht in etwa so viel Spaß, wie es sich danach anhört. Zu jener Zeit aber war es ein unzerbrechliches Manifest in mir, weshalb ich immer dachte, dass alles oder aber nichts ginge. Leistungsfähigkeit oder Versagen. Da war jemand mal wieder ungemein nett zu sich selbst, naja. Mit ziemlichen utopischen Vorstellungen zog ich in eine andere Stadt, um dort Soziale Arbeit zu studieren. Weil meine Mutter und xx andere Familienangehörige bis dato Krebs hatten, war ich der Meinung ich sollte in der onkologischen Angehörigenberatung arbeiten. Ich suchte mir einen 450 Euro- Job als Erzieherin, ich fühlte mich mutig und frei. Das Studieren machte mir ziemlich viel Spaß, ich liebe es neue Dinge zu lernen und tatsächlich schreibe ich so etwas wie Hausarbeiten auch halbwegs gerne. Ich fand Freunde und nach kurzer Zeit auch H., meinen Freund. Die familiäre Situation hingegen spitzte sich immer weiter zu und ich suchte die psychologische Beratung des Studentenwerkes auf, weil meine Mutter immer mehr trank und teilweise psychotisch wirkte. Ich wollte wissen, wie ich helfen könne. Die dortige Psychologin empfahl mir selbst zu einer Therapeutin zu gehen, da ich nur mir selbst helfen könnte. Glücklicherweise besaß ich wohl doch noch einen Funken Einschätzungsvermögen was mich selbst betraf und folgte diesem Rat, was mich erstmals in meinem Leben zu einer hilfreichen Therapie brachte.

Noch immer der festen Überzeugung die Depression hinter mir gelassen zu haben, studierte ich munter weiter, absolvierte Prüfungen, arbeitete nebenher in einem Hort und ging zu einer Therapie, von der ich dachte, dass ich sie gar nicht unbedingt bräuchte. Manchmal saß ich zu Hause und weinte, auf Grund absurdester Nachrichten oder betrunkener Anrufe seitens meiner Mutter und dem ewigen schön Redens meines Vaters. Aber Anzeichen sah ich keine. Oder dass ich es wirklich schwer hatte. Oder aber dass die genetische Disposition wie ein grellgelbes Neon-Ausrufezeichen über mir schwebte. Meine Therapeutin schon. Sorgenvoll betrachtete sie mich und sagte mir, dass ich mich doch ununterbrochen selbst überginge. Echt? Nö. Also machte ich weiter und weiter. Für das Praxissemester suchte ich mir eine Beratungsstelle für Täter oder Mitwissende, eine, bei der man anonym anrufen kann, wenn man der Familie gegenüber gewalttätig ist oder einen Missbrauch mitbekommen hat. Das suchte ich mir nicht aus, weil ich total spinne, sondern weil ich die Arbeit mit den Tätern so unglaublich wichtig finde, weil ich es heftig und gut finde, wenn jemand eine Pädophilie-Selbsthilfegruppe leitet. Das ist meine Meinung, Dinge verschwinden nicht, wenn man so tut, als seien sie nicht da. Aber dennoch, man merkt es schon, ich wollte immer mehr, immer größere Herausforderungen, immer noch krassere Sachen. Davor aber stand noch ein kurzes Praktikum in einem Heim mit Flüchtlingen an, ich freute mich darauf.

Und dann passierte es. Es war Sommer, es war warm, in einer Woche sollte das kurze Praktikum im Heim beginnen. Ich hatte eine Nasennebenhöhlenentzündung[interessant – Panikattacke gibt es hier als Wort nicht und diese laaaange Entzündung schon], mir wurde Penicillin verschrieben, worauf ich vor allem psychisch allergisch reagierte und TADA, die Depression zog wieder ein. Schlaflosigkeit, Herzrasen, Panik, die Symptome holten das hoch, was ohnehin nicht mehr lange weggedrängt hätte werden können. Meine Welt, in der ich ja trotzdem immer funktionierte, noch nie irgendetwas abgebrochen hatte und somit kein vollkommener Versager war, bröckelte. Fiel zusammen. Als ich das Praktikum im Heim absagte/ verschieben wollte, zitterte ich am ganzen Körper, war ein einziges Tränenmeer, hatte solche Angst. Und ich sagte sogar, dass es mir auf Grund der Nebenwirkungen des Antibiotika nicht gut ging. Aber die Nebenwirkungen blieben. Und so schrieb ich eine Woche später eine Mail, dass es mir sehr leid tute, ich aber derzeit unter depressiven Symptomen leide und das Praktikum deshalb nicht machen kann. KEINE ANTWORT. Dabei hatte ich an drei verschiedene Personen geschrieben. Nichts. Es ging mir sehr schlecht, ich hatte Angst, so große Angst. Schließlich beantragte ich ein Urlaubssemester. Und sagte das andere Praktikum, die Beratungsstelle ab. Mit der wackeligsten Stimme, die ich je hatte. Ich traute mich nicht noch einmal die Wahrheit zu sagen und nannte dort die schwere Erkrankung meiner Mutter als Grund. Man hatte größtes Verständnis und war dort so begeistert von mir gewesen, dass sie fragten, ob sie mich in einem Jahr anrufen dürften, vielleicht ginge es ja dann.

Als jemand, der nie irgendetwas abgebrochen hat und das zudem mit höchst unangenehmen Gefühlen verband, war die darauffolgende Zeit geprägt von Scham-, Schuld- und Versagensgefühlen. In Absprache mit meinen Eltern, die meine Miete zahlten, atmete ich erstmal durch. Nein, eigentlich weinte ich durch. Oder lief wie eine besessene kilometerlang irgendwo spazieren. Hm – jetzt gerade ist das Gefühl so präsent, dass ich direkt wieder losheulen konnte. Meine Therapeutin sagte mir niemals, dass sie wusste, dass das passieren würde. Aber ich konnte es in ihren Augen sehen. Sie hatte besser auf mich und meine Gefühle aufgepasst, als ich es während der ganzen Zeit je getan hatte. Jeder, der mich genauer kannte, wusste besser was mit mir los war, als ich. Das übliche Prozedere begann. „Warum ich?“, „Was habe ich nur getan, dass ich das verdient habe?“ – „Wie komme ich da schnellstmöglich wieder heraus?“, „Bin ich liebenswert?“, „Woher?“ – und und und. Auf dem Sofa weinend zusammensinken, am ganzen Körper zittern, Verzweiflung in jeder Pore spüren, mit dem Schicksal hadern, am Ende sein. Nicht, dass all diese Fragen mich je weitergebracht hätten, aber es ist für mich nicht verwunderlich, dass sie da waren – wo ich das Thema die vergangenen Jahre doch so konsequent verdrängt hatte. Niemals etwas mit der Depression zu tun haben wollte, wenn es mir gut ging. Und was macht man eigentlich, wenn man plötzlich keine Aufgabe mehr hat? Worüber definiert sich dann der eigene Wert?

Ist der Text jetzt schon zu lang und die Aufmerksamkeitsspanne beendet? Jedes Mal denke ich mir, ich könnte das alles im Wesentlichen zusammenfassen. Aber dann lässt sich doch jener Umstand nicht ohne diese Anmerkung erklären und so wird aus wenig immer viel. Tja, dann gibt es wohl noch einen dritten Teil. Irgendwo muss es ja schließlich mal davon handeln, wie man Depression haben und Arbeiten gehen kann. Was, so viel will gesagt sein, bei mir vor allem etwas mit Selbstakzeptanz zu tun hat.

So stolz alle Welt auf mich war, weil ich trotz Depression schon so viel hinbekommen habe, war dieser Teil, über den ich mich durchaus definiert habe, nun weg. Denn ich sagte ab, verschob, beendete und zog erstmals nicht durch. Worauf sollte ich nun noch stolz sein? Wie fühlt man sich vollwertig, wenn man in den eigenen Augen und vielleicht auch in denen der Gesellschaft minderwertig ist, weil man nichts leisten kann? Tja, ob mit oder ohne den Nebenwirkungen des Antibiotikums – ich liebte mich selbst nicht, ich achtete auf mich nicht, ich überging alle meine Bedürfnisse, ich erwartete Bestleistung in jedem Moment, hatte keinerlei Nachsicht mit mir selbst. Allzu viel hatte ich aus meiner ersten großen Depression nicht gelernt. Die Depression ist nicht mein Feind, auch wenn es sich manchmal so anfühlt. Das Monsterherz passt auch auf mich auf, denn so, wie es zu jener Zeit war, hätte ich nienieniemals weitermachen können/sollen/dürfen.

Hinterher ist man immer klüger und so 😉 deshalb übrigens auch das Bild mit der Schranke. Die Depression behindert mich manchmal, vor allem im Beruf. Aber sie bringt mich, also das richtige ICH in MIR auch weiter.

 

16 Gedanken zu “Depression und Arbeitsleben Part II

  1. Ich finde es wunderbar, wie du schreibst und diese komplexe Situation aufarbeitest, ihr eine sinngebende Struktur gibst, auch wenn es noch immer schmerzt. Auch wenn meine Situation „inhaltlich“ nicht deckungsgleich ist, erkenne ich – wie wahrscheinlich viele andere hier – die Grundlinien meines eigenen Konflikts in deinem Text wieder, die Linien, mit denen ich gerade momentan sehr kämpfe. Was aber gerade bei dem Ansatz wunderschön ist, den du stets betonst zu verfolgen, ist, dass du einen gesunden Weg suchst, MIT der Depression zu leben, nicht GEGEN sie. Das ist noch etwas, womit ich relativ am Anfang stehe, obwohl ich durch meinen Kontext auch schon lange gezwungen war, es unbewusst zu tun. Aber ich merke, wie mir die offizielle Diagnose ein wenig die Augen geöffnet hat und ich habe manchmal das Gefühl, dass sich mein Blick auf die Welt und ihre gesellschaftlichen Prinzipien damit auch begonnen hat, sich zu ändern. Dazu gehört auch der Leistungsbegriff und die eigene Identität. Naja, noch sind meine alten Denkmuster da, aber ich wünsche uns allen, dass wir unseren „Wert“ von unserer Funktionsfähigkeit abkoppeln können.

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    • Sagen wir mal so, ich habe mich jetzt beinahe ein Jahr sehr damit auseinandergesetzt. Ich stolpere immer und immer wieder über meine eigene Härte, meine Erwartungen und all die Dinge, von denen ich mich ein wenig mehr lösen sollte. Da gibt es eine Postkarte die ich so gern mag. ‚I still have a long way to go, but I’m already so far from where I used to be. And I’m proud of that.‘
      Ich habe Jahre des Verdrängens, der Leugnung und des Kampfes hinter mir. Ich bin noch immer unendlich ungeduldig mit mir und wäre meinem ärgsten Feind gegenüber verständnisvoller, als ich es mir gegenüber bin. Aber ich habe das Gefühl, dass ich endlich einen Weg gefunden habe, den ich langfristig gehen kann. Und da bin auch ich noch sehr am Anfang.
      Manchmal sind eure Worte und das Verständnis wirklich Balsam auf der Seele, das muss gesagt sein!!!!

      Gefällt 2 Personen

  2. Ich danke dir dafür, dass du mit der verdammt ehrlichen und unbeschönigten Weise, Menschen Einblick in die depressive Welt gewährst. Leider ist die Stigmatisierung in unserer Gesellschaft immer noch viel zu hoch und Gedankenkonstrukte, wie eine Depression suche man sich aus oder zeigen einfach eine große Faulheit, lassen auch Betroffene die eh schon an sich zweifeln, noch mehr in sich zurückziehen. Mutige Menschen wie du, können dabei wirklich was in den (interessierten) Köpfen verändern.

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