Depression und Arbeitsleben – der letzte Teil

Ziemlich verzweifelt und ohne eine Vorstellung davon, wie es nun weitergehen könnte oder würde, hatte ich also das erste Mal etwas beendet, anstatt es durch zu ziehen. Ich sah mich in den Augen der Gesellschaft, zweifellos als absolute Versagerin, ohne zu begreifen, dass es eigentlich meine eigenen Augen waren, durch die ich mich anschaute. „Nur wer arbeiten geht, ist ein wertvolles Mitglieder Gesellschaft. Ausgenommen sind natürlich die, die krank oder alt sind, die sind trotzdem wertvoll.“ Da zählte ich mich selbst aber natürlich nicht dazu. Alles was ich war: Eine Versagerin.

Sich in einer schwierigen Lage selbst fertig zu machen, hat sich in meinem Leben noch nie als hilfreich bewährt – ich tat es trotzdem, wieder. Nahm die Depression nicht ernst. Nahm mich nicht ernst. Spielte das alte Spiel. So weit weg, von der, die ich sein wollte. War, wer ich nicht sein sollte.

Schließlich kam nach zwei Monaten mein Vater auf mich zu, der eine kleine Firma und zu jener Zeit personellen Engpass hatte. Es ging um eine handwerkliche Tätigkeit – mal etwas ganz anderes. Ich fühlte mich einigermaßen wohl bei dem Gedanken für jemanden zu arbeiten, der Bescheid wusste, über mein kaputt-sein, über meine unglaublich große Versagensangst. Weniger begeistert war ich davon, dass ich auf Montage sein und nächtelang in irgendwelchen Hotels schlafen sollte.

Schlafstörungen. Angst. Ihr wisst schon.

Aber ich tat es. Und es funktionierte, ich schlief, ich stand um fünf Uhr morgens auf, ich verrichtete weniger komplexe, aber körperlich anstrengende Arbeit, trug Engelbert&Strauß, statt Jeans. Gerade das monotone Werkeln war sehr heilsam, glaube ich. Oder das ununterbrochene Umgeben- Sein von Anderen, die geselligen Runden am Abend. Ich schämte mich nicht dafür – aber ich schämte mich noch immer für mich, dafür, dass ich überhaupt dorthin gekommen war. [Mensch Monsterherz, hättest dir ja auch denken können, dass du echt das Beste aus der Situation gemacht hast, statt dieser negativen Endlosschleife.]. Außerdem ging es mir nicht wirklich besser, mein Zustand wackelig und labil, das ausprobierte Antidepressivum hatte fürchterliche Nebenwirkungen auf meine Psyche. Ich setzte es schleunigst wieder ab. An manchen Tagen war ich zwischen Schrauben, Federmuttern und Alu- Streben so kurz vor dem Weinen, so kurz davor auf Grund der anhaltenden Schwere zu explodieren. Aber immerhin war da wer, dem ich zwischendurch sagen konnte, wie es mir wirklich geht, vor dem ich das Monsterherz nicht verstecken musste. Und wieder war alle Welt stolz auf mich, wie toll ich das doch meisterte, alle, nur ich nicht. Zwar sah ich meine Therapeutin wegen der vielen Montage kaum, aber ich glaube sie hatte es nicht leicht, während sie darauf wartete, bis ich endlich begreifen würde, was sie mir zu sagen versuchte. Ab und zu war ich wütend und wünschte mir so sehr, dass psychische Erkrankungen anerkannter wären, dass ich einfach sagen könnte, was mit mir nicht stimmte, ohne Angst davor zu haben stigmatisiert zu werden. Vielleicht ist es einfacher den Fehler erstmal in der Gesellschaft, statt bei sich selbst zu suchen. Ich finde ich kann nicht erwarten, dass irgendwer mich annimmt, wie ich bin, wenn ich es selbst nicht tue. Wenngleich trotzdem noch viel zu viele Vorurteile über Menschen mit Depressionen herumgeistern.

Ich hatte Tag für Tag mit meiner Depression zu kämpfen, meine Mutter trank immer mehr Alkohol und ich bekam mich mit meinem Vater immer wieder in die Haare, weil er die Dinge nicht so schlimm sah. Ich hatte während der ganzen Zeit einmal die Woche in dem Hort weitergearbeitet, weil ich meinen unbefristeten Vertrag nicht verlieren wollte und plante meine Stunden als Erzieherin aufzustocken. Ein bisschen Selbstbewusstsein war dann doch zurück gekehrt. Schließlich kam jedoch, viel früher, als erwartet die Leitung des Hortes auf mich zu und fragte mich, ob ich für zwei Monate eine Krankheitsvertretung machen könnte. HILFE! So schnell war das doch nicht geplant! Ich wollte mich doch erst gedanklich darauf vorbereiten.

Eine sehr gute Freundin von mir sagte die Worte, die meine Entscheidung zu diesem Angebot schließlich maßgeblich beeinflussten. „Ob du die Stelle jetzt, oder eine andere in zwei Monaten annimmst und wie sehr du dich auch gedanklich darauf vorbereitest, diese Hürde wird so oder so da sein. Und da musst du drüber. Jetzt oder dann, ist völlig egal.“ Sie hatte Recht und ich nahm die Stelle an, immerhin kannte ich die Einrichtung zumindest und es wäre kein kompletter Neuanfang. Zu dieser Zeit hatte ich ziemlich viel begriffen. Etwa wie wenig ich auf mich Acht gab, wie sehr ich mich die letzten Jahre vernachlässigt hatte und dass ich mit meiner Empathie bei allen war, außer bei mir. Und ich versuchte es nochmal mit einem anderen Medikament. Zusätzlich zu meiner Versagensangst hatte ich die grauenvollsten Einschleich- Nebenwirkungen meines Lebens. Nur noch Angst. Verzweiflung. Kaum mehr Schlaf. Perfekte Voraussetzungen für einen Arbeitsbeginn. Ich setzte es aber nicht ab, weil ich so sehr wollte, dass es dann wirkt. Weil ich einen ganz komischen Leberstoffwechsel hat, der macht, dass ich auf alle Medikamente komisch reagiere.

Ich weiß noch, es war ein Mittwoch, an dem ich dort „anfing“. Für Donnerstag und Freitag meldete ich mich krank, weil ich so sehr am Ende war, nicht einen Tag länger irgendeine Maske tragen oder den Kindern irgendwelche vernünftigen Antworten geben konnte. In mir drin gab es etwas, das mir, seit ich Anfang 20 war sagte, dass ich immer nur eine Chance hätte, um etwas zu schaffen. Dann würde die Angst und der Respekt davor so groß, dass ich es nicht nochmal machen könnte. Hallo? Was ist denn das für eine Einstellung und wo habe ich die bitte her? Ich dachte also die Sache sei gelaufen – fasste dann aber einen anderen Entschluss.

Der darauffolgende Montag: Ich heule, ich fahre mit dem Fahrrad in die Arbeit und heule, mir ist schlecht, ich muss fast kotzen, ich hab Angst, eine riesenscheißunglaublichgroßeangst. Weil ich beschloss zu sagen, dass etwas nicht mit mir stimmte, es mir nicht gut ging, ich nicht die sein konnte, die ich die vergangenen Monate abgeliefert hatte. Und nein, ich konnte nicht aussprechen, dass ich Depressionen habe, das schaffte ich nicht. Und glaubt mir, ich tue mir dermaßen schwer damit nicht authentisch zu sein oder zu lügen. Aber ich erzählte zumindest die Halbwahrheit, wie schwierig es mit meiner Mutter sei, wie sehr ich darunter leide und dass es mir nicht gut geht und bat das an die restlichen Kollegen weiterzuleiten. Wisst ihr was? Es machte PUFF und ich war plötzlich frei, der Druck war weg, das Monsterherz etwas zufriedener(schließlich stand ich ja so haaalb dazu) und ich arbeitete so leistungsstark wie immer. Ich glaube das war einer meiner mutigsten Tage in 2016. Und ich hatte mir selbst die Anforderung genommen immerzu perfekt sein zu müssen. Die nächsten zwei Monate liefen toll, die Menschen um mich herum waren wieder ungeheuer stolz auf mich – aber ich war diesmal ein bisschen anders.

Fröhlich beschwingt, mit ohne Einschleich-Nebenwirkungen und mit viel mehr Selbstvertrauen und der erstmaligen Erfahrung, dass ich etwas unterbrochen und dann wieder aufgenommen hatte und das funktionierte, musste ich mich einer Meniskus-Op unterziehen. Sechs Wochen Krücken, zwei Monate Krankschreibung. Es machte schon wieder PUFF. Diesmal aber war es der Glauben und das Vertrauen in mich selbst, die verschwanden. Und ich wurde ärgerlich. Ärgerlich darüber, dass ich in meinem Kopf ganz genau wusste, dass ich eine gute Erzieherin war, dass ich überall gelobt wurde, man stets zufrieden mit mir war und ich aber nichts davon im Herzen trug. Ich hatte die feste Absicht gehabt erstmal als Erzieherin weiterzuarbeiten, aber ich traute mich nicht mehr, was, wenn die Depression wieder käme? Währenddessen wuchs ich aber auch – ich entschied mich bewusst gegen das Studium der Sozialen Arbeit, weil ich merkte, dass es mir, dass all die prekäre Thematik mir nicht gut tat. ICH SPÜRTE WIEDER ETWAS! Aber dadurch fiel es mir eben auch viel schwerer der perfekt funktionierende Mensch zu sein, den ich mir vorstellte.

Wieder arbeitete ich einmal die Woche in dem Hort. Und kümmerte mich nicht um eine neue Stelle. Lebte von meinem Ersparten. Fuhr zu meinen Eltern, erklärte ihnen, dass es so nicht mit mir weitergehen konnte, derselbe Mist immer und immer wieder von vorn. Bat darum, dass sie mich nochmal unterstützen – und arbeitete die letzten vier Monate nur einen Tag in der Woche. Mir fehlte es nicht an Beschäftigung, denn ich nutzte die Zeit erstmals wirklich für mich und arbeitete so hart an mir. Daran nett zu mir zu werden, den Perfektionismus in der Arbeit abzuschwächen, mich so anzunehmen wie ich bin, meine Erkrankung zu akzeptieren.

Im März ist es soweit, ich fange in einem anderen Hort an, werde wieder jeden Tag arbeiten. Vor dem Probearbeiten bin ich angstmäßig beinahe gestorben. Auf meine Art und Weise war ich dort unglaublich ehrlich. Denn ich sagte, dass meine Mutter schwer krank ist, ich nicht weiß wie lange sie noch leben wird, mein Vater und mein Bruder Depressionen haben und es nicht so leicht für mich ist. Man wollte mich haben, trotzdem. Ja, ich habe meine eigene Erkrankung mal wieder ausgespart – vielleicht bin ich irgendwann so weit. So absurd es klingt, der Krebs meiner Mutter gestattet es mir, mir zu erlauben auch mal traurig zu sein, Fehler zu machen und nicht so überragend zu funktionieren. Mit meiner Depression gelingt mir das noch nicht so gut. Aber ich bin dran. Und ich werde es irgendwann schaffen. Ich habe Angst vor dieser Veränderung, Sorge den Anforderungen nicht gewachsen zu sein, noch immer voller Versagensangst. Doch jetzt sage ich mir jeden Tag, dass ich das schaffen werde, dass ich murig bin – in der Hoffnung es dann irgendwann zu glauben, Ich weiß, dass dieser Job für mich wichtig ist, es mir unheimlich viel bedeutet das hinzubekommen und ich das schaffen MÖCHTE. So sehr!

Das allerwichtigste, das ich in den vergangenen Monaten festgestellt habe ist, dass es wirklich so sehr darauf ankommt, wie man zu sich selbst steht. Ich bin noch immer nicht die, die ich gerne sein möchte. Aber meine Prinzipien haben sich verschoben. Mein Ziel ist es mich selbst anzunehmen, in mir zu wohnen, mit mir zufrieden zu sein und auf das Monsterherz zu hören, zu achten und es ernst zu nehmen. Ja, ich möchte auch gerne arbeiten. Und es ist wunderbar, wenn das funktioniert. Aber ich bin kein minderwertiger Mensch, wenn es mir nicht gelingt, wenn ich mal krank bin, weil meine Psyche krank ist oder wenn ich Fehler mache. Ich trage noch immer so viel Groll und Gemeinheiten mit mir herum, die immer dann zum Tragen kommen, wenn ich in einem Tief bin. Und doch befinde ich mich erstmals in meinen 26 Lebensjahren auf einem Weg, der das Arbeiten, die Anforderungen und mich mit meinem Monsterherz nicht mehr zwangsläufig voneinander ausschließt. Ich glaube ich habe da etwas langfristiges gefunden – ich werde es bewahren – ich werde es üben. Und ich wünsche euch allen, dass ihr euch annehmen könnt, euch nicht verurteilt oder vergleicht, denn was wirklich zählt ist das, was ihr in euch tragt. Ich habe Jahre gebraucht um das zu kapieren und werde vielleicht noch weitere Jahre für die Umsetzung davon brauchen.

So. Hoffe ihr seid nicht eingeschlafen. Danke für’s lesen – das bedeutet mir sehr viel!

 

 

17 Gedanken zu “Depression und Arbeitsleben – der letzte Teil

  1. Nein, nicht eingeschlafen. Ich wollte aber Zeit haben um vernünftig zu antworten 😉
    Das mit dem eigenen Wert und Liebe für sich selbst zu empfinden ist wirklich nicht einfach. Alleine, es zu erkennen. Du hast das sehr gut umschrieben und dafür ein großes Danke! Lg Jule

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  2. Du bist sehr mutig, ob Du’s glaubst oder nicht 😉 Alleine das hier öffentlich ziemlich schonungslos zu erzählen ist wirklich schon ein Sprung. Dafür habe ich selbst lange gebraucht und mich die ersten Male nie wohl damit gefühlt. Ich weiß nicht, ob Du das schon sehen kannst, aber diese Tiefe, die Du durch Deine Depressionen erlebst, wird die tiefe Qualität Deines späteren Lebens maßgeblich gestalten. Was Du heute erlebst und durchmachst und dabei über Dich selbst lernst, wirst Du nie wieder vergessen. Authentisch sein passiert nicht auf Knopfdruck sondern ist ein lebenslanger Prozess, den Du sehr früh gestartet hast. Noch immer machen sich die allermeisten Menschen erst in ihren 40er oder 50er Jahren oder sogar noch später solche Gedanken. Erst langsam betrifft es die Jüngeren, die es vielleicht deshalb nicht leichter im Leben haben, aber viel echter und damit auf lange Sicht gesünder sind. Jede Krankheit, auch Depressionen, bergen Geschenke…. Von daher, weiter so!

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    • Was du schreibst ist sehr berührend. Manchmal erahne ich diese Dinge, von denen du schreibst. So ein vages Gefühl, dass das alles nicht umsonst ist oder war, dass ich daraus lerne und ja, tatsächlich gebe ich mich dadurch auf mich Acht.
      Darüber zu schreiben macht mir nicht so viel aus – das liegt aber eher daran, dass ich mich dann oft in einer Art Meta-Ebene befinde, in der ich ganz klar und relativ unemotional darüber reden/schreiben kann. Theoretisch finde ich mich da schon ziemlich gut und auch mutig – praktisch klappe ich dann aber immer wieder zusammen, wie ein Kartenhaus. Ich habe das Gefühl die letzten Jahre bestimmen Geduld und Übung mein Leben. Das fällt mir sehr schwer, aber notwendig ist es ja allemal. Danke für deinen Zuspruch, der tut sehr gut, das tut er wirklich!

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  3. Ich komme erst jetzt dazu, deinen Text zu lesen – nach einer recht verrückten Woche. Mein Kopf ist zwar noch in Hektik, aber ich möchte auch einfach nur (wieder mal) ein Danke aussprechen. Dafür dass ich mich hier wiedererkennen darf und immer ein Stückchen mehr annehmen und ernstnehmen darf, wer ich bin, mit Depression. 🙂

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    • Ach, wenn ihr wüsstet, wie sehr mich das immer berührt, wenn ich solche Kommentare zu meinen Texten lese! Es ist immer noch ein bisschen komisch für mich, dass durch das Öffnen und wie man sich auf dem Blog präsentiert so ein Gefühl von Verbindung entstehen kann. So etwas anrührendes, ergreifendes und doch auch bedeutendes. Denn ich denke ich schreibe schon auch, um mit anderen zu kommunizieren. Mit Gleichgesinnten zum Beispiel. Das ist einfach so schön!
      Ich hoffe du kommst zum entspannen!!

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