Was wäre wenn geht immer.

Das ist trotzdem keine Methode, die ich empfehlen kann. Obwohl ich sie selbst dutzende von Malen angewendet habe, wann immer ich mich selbst nicht aushalten konnte. Und auch heute erwische ich mich hin und wieder dabei, wie ich Hand in Hand mit dem Konjunktiv davon spaziere.

Zuerst einmal wäre da der ausgeprägte Gedanke daran, dass mit mehr Geld alles leichter sei. Ohne jeden Zweifel mag das des Öfteren zutreffen. Aber nicht wenn es darum geht, dass ich dann nicht mehr arbeiten gehen müsste. Von meiner Versagensangst befreit und endlich glücklich wäre. Haha.  Ich denke in dieser Vorstellung habe ich sicher fünf oder sechs Jahre gebadet, mir glitzernde Zukunftswolken ausgemalt. Ein bisschen wie eine Prinzessin sein wollen, wie die auf dem Titelbild, einem vermeintlichen Ideal hinterherjagen, statt sich der Gegebenheiten bewusst zu sein.

20160129_154718

Manchmal war ich dann auch richtig genervt von dieser Stigmatisierung, die mit psychischen Erkrankungen einhergeht, die mangelnde Aufgeklärtheit, die nicht sonderlich ausgeprägte Forschung an Ursachen und Hilfen. Also stellte ich mir vor eine Berühmtheit zu sein, eine bekannte Autorin vielleicht – schließlich bekommen populäre Menschen für ihre Geständnisse zu psychischen Problemen ja  Anerkennung. Ach, was haben die es doch viel leichter. Hätte ich also ausreichend finanzielle Mittel und wäre ich berühmt, dann wäre mit meiner Depression alles gleich viel besser. Oder eine Forscherin? Wissenschaftlerin? Irgendein Beruf bei dem ich ganz für mich bin?

Wären meine Eltern nur diese oder jene.

Könnte ich doch bloß ganz ausgezeichnet Malen.

Oder Singen.

Irgendwas, bloß irgendwas.

Nur nicht ich.

Bis hin zu solchen Gedanken, für die mich einige Leser möglicherweise mit bösen Blicken strafen…hätte ich nur einen Autounfall, einen solchen, bei dem ich nicht sterbe, aber ein bisschen geschädigt bin. Denn dann hätte ich endlich einen Grund für meine tiefe Traurigkeit, meine kaum vorhandene Selbstachtung. Das aber ist pure Verzweiflung, ein stummer Schrei nach Akzeptanz, nach solcher, die man sich selbst ohne körperliche Verletzung nicht zugestehen kann. Lange Zeit habe ich mich wegen solcher Gedanken absolut undankbar gefühlt, mich noch ein wenig mehr selbst verachtet – aber heute weiß ich, was dahinter steckt. Damit setze ich niemand anderen herab, dahinter steckt kein Todeswunsch oder das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit – nur der Wunsch endlich einen richtigen Grund dafür zu haben sich so zu fühlen, wie man sich fühlt. Weil es die Depression allein nicht tut.

Aber in Wirklichkeit weiß der Konjunktiv nichts darüber, was wahr oder falsch ist, er bringt mich mit seinem hätte/würde/könnte kein bisschen weiter. Und wenn ich mich auf ihn verlasse, fange ich an mich zu vergleichen, Dinge zu beschönigen und mich selbst zur Abwechslung mal wieder so ganz und gar nicht ernst zu nehmen.

Denn wenn ich ganz ehrlich bin, weiß ich ganz genau, dass die Gesundheit und das Wohlfühlen nicht von außen kommen. Es gibt immer krankmachende äußere Umstände, aus denen man sich mit unglaublich viel Mühe hoffentlich lösen kann. Aber der ganze Rest, der ist nur in mir. Und wäre ich berühmt, dann würde das an meiner Depression nichts ändern. Das Geld würde dafür sorgen, dass ich nicht mehr arbeiten müsste – aber mich nicht glücklich machen können, mich vor meiner Angst davonlaufen lassen. Und hätte ich einen isolierten Job, bei dem mich niemand sehen würde, dann hätte ich trotzdem gelähmte Arme, wenn ich sie eigentlich bräuchte, könnte ich nicht, es ginge nicht. Denn der Konjunktiv in mir bedient nichts, was helfen würde – er baut nur Traumschlösser, die bei genauerem Hinsehen in der Luft verpuffen.

Ich wäre gerne jemand, der einfach aufsteht und seinen Job macht, ohne groß nachzudenken. Jemand, der weder Versagensängste, noch Schlafstörungen oder sowieso Depressionen kennt. Der mutig ist, so wie ich finde, dass andere Menschen mutig sind.

Aber das bin ich nicht. Und so habe ich den Konjunktiv in letzter Zeit ein wenig umgebaut, ihn auseinander genommen, gehämmert und gesägt, bis er etwas wurde, was funktionieren könnte. 

Ich möchte netter zu mir selbst sein. Ich will mich akzeptieren, so wie ich bin. Nicht mehr länger jemand sein wollen, sondern sein wer ich bin. In mir selbst wohnen lernen – weil es dann irgendwann egal ist, wo ich bin. Ich weiß nicht wie viel Zeit ich damit verbrachte daran zu denken wie es anders sein könnte, statt anders zu sein. Es war auf jeden Fall viel zu viel!

 

 

20 Kommentare zu „Was wäre wenn geht immer.“

  1. Ein so wunderschön ehrlicher Text… das ist wie Balsam… ich habe oft ähnliche Gedanken gedacht in meiner Vergangenheit und mich dafür nur noch mehr verachtet. Aber nichtsdestotrotz bin ich nicht die einzige, die findet, dass du schon so viel von diesem Mutigsein und In-sich-selbst-wohnen ausstrahlst. Und ich wünsche dir von ganzem Herzen, dass sich das noch viel weiter ausbreitet, wie innere Wärme. 🙂

    Gefällt 2 Personen

  2. Ja, dieser Wunsch, von außen Anerkennung und Wertschätzung zu erhalten, ist groß. Und steckt in jedem Menschen. Aber es geht darum, dass ich (!) meine Depression akzeptiere. Und dann das tue, was möglich ist. Wir wissen ja gar nicht (oder nur in seltenen Fällen), wie viele schlaflose Nächte meinetwegen Schauspielerinnen oder Wissenschaftlerinnen haben, und eben trotzdem weiter arbeiten. Wir wissen unbedingt, dass Geld nicht glücklich macht. Obwohl ich aus eigener Erfahrung weiß, wie gut es ist, wenn es hier und da mal plötzlich da ist. Und wir wissen, Angst kümmert sich nicht um Gegebenheiten. Es gibt nichts, was sie verscheucht. Außer wir selbst. Wir brauchen keine Superwoman-Kräfte. Alles was wir brauchen, haben wir schon in uns.

    Gefällt 3 Personen

  3. Was für ein schöner und wahrer Artikel! Vielen Dank dafür!
    Ach, dieses Träumen in Konjunktiven kenne ich auch so gut … Wäre ich glücklicher/gesünder, wenn ich einen anderen Nebenjob hätte, mehr Geld? Meine Familie öfter sehen könnte als jetzt durch die räumliche Entfernung oder meinen Bachelor in der Regelstudienzeit abgeschlossen hätte? Vielleicht würden all diese Punkte manchmal etwas Anspannung herausnehmen. Finanzielle Sorgen belasten zusätzlich, ein anderer Job würde vllt noch mehr Spaß machen usw. Letztlich ändert all das aber nichts daran, wer und wie ich bin. Wie du geschrieben hast, hilft es mir nicht, mehr mit mir im Reinen zu sein, an mich zu glauben und vieles anderes, was so wichtig ist.

    Gefällt 2 Personen

  4. Spannend geschrieben. Ich glaube, das ‚Was wäre wenn-‚Spielchen hat viel mit Perspektive zu tun. Ich habe es als unglaublich gutes Mittel gegen festgefahrene Gedanken kennengelernt. Zum Beispiel: Was wäre, wenn die Idee, dass alles nur am Geld hängt, gar nicht wahr wäre? Oder: Was wäre, wenn ich mich in (xy) getäuscht habe? Quasi als Hinterfragung der beschränkenden, zurückhaltenden Gedanken. Auch hier: auf die Perspektive kommt es wohl an. Man kann es nutzen, um sich vor der Verantwortung zu drücken (meine Freundin nennt es ‚Luftschlösser bauen und dann darauf warten, dass sie real werden) oder um sich eben genau auf die eigene Verantwortung zu besinnen… Das waren jetzt zumindest meine Gedanken zu Deinem erhellenden Text 😉

    Gefällt 2 Personen

    1. Deine Gedanken sind erhellend! Das ist doch eine sehr schöne Perspektive, ich glaube sogar, dass ich die manchmal auch in Betracht ziehe. Ich quäle auch gerne meine Lieblingsmenschen mit „was wäre wenn“ – Fragen.
      Da habe ich in meinem Beitrag ja ganz und gar die positive Seite des Konjunktives vergessen 😌

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s