Ich bin nicht verloren

…hab nur noch keinen Platz für mich gefunden.

Ich überlegte eine Weile, ob ich das tatsächlich schreiben soll, denn es klingt ein wenig nach „So und jetzt glücklich/Alles gut/Man kann alles so oder so sehen.“ Und das bin ich nicht, obwohl ich mit meinem Blog Mut machen will. Ich habe aber einige Freunde und Bekannte die so sind, die immer dann, wenn vieles schief läuft und sie kurz vor dem Verzweifeln sind eine schlagartige Kehrtwende machen – JETZT SEHE ICH NUR NOCH DAS POSITIVE IM LEBEN. In meinem Fall wäre das eine selbstbetrügerische und schauspielerische Leistung, die ich auch durch jahrelanges Üben nicht hinbekäme. Oder doch? Aber will ich das denn überhaupt?

Nö.

Die Beschaffenheit unserer Gedanken bestimmt tatsächlich so einiges und wenn dieses Umschwenken für Andere funktioniert, ist das gut. Ich komme dadurch nur in’s Stolpern, verheddere mich in aufgestauten Emotionen und übergangenen Problemen. Dann legt mich das Monsterherz erst so richtig lahm, es bremst mich aus. Trotzdem übe ich mich nun seit einigen Monaten darin mir selbst täglich Dinge zu sagen wie:

„ich bin mutig“ / „ich schaffe das“

In der Hoffnung, dass das irgendwann auch bei mir ankommt. Denn wenngleich ich nicht sofort auf eine absolut positive Denk- und Lebensweise umschwenken kann, so ist ganz sicher, dass negatives Gedankengut mich auch nicht weiter bringt. An dieser Stelle: Mein lautes Seufzen. Halte mir ein Schild über die Stirn – Wegen Umbau geschlossen. Es tut so gut zu spüren, dass ich mittlerweile etwas Gutes an der Depression sehen kann, dass ich lernfähig und wandelbar bin. Und dennoch ist es so anstrengend, dass es mich beinahe zerreißt. Dieser Satz…ich bin nicht verloren, hab nur meinen Platz noch nicht gefunden, den habe ich vorhin zu mir selbst gesagt, als ich nachdachte. Einfach so. Als hätte ich vor ein paar Monaten Samen in die Erde gesetzt, für sie meditiert, entspannt, geweint, ausgehalten und weiter gemacht und nun wachsen die ersten Triebe. Das klingt gut, oder?Ich fühl mich aber nicht so. Veränderung ist anstrengend. Wachsen auch. Verhaltensmuster, die ich mir über Jahrzehnte angeeignet habe loszuwerden erschöpft.

Gestern war ich wütend. Weil ich in meinem Kopf so viele Dinge weiß, das Gefühl davon aber scheinbar noch keine Notiz genommen hat. Morgen ist Arbeitsbeginn in der neuen Stelle, die Stelle, die mich haben wollte. Meine Versagensangst lässt sich davon nicht beeindrucken und schlägt Purzelbäume. Theoretisch weiß ich, dass ich Selbstvertrauen haben kann – praktisch habe ich aber keines. Sondern höchste Ansprüche an mich, denen ich eh nicht gerecht werden kann und die ich so gerne abschwächen und in realistische Maßstäbe packen würde. Und das ärgert mich,weil ich es erkannt habe und trotzdem nicht ändern kann. Klar nicht, ich kann nämlich nicht zaubern und mein Gehirn innerhalb von Minuten umprogrammieren. Macht mich mürbe.

Dazu kommt etwas, das Andere von Depressionen-Betroffene vielleicht auch kennen. Ich habe jedes Gefühl dafür verloren, wann etwas unter „normalen Umständen“ schlimm ist. Und wie sehr ist das dann schlimm? Ich weiß nicht mehr, welche Lebensumstände als schwierig gelten(was mich betrifft, bei Anderen kann ich das schon) und wofür man von Menschen die man nicht so gut kennt Verständnis bekommen kann. Und wenn ja, wie viel? Kann ich nicht mehr einsortieren und deshalb schreibe ich vielleicht oft etwas mir und meiner Depression zu, was eigentlich den Großteil aller Menschen und auch die ohne Depression, traurig oder verzweifelt stimmen würde. So geht es mir mit dem aggressiven Krebs meiner Mutter und der Ungewissheit wie lange sie noch leben wird. Wie sehr darf das in mein Verhalten auf der Arbeit einfließen? Ich weiß so etwas nicht mehr. Alles wirrwarr- verknotet.

Und so fand ich mich vorhin wieder, in der Badewanne, wo das Rauschen des Wasserhahnes so laut war, dass mich ohnehin keiner hören konnte und sagte mir laut auf, dass ich okay bin. Wenn es mir nicht gut geht. Dass ich kein Versager bin, wenn es mal einen Tag nicht so gut läuft (nicht gut bedeutet bei mir, dass ich mich depressiv in der Arbeit gefühlt habe – Monsterherz, ich spinne!) . Dass ich mich annehmen kann und darf.

Ich glaube wenn das Mal in meiner Gefühlswelt angekommen ist, dann werde ich meinen Platz gefunden haben.

Mit liebsten Grüßen.

Das Monsterherz und ich, die den Kopf heute echt gewaltig im Sand stecken hat.

9 Kommentare zu „Ich bin nicht verloren“

  1. Ich verstehe Dich so gut und kenne diese Gedanken, Deine Situation. Ich kann Dir auch nichts sagen, was Du nichts selber längst wüsstest. Ich sage Dir trotzdem, dass Du genug bist und kein Versager. Du musst das auch keinem beweisen. Je weniger Du das versuchst, desto offensichtlicher wird es für jedermann sein. Sogar für Dich selbst.
    Einzuschätzen, was sich auf meine Depressionen zurückführen lässt und was nicht kann ich ebenfalls nicht. Sehr sehr schlecht jedenfalls. Ich übe das, ich werde dabei unterstützt und wenn man es mir vorkaut, sehe ich es auch. Aber naja, es wird besser. Und mit jeder Erkenntnis dieser Art kann ich ein wenig lockerer sein. Geht Dir das auch so?

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    1. Ja schon. Diese neuen Erkenntnisse und der tiefe Glauben daran, dass es besser wird, wenn ich netter zu mir selbst bin, fühlen sich gut an.
      Und es hilft auch, wenn mir jemand bestätigt, dass es ihm/ihr in jeweiliger Situation schlecht ginge. Aber ich kann irgendwie nicht mehr damit umgehen. Jedes Gefühl von Verzweiflung oder Traurigkeit ruft gleich die Depression auf den Plan und lässt das eigentlich Problem gar nicht zu. Denn es ist abgespeichert, dass das alles Emotionen der Depression sind. Oh Mann – ich fühle mich gerade, als hätte ich Skihandschuhe an, während ich ich eine Computer-Platine zusammen bauen muss. Wie ein Trampel. 😶
      Eben habe ich mit einer Zuständigen für ein Ehrenamt telefoniert, die mich einmal gesehen hat. Anbei erwähnte ich die neue Stelle- sie meinte, dass jede Einrichtung glücklich über mich sein kann. Weil ich einfach so ein Typ bin, komme rein und bin einfach da. Wenn ich mich nur ein wenig so fühlen könnte 🍀

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      1. Was mich ein wenig weiter bringt: Zu akzeptieren, dass ich das eben nicht so fühle. Who cares? Nimms locker. Latsch dahin, es ist gut, dass die Menschen in der Einrichtung glücklich darüber sein können, dass sie Dich haben. Das ist sehr viel, gönn es ihnen. Im Grunde ist es auch garnicht Dein Job, zu verstehen, warum sie Dich so schätzen, dass müssen sie schon selber wissen. Du hast eine der gemeinsten und penetrantesten und oftmals tödlichen Krankheiten, die existieren. Und machst trotzdem weiter, bist für andere Menschen da. Das Du dich nicht so fühlen kannst, wie andere Dich sehen, wie Du Dich gerne selbst fühlen würdest, ist Teil dieser Erkrankung, unserer Erkrankung. Erlaube ihr nicht einen Zentimeter mehr Platz einzunehmen als sie sich eh schon greift. Sie nimmt Dir das Gefühl für Dich selbst? Missachte Sie dafür. Du leistest soviel, belohn Dich damit. Tue Dinge, helfe Menschen, lache mit ihnen, trage dazu bei, dass sie sich gut fühlen. Lass zu, dass sie was für Dich tun. Lese. Spiele. Höre Musik. Verdiene Geld und gib es aus. Tanze, trinke, kuschel mit Deinen Tieren. Gehe spazieren. Setze der Depression Aktivität und ein Schmunzeln entgegen, dass Du Dir nicht nehmen lässt. Erfreue Dich an Deinem Mitmenschen, an Deinen Kollegen, richte Dein Interesse auf alles was Dich umgibt. Das ist soviel lohnenswertes, egal wie Deine Interessen gelagert sind, es gibt Massen von dem, was sie bedient. Geh raus, lebe, schenk Dich der Welt und tue was Dir in den Sinn kommt. Du musst es nicht fühlen können, es reicht zu wissen, dass Du ein großartiger, liebenswerter Mensch bist. Es wird Dir gedankt werden und Du wirst lächeln. 🙂

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  2. Ich wünsche dir von ganzem Herzen alles Gute für deinen Anfang in der neuen Stelle! Es ist unendlich schwer, die „alte Brille“ abzulegen und neutral, ohne negative Denkmuster und Erwartungen an diese neue Situation zu gehen. Es ist alles schon so sehr in Fleisch und Blut übergegangen. Aber du weiß selbst, dass du schon einige Schritte gemacht hast und ich wünsche dir nur, dass du es irgendwie schaffen kannst, die Dinge auf dich zukommen zu lassen. Dass die Versagensängste dich jetzt so plagen ist schlimm. Aber mir half es, mir in den letzten Tagen vor Augen zu führen, dass auch jeder gesunde, nicht an Depression leidende Mensch in dieser Situation wahrscheinlich aufgeregt und nervös wäre und zumindest ein wenig Angst davor hätte, den Anforderungen nicht zu genügen. Und wenn nicht Angst, dann zumindest großen Respekt.
    Ich beginne ja morgen auch eine neue Stelle und ich hatte von mir erwartet, dass es mir jetzt viel schlimmer ging, nach all dem, was mein Innerstes im letzten halben Jahr im Referendariat mit mir angestellt hat. Komischerweise ist es gerade nicht so wie befürchtet. Ich kann nicht ganz sagen, warum. Vielleicht weil mich all die Versagensangst so erschöpft hat, dass ich kaum noch Kraft habe, Angst zu haben. Vielleicht weil ich verdränge.
    Aber wenn ich morgen meine Stelle antrete, denke ich an dich und wünsche dir von ganzem Herzen alles Liebe und eine Stimme in dir, die dich beruhigt und zurückruft, wenn die Gedanken mit dir durchgehen. 🙂

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    1. Hihi, da haben wir uns eben doch tatsächlich zeitgleich geschrieben und aneinander gedacht. Sowas schönes! Ja, ich kann alles aushalten – nur wie ich diese Stimme ruhig stellen soll, die mir sagt: „Was ist, wenn du solche Panik hast, dass deine Füße dich ganz einfach nicht dorthin tragen? Wenn du es nicht schaffst?“
      Dafür habe ich noch keine Strategie gefunden, ich versuche es mit besänftigen und verdrängen, weil solche Gedanken sind überflüssig.
      Ich finde es schön, dass wir Beide morgen anfangen. Und ich würde dann sehr gerne hören, wie es dir ging 🙂 wie immer, aber kein bisschen weniger ernst gemeint – DANKE für deine Worte!

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