Liebes ICH – hattest du wohl doch gar keinen Bodenkontakt?

Depressionen, Ängste und Panik machen mich nicht nur bleiern schwer, nein. All diese wunderbaren Aspekte lassen mich auch so fühlen, als hätte ich jede Bodenhaftung verloren. Ich habe keine Basis, keinen Stand, ich falle um, ich bin unruhig, angespannt – alles wackelt und nichts ist fest. Das ist nicht besser, als die Schwere, das ist einfach anders. Mein Nummer1 Gefühl von heute.

Einen ganzen Monat lang habe ich mich gedanklich intensiv auf die neue Stelle vorbereitet. ICH SCHAFF DAS! – gesagt, wieder und wieder. Kleine Mutproben bestanden. In mich hinein gespürt. Meditiert. Progressiv muskelentspannt. Allen davon erzählt. Mir fällt im Moment nichts ein, das ich hätte mehr/besser oder anders machen können.

Und dann kam letzte Nacht, die erste, vor dem Neustart. Meine Versagensangst nahm allen Raum ein, sogar den in mir drin, ich habe geweint und bin verzweifelt. Bis zu den kleinen Panikattacken, für deren Eindämmung ich meine ganze Kraft brauchte, mit denen ich aber gar nicht mehr konnte, weil die letzten schon so lange zurück liegen. Wie war das noch? Nicht gleich alles schwarz malen – immer nur Tag für Tag denken. Atmen, atmen, auf die Atmung konzentrieren. Ein Kampf gegen Windmühlen. Ich rief H. an und er kam, das hat etwas geholfen. Sogar meiner Therapeutin eine SMS geschrieben, was ich noch nie gemacht habe. Schlafen klappte trotzdem nicht, bis ich eine halbe Reiseübelkeitstablette nahm, wie ihr schon wisst, machen die müde. Ist trotzdem Medikamentenmissbrauch und nicht gut. Irgendwann eingeschlafen, kaputt und fertig, voller Angst und Angst und Angst wieder aufgewacht.

Rein dem Gefühl nach wäre ich am liebsten nicht hingegangen, ich hätte Vermeidungstaktiken angewandt und mich krank gemeldet, weglaufen, NICHT AUSHALTEN. Ich hatte so viel Angst dort zusammen zu klappen, die Angst so übermächtig. Aber das blöde an der Vermeidung ist, dass sie im Leben langfristig nicht weiterhilft, sondern irgendwann zu einem Gefängnis wird, weil man sich, also jedenfalls ich mich, dann gar nicht mehr traue. Also bin ich hin. Und ich habe keine Worte dafür, wie der Weg dorthin war, die schlimmste und reine Überwindung war das. Typische Gedanken während ich den einen vor den anderen Fuß setzte: „Du wirst den Weg spätestens morgen ganz sicher nicht mehr gehen, niemals ist es vorstellbar, dass du das schaffst.“ STOPP! Immer nur Tag für Tag denken – das hatte ich ziemlich verlernt.

Ich war dort, habe gearbeitet und bin nicht sonderlich aufgefallen. Ab und an dachte ich, dass ich gleich zusammenbreche, umfalle, hysterisch werde, schluchze und in Tränen ausbreche. Dann ging es wieder, zum Glück. Es war ein harter Tag, mein Monsterherz ist riesig, pocht und weint, hat Angst, immer noch so viel Angst.

Morgen ist wieder ein Tag, ich kann mir noch immer nicht vorstellen, dass ich das dann schaffe, es für mich normal wird dorthin zu gehen, ich noch Kraft habe. Aber schließlich ist heute ja noch heute und an Morgen sollte ich gar nicht denken. Heute fühlt es sich surreal an, dass ich die Arbeit bewältigt habe, obwohl ich gestern Nacht so verzweifelt bin. Heute habe ich Angst vor meiner Schlafstörung, die sich letzte Nacht zeigte, wie schon so lange nicht mehr. H. schaut heute Abend Fußball, ist schon lange verabredet und ich werde allein sein. Die Fußstapfen, die ich die letzten Wochen hinterlassen habe, sind nicht mehr zu sehen und ich flattere in der Luft, statt zu stehen.

Wisst ihr, manchmal habe ich das so satt. Und keine Energie mehr. Ich will dort arbeiten – ich will es nicht so schwer haben. Und ich möchte das Vertrauen darin haben, dass ich und mein Körper morgen nach erholsamen Schlaf aufwachen und wieder dorthin gehen werden.

Liebe May DelC – ich hoffe doch sehr du hattest einen guten Start!!!!

25 Gedanken zu “Liebes ICH – hattest du wohl doch gar keinen Bodenkontakt?

  1. Jetzt hast du den ersten Tag geschafft. Egal wie. Morgen wirst du es auch schaffen, weil du es heute auch geschafft hast. Und es wird ein gutes Gefühl sein, wenn du dir morgen bestätigen kannst, dass du zwei Tage durchgehalten hast. Vielleicht wirst du morgen sogar feststellen, dass dir irgendeine Kleinigkeit etwas leichter gefallen ist, als heute. Das wäre eine schöne Erfahrung, die dich ein bisschen stärker macht, als du heute bist. Dafür bist du heute schon ein wenig stärker, als du gestern von dir selbst gedacht hast.
    Liebe Grüße, Achim

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  2. Was für ein Etappensieg! Sei stolz auf Dich! Schade, dass Du nicht mit Deinem Liebsten feiern kannst. Hast Du ne gute Freundin? Ein Prosecco ist ja mindestens fällig. Und ja, wir setzen einen Fuß vor den anderen, bewältigen einen Tag nach dem anderen. Du! Schaffst! Das! Sei! Stolz! auf! Dich! Der erste Tag ist der Schwerste, für jeden von uns, auch für die, die kein Extra-Päckchen zu tragen haben. Dein Job und die Bestätigung darin wird Dir sehr viel Kraft geben. Habe ich es richtig in Erinnerung, Du arbeitest mit Kindern? Die nehmen einen doch so, wie man ist. Sie werden Dich lieben, und Du wirst Dich bald fragen,wie Du nur ohne den Job und die Kleinen leben konntest!!!!

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  3. Diese Angst ist so mega fies, ich kenne das. Sie scheint alles zu verschlingen von einem, bis nichts mehr übrig bleibt außer Entsetzen. ABER: Hör nicht auf sie, wie du schon meintest! Du hast es bis hierhin geschafft, durch alles hindurch und du schaffst es auch weiter. Du bist stark ❤

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  4. Oh ich verstehe deine Gedanken und deine Angst soo gut… Meinen letzten Jobversuch hatte ich ja nach einem Tag wieder gekündigt, da diese Angst sooo überwältigend war (Und auch einige Umstände nicht sehr praktisch waren). Aber: Du hast den Tag geschafft, und das ist suuuper! Ich kann mir vorstellen, dass es einige Zeit dauern wird, bis diese Angst nicht mehr so vordergründig ist, und ich schicke dir ganz viel Kraft bis dahin!
    Alles Gute
    Momo

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  5. Super, dass Du Dich überwunden hast. Das ist das Beste, was Du machen konntest! ich kann Dich sooo gut verstehen, alles. Mir würde es haargenauso gehen. Ich hab noch einen kleinen Trick für Dich: Ich habe vor vielen Jahren beim Wen Do mal mit der Handkante ein Brett in der Mitte durchgeschlagen. Beim ersten Mal hat es nicht geklappt, weil ich auf das Brett gestarrt habe. Dann aber habe ich den Rat meiner Trainerin beherzigt und mich auf die Stelle am Boden konzentriert an der meine Hand nach dem Durchschlagen landen sollte. Zack! Durch! 😀 Also: Denk an Dein positives Ziel. Konzentrier Dich drauf, wie Du in ein paar Wochen oder Tagen ganz selbstverständlich und fröhlich dort hin gehst. Das hilft etwas.

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  6. Ich weiß, es haben hier schon so viele geschrieben, wie stolz du auf dich sein kannst. Und auch wenn es sich für dich sicher nun alles andere als so anfühlt, möchte ich nur sagen, dass ich ganz überwältigt bin davon, was du da heute eigentlich geschafft hast! Und auch wenn das Wort ‚Leistung‘ ein ganz hässliches ist, finde ich es gerade auch treffend zu sagen, dass du da eine riesige Sache geleistet hast. Davor habe ich unglaublichen Respekt. Wenn ich daran denke, wie ich mich in den letzten Monaten verhalten habe, weiß ich nicht, ob ich das heute an deiner Stelle durchgestanden hätte. Aber du bist hingegangen und bist geblieben, hast es ausgehalten trotz aller wilden inneren Kämpfe. Egal welche Ängste dich gerade um den Schlaf bringen, das war ein extremer Kraftakt, den du gemeistert hast. Und wenn du es auch selbst noch nicht glauben kannst, wir alle glauben es 1000 Mal für dich mit. 🙂 Ich weiß, das hilft nicht so viel, es ändert wenig bis nichts an deinen Gefühlen, aber ich wünsche dir dennoch, dass du wie du selbst sagst, einen Schritt vor den anderen machen kannst und einen Tag nach dem anderen bewältigst.
    Ich versuche das nun auch in meiner neuen Stelle und noch habe ich gut reden. Im Gegensatz zu dir muss ich gerade nicht viel mehr tun als zuhören, zusehen, Input verarbeiten. Ich werde in den kommenden Wochen kaum Verantwortung tragen und kann in einer Schutzblase meine ersten Wochen verbringen. Ich kann mich noch verstecken. Und noch geht es mir vergleichsweise in Ordnung damit. Ich habe mir gesagt, dass ich die Dinge nun auf mich zukommen lasse. Denn ich merkte kurz nachdem ich gestern meinen Blog-Beitrag verfasst hatte, dass ich doch schon wieder gedanklich alles genau kontrollieren wollte, durchspielen wollte und je mehr ich das tat, umso tiefer wieder in Horrorszenarien darüber versank , was passieren könnte, wenn ich dies und jenes nicht tat. Und heute gab es oft kleine Momente, die mich ungesund lange beschäftigt haben, in denen mir bewusst wurde, wie tief meine negativen Gedankenmuster noch sitzen. Aber ich hoffe, ich kann sie frühzeitig erkennen und kontrollieren.
    Mir ist bewusst, dass ich gerade vergleichsweise stabil bin. Und dass du gerade ganz andere Zustände durchlebst. Daher wünsche ich dir umso mehr, dass du irgendwann durchatmen kannst und die Dinge auf dich zukommen lässt, sie – und dich – nimmst, wie es kommt und es in Ordnung finden kannst.
    Alles Liebe und entschuldige den Monster-Kommentar.

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    • Eigentlich fand ich mich auch ganz schön stabil und gut vorbereitet. Vermutlich ist es auch ein Riesenfortschritt, dass ich heute nicht denke, dass ich eine Versagerin bin, sondern so frustriert und traurig darüber bin, dass es immer noch so schlimm ist. Die Panikattacken nicht für immer ausgelöscht und ich meine Angst nicht einfach über die Schulter werfen kann. Aber klar, im Moment fühlt sich alles schwer und traurig und belastend an. Und ich weiß noch nicht, wie ich das schaffen kann/soll. Fakt ist, dass es weitergehen wird, wie weiß ich nicht, aber es wird. Das klingt jetzt dennoch viel positiver, als ich gerade bin 😁
      Dein Kommentar ist sowas von gut und in Ordnung und an einer Stelle liefen mir zwei Tränen hinunter. Weil es so rührend und ich so berührt war!
      Es ist doch gut, dass du gerade noch Luft hast und schon erste Schwierigkeiten merkst(mir würden übrigens ebensolche Gedanken wie dir durch den Kopf gehen), sonst hättest du mir sicher nicht diese Worte schreiben können. Und wer weiß, vielleicht kann ich das Mal zurück geben.
      Uah, jetzt werde ich schon schriftlich ganz kitschig 🙈😁

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      • Ach, das ist ganz und gar nicht kitschig! =) Und ich freue mich, dass mein Kommentar dich nicht sinnlos überrollt hat 😀 🙂 Zurückgeben musst du auch gar nichts – und sowieso teilst du mit uns allen sehr viel! Danke dafür! 🙂
        Ich finde auf jeden Fall, es ist ein unheimlicher Fortschritt, dass du dir nicht sagst, dass du eine Versagerin bist und die Traurigkeit ist mehr als verständlich. Aber es ist einfach auch eine riesige Herausforderung, nun wieder voll zu arbeiten und egal wie stabil du dich gefühlt hast und auch warst, es ist in Ordnung, wenn es nun Erschütterungen gibt. Ein noch so kleiner Fortschritt bleibt dennoch ein Fortschritt. Und in dem Sinne: eine hoffentlich möglichst ruhige Nacht und einen zweiten Arbeitstag voller kleiner Schritte. 🙂

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  7. Ich kann diese Situationen, die du schlichtweg „überlebt“ hast sehr gut nachvollziehen. Auch ich habe ähnliche Situationen durchgemacht & kann nur sagen – es ist die Hölle gewesen für mich.

    Ich wünsche dir, dass du es schaffst! Ich finde, du hast den Tag (gut) überstanden & vielleicht wird es ja wirklich leichter, wenn du immer nur an das „heute“ denkst. Ich muss mich da auch immerwieder selbst bei der Nase nehmen.

    Alles Gute und viel Kraft wünsche ich dir!

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