Selbstfürsorge.

Noch so ein eher unspannendes Wort und eigentlich eh nix, worüber ich aktuell schreiben wollte – bis zu letzter Nacht. Ich hatte nämlich einen wunderschönen Abend, ich fühlte mich gut, das Monsterherz war leicht, so leicht. Und dann stand ich, so gegen 0:30 Uhr an der Tram- Haltestelle, wartete auf den Heimtransport – bis ich aus dem Augenwinkel einen strumpfsockigen, viel zu leicht bekleideten und weinenden jungen Mann sah, etwa in meinem Alter. Zwei ältere Menschen standen schon um ihn herum, weshalb ich die Situation noch ein paar Minuten beobachtete, ehe ich fragte, ob ich helfen könnte. Konnte ich // Konnte ich eh nicht. Aber dann war ich schon Mal da. Mir fielen gleich seine Unterarme auf, auf denen alte Narben und frischere Wunden waren, hineingeritzt, in die zwischendrin tätowierte Haut. Der werte Kerl packte mich am Arm, riss seine Augen auf und schrie: „Du wirst sterben. Du musst fliehen. Sie wird euch alle töten.“

Nun gut. Ich habe ja echt schon einiges gesehen und selbst erlebt. Wollte nicht mehr leben, war vollends verzweifelt, im Heim habe ich frische Wunden verarztet oder Rasierklingen beschlagnahmt. Dissoziationen miterlebt und epileptische Anfälle begleitet. Aber sowas, sowas war mir noch nicht untergekommen. Psychotisch ist wohl das treffende Worte. Keine Ahnung ob es Drogen waren oder ein allgemeineres Problem, ein Gespräch über so etwas war nicht möglich. Ich saß die ganze Zeit neben ihm, hatte einen Arm auf der Schulter, gab ihm ab und an ein Taschentuch und sprach ruhig mit ihm. Er gab uns schließlich sein Handy, damit wir seine Freundin anrufen konnten – scheinbar aber war sie diejenige, die alle töten würde. Der junge Mann wurde immer noch erregter, fing an für mein Leben zu beten. Die Freundin war ohnehin keine Hilfe, weil sie sich ausschließlich dafür interessierte, ob ihr Freund jemand anderen geküsst haben könnte. Also die 112, zu dem Kerl war absolut nicht durchzudringen, ihn einfach so zurück zu lassen, hätte ich verantwortungslos gefunden. Die 112 sagte, dass da die Polizei zuständig wäre. Die Freundin rief nochmal an, der junge Mann immer panischer, hyperventilierte und rannte dann, während wir schließlich die Polizei am Ohr hatten über eine achtspurige Kreuzung. In einem derartigen Tempo, wie ich noch nie zuvor jemanden habe rennen sehen. Es war ihm nichts passiert, zumindest nicht bei dieser Kreuzung und er war längst über alle Berge, die Polizei informiert und nichts mehr zu tun. Das war ganz schön krass.

Und zu Hause habe ich mich dann etwas geärgert, nein, ich war wütend. Natürlich weiß ich nicht, was wirklich los war, ob er eine Erkrankung hat oder Drogen genommen hat. Der arme Kerl muss jetzt hier auch ein bisschen stellvertretend herhalten. Etwa für den Mann, der neulich mittags im Bus total betrunken und am pöbeln war. Wir sind erwachsene Menschen. Wir tragen Verantwortung. In erster Linie für uns selbst. Manchmal kann man die nicht so gut wahrnehmen, das habe auch ich schon erlebt und dann tut es unendlich gut, wenn es jemanden gibt, der dich ein Stück mit trägt. Und dann muss man aber auch was tun für sich. Denn ich kann nichts für den Alkoholpegel eines Erwachsen, der alle anderen Leute im Bus belästigt und aggressiv ist und mir unsäglich auf die Nerven geht.

Wahrscheinlich bin ich in diesem Punkt sehr sensibel, weil meine Eltern in den letzten Jahrzehnten jeden erdenklichen Verdrängungsmechanismus erprobt haben, statt sich um sich und das Wesentliche zu kümmern. Aber ich wünsche mir das für jeden Menschen, dass er sich so gut und so sehr um sich selbst sorgt, wie es eben geht. Ansonsten kriegt das immer irgendjemand ab, der damit nichts zu tun hat oder nichts dafür kann. Im näheren und weiteren Umfeld. Klar kann das bei diesem Kerl eine einmalige Sache gewesen sein, sagte ja, er steht da jetzt stellvertretend. Aber dann sorgt er hoffentlich dafür, dass so etwas nicht mehr passiert. Und ich stecke da nicht drin – ich hatte noch nie einen sonderbaren Drogentrip und hatte auch nie solche Vorstellungen. Allerdings denke ich, dass das echt gefährlich werden kann. Für ihn, für Andere, ganz egal.

Take care.


6 Gedanken zu “Selbstfürsorge.

  1. Wow! Also zum einen – Hut ab, dass Du gewagt hast, Dich irgendwie um den Mann zu kümmern, wenn auch letztenendes erfolglos. Ich hätte eher Schiss gehabt (naja, wegen meiner Sozialphobie, aber auch, weil er wirklich hätte gefährlich werden können…)
    Schiefgelaufener Drogentrip oder Psychose ist von außen ist schwer zu sagen. Beides durchaus mit Gefahrenpotential.
    Ich war ja mit manchen dieser Leute in der psychiatrischen Geschlossenen „eingesperrt“ – nachdem sie sicher nicht sehr sanft von der Polizei eingefangen und erst einmal für ein paar Tage auf der Isolierstation getobt haben, bevor sie ruhiggestellt wurden. Da sind gerade recht gruselige Erinnerungen wach geworden.
    Was mich aber am meisten erschreckt ist, wie lange es gedauert hat, bis Ihr zu einer sich zuständig fühlenden Hilfseinrichtung durchgedrungen seid. Eigentlich ein bekanntes Problem, dennoch aber nicht weniger ärgerlich.
    Dir liebe Grüße und erhole Dich gut. Du hast alles richtig gemacht.
    Liebe Grüße
    Agnes

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    • Kann ich mir vorstellen. Mich lassen solche Begegnungen auch immer mit einem Schaudern zurück…
      Ja, das mit der Zuständigkeit war echt krass – allerdings glaube ich, dass sich der ältere Mann etwas undeutlich ausgedrückt hat. Meines Erachtens war da schon Gefahr in Vollzug und das hätte ich so deutlich gesagt, bis jemand das übernommen hätte. Denn natürlich fühlte ich mich überfordert. Und dachte mir aber auch, wer weiß was er hat/ mit ihm ist – ihn komplett alleine da sitzen zu lassen, hätte sich wie unterlassene Hilfeleistung angefühlt.
      Ich glaube, dass dieses psychotische Verhalten nicht unbedingt sein müsste, denn allein hier bei WordPress kann man bei so vielen mitlesen, die sich mit heftigen Dingen rumschlagen, sich aber dennoch um sich kümmern.

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      • Naja, ich fürchte, man hat vieles nicht in der Hand. So wie wir unser Monster nicht im Griff haben, so stelle ich es mir mit der Psychose vor. Wenn Dir plötzlich innere Stimmen etwas einflüstern und Du Dinge tun musst, weil Du nicht anders kann.
        Und – so viel ist insgesamt auch nicht in der Öffentlichkeit über psychische Erkrankungen bekannt, dass Betroffene und Umfeld sicher oft erste Warnzeichen gar nicht erkennen.

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