Bei aller Liebe zur Reflexion II

„Wie nur machen das Topmanager oder Leute mit zwei Jobs?“, fragte ich am Freitag Abend in die Runde. Wir saßen in einer Bar, alle schon ein wenig angeheitert, vom Wein, vom Bier und zwischendrin ich – kaputt, erledigt von einer anstrengenden Arbeitswoche.

Ich meine, das Arbeiten, das geht schon irgendwie, aber dann noch die Freizeit aktiv gestalten?? Die zwei Tage Wochenende mit Action und Tatendrang füllen? Mir war ja der Aufenthalt in der Bar schon beinahe zu viel und ich fragte mich Mal wieder, ob ich in Wahrheit gar nicht 26 Jahre, sondern vielleicht doppelt so alt bin. Und eigentlich rechnete ich mit Zustimmung von den Anderen, waren sie doch auch ganz schön kaputt.

Zufälligerweise verweilte der Nachbar einer guten Freundin unter uns, der einen 40-60 Stunden Job, so wie ein zu Hause wartendes Kleinkind aufzuweisen hatte. Ich habe ja nun kein Kind, nicht Mal ein Haustier und arbeite im Idealfall 30 Stunden in der Woche – meine Augen wurden größer und der lamentierende Mund ganz plötzlich still. Heimlich dachte ich mir, dass er bestimmt einer von denen ist, die einfach nie still stehen, durch das Leben hasten und sich dauerhaft ablenken, die ständig in Bewegung sein müssen, weil ihnen ihre Existenz sonst links und rechts um die Ohren knallen würde. Schon klar Madame, man muss entweder reflektiert sein und leiden, oder aber vor sich selbst davon rennen?! Sonst noch irgendein Schubladendenken? 

Der Nachbar aber stellte meine Welt auf den Kopf, leerte den Inhalt meiner Schubladen aus, wirbelte alles durcheinander und sagte mir: „Ich versuche meine 40 Stunden einzuhalten, das geht nicht immer. Der Trick dabei ist ,glaube ich, sich gerade nicht das Wochenende über mit allen Vieren von sich ausgestreckt auf das Sofa zu legen, damit stellt man das Arbeiten ja quasi über alles Andere.“

„Mhm, verstehe, das Arbeiten darf also alle Energie haben und man gibt ihm ganz große Gewicht, indem man gar nichts für einen selbst übrig lässt.“

„Ja, stell dir das Energielevel doch Mal bildlich vor, wie bei einem Diagramm. Was macht das denn mit dir, wenn du von der Arbeit nach Hause kommst und du stürzt von 100 auf, sagen wir, 10 ab. Oder wenn du von Montag bis Freitag funktionierst und das Level hoch hältst, dafür das Wochenende dann am Limit verbringst.“

„Eigentlich wäre es ja viel besser das Level immer einigermaßen auf dem gleichen Stand zu halten, oder? Dann gibt es am Sonntag Abend oder Montag Morgen auch nicht so ein Theater, weil dann das heilige Wochenende vorbei ist und die Arbeit wieder beginnt.“

„Genau. Klar liege ich am Wochenende auch mal auf der Couch, aber ich überlege mir für mich, meine Freundin und das Kind auch Dinge, Ausflüge, die uns Spaß machen, die Aktivität mit sich bringen.“

Und da machte es Klick in meinem Kopf. Aktiv zu sein, bedeutet nicht automatisch nicht mehr auf sich aufzupassen. Ruhe heißt nicht zwangsläufig Stillstand. Und nicht jeder, der viel arbeitet und viel unternimmt kann sich nicht selbst aushalten. Schön, dass ich jemanden getroffen habe, der mein Denken ein wenig aufgebrochen und bereichert hat, da reflektiert und reflektiert man und ist ohne Anstöße von Außen manchmal trotzdem betriebsblind.

So. Ich werde das versuchen zu beherzigen und öfter Mal meinen kaputten Schweinehund ausführen – vielleicht kommt das der Milderung meiner Versagensangst ja irgendwie zu Gute.

Dazu passend Musik von Judith Holofernes, zwar habe ich keine Kinder, aber irgendwie passt das Lied trotzdem.

Pechmarie von Judith Holofernes

9 Kommentare zu „Bei aller Liebe zur Reflexion II“

  1. Ob in der Freizeit Aktion oder Sofa…. das spielt für mich kaum eine Rolle, denn es gibt nicht wirklich ein „Richtig“ oder „Falsch“. Es gibt Menschen, die unheimlich gut in der Aktion entspannen. Im Tun. Da kommen diese Mendchen „runter“ , sind ganz bei sich. Aktion, in der sie selbst das Tempo bestimmen. Nicht der Chef oder Maschinen. Andere entspannen absolut im „Nichts Tun“. Es scheint mir sinnvoll, seine eigene Methode zum „runter kommen“ zu kennen und zu akzeptieren. Genau so, wie man seinen Mitmenschen zugestehen kann, dass sie andere Methoden haben. Es nützt meines Erachtens nichts, wenn man dabei neidisch auf andere schaut, versucht mit denen mit zu halten und dann selbst auf der Strecke bleibt.
    Um Freundschaften zu pflegen ist es natürlich sinnvoll, ab und an den Hintern hoch zu bekommen und raus zu gehen, wenn man zu den Ruhigeren gehört. Ein Gleichgewicht findet.

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      1. Mir geht’s ähnlich. Dein Beitrag war schon ein kleiner Augenöffner für mich. Bisher hab ich mich bei Leuten, die nach einer mords stressigen Woche dann auch noch durch ihr WE gehechtet sind, gefragt: Wovor rennen die eigentlich weg? Aber natürlich: Jedem das Seine – und das, was ihm/ihr gut tut…

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  2. Für mich liegt der Schlüssel nicht in der Frage: aktiv oder Sofa sondern in der Feststellung, dass der Job kein Anrecht auf 100% unserer Kraft hat. Ich hätte das nicht so schön in Worte fassen können, muss mir das aber immer wieder vor Augen führen.

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  3. Ganz viel Wahres in Deinem Beitrag.
    Und der Mann hat eine gesunde Ansicht. Ich finde mich da wieder, weil mein Leben teilweise auch so ist, nämlich voll, incl. der Wochenenden.
    Allerdings bin ich mittlerweile 49 und merke einfach, daß es schwierig ist, immer die Energie gleich zu verteilen. Ganz schlimm wird es, wenn ich mal eine ganze Woche incl. WE „durchmache“ und nicht mal einen Abend nur für mich hab. Auf der Couch, bei einem richtig doofen Fernsehprogramm und einfach nur gaga sein.
    Das braucht man auch, ich auf jeden Fall einmal die Woche…

    Ansonsten unterschreib ich alle Aussagen 🙂

    Liebe Grüße
    Rob

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