Ich und die Therapie

Die Therapie und ich. Wir hatten einen langen Weg, viele Anlaufschwierigkeiten und kommen jetzt zum ersten Mal miteinander aus. Mittlerweile wohne ich in einer großen Stadt, in München und hatte erstmals keine Probleme an eine kompetente Person zu geraten. Aber von vorn.


Klappe, die 1.

Gerade 16 Jahre alt geworden plagten mich heftige Schlafstörungen und ziemlich wahrscheinlich auch erste depressive Symptome, aber keiner um mich herum kannte sich damit gut aus. Irgendwann stand ich unsicher vor meinen Eltern und sagte ihnen, dass ich Hilfe bräuchte, weil ich langsam aber sicher die Lust am Leben verlor. Die Mutter einer guten Freundin war Psychoanalytikerin für Erwachsene und telefonierte regelmäßig mit meiner Mutter, so kam man darauf, dass man mir mit einer Therapie womöglich helfen könnte. Theoretisch klingt das ja nicht schlecht.

Die Kinder- und Jugendtherapeutin nahm ihre freudianische Ausbildung sehr ernst. Sie sprach mit mir in jenem halben Jahr, in dem ich dort immer wieder hin musste, so gut wie kein Wort. Ich begann mich davor zu drücken, ich sehnte das Ende herbei, wusste damals aber eh gar nichts über Depressionen, über Therapieformen, über Hilfreiches. Und ich traute mich dieser Frau auch nicht zu sagen, wie unwohl ich mich bei ihr fühlte. Als dann schließlich endlich die letzte Stunde geschlagen hatte, kam besagte Dame zu ihrem abschließenden Urteil: “ Die Ohrfeige, die deine Mutter dir im Alter von sechs Jahren gab, ist die Ursache deiner Symptome.“

Gut. Ich war natürlich kein Experte, das bin ich auch heute nicht.  Und klar, womöglich mag diese Handlung tiefer verwurzelt gewesen sein, als angenommen – aber das war viel zu einfach und auch nicht ganz richtig gesagt. Ich dankte jeglicher Form von Therapie erstmal ab. Gegen die Einschlafstörung halfen mir übrigens Rituale und ein pflanzliches Beruhigungsmittel, ganz weg waren die Symptome aber erst zwei Jahre später. Und ich übernachtete als Jugendliche nur noch zu Hause.

Klappe, die 2.

Vier Jahre nach meinen ersten Erfahrungen, beanspruchte ich, als die Depression diesmal laut und heftig auftrat, das zweite Mal Hilfe von Außen. Ich wohnte noch zu Hause und war so außer Gefecht gesetzt, dass ich nicht einmal die Kraft hatte, irgendwo anzurufen – also taten das meine Eltern für mich. Absolut erfolglos. Nicht Mal auf die Wartelisten von Therapeuten kam man. Beinahe wäre ich in die Klinik gegangen, sogar die Tasche war schon gepackt, doch dann stellte sich bei einem Telefonat heraus, dass die im Moment nur aufnehmen, wenn ein Notfall vorliegt und eine Überweisung vom Hausarzt da ist. Heute würde ich sagen, dass ich ein Notfall war. In diesem Moment waren mir das zu viele Hürden, zu viel Druck und das Gefühl nicht krank genug zu sein. Ich hätte einfach hinfahren sollen. Aber nun gut, hat wohl einfach nicht sollen sein. Durch Zufall wurde ich dann auf die psychosoziale Beratungsstelle der Diakonie aufmerksam und bekam noch am Wochenende einen Notfall-Termin. Ich war ein Haufen Elend, ich konnte nirgends mehr allein hin, aß nichts, schlief nicht, keinen Funken Lebensenergie besaß ich mehr.

Dort war man so herzlich, in einem winzigen Büro, das zwischen der Wärmestube für Wohnungslose Menschen und direkt neben dem Wohnheim für Haftentlassene lag. Eine Sozialpädagogin betreute mich dort und versprach mir, dass ich solange bleiben könne, bis ich einen Therapieplatz gefunden hätte. Diese Frau hat mir die Augen geöffnet, erstmalig, hielt mir einen Spiegel vor, in dem ich sah, was ich war. Eine junge Frau, die seit sie 16 wurde Familienangehörige in den Tod oder bei Erkrankungen begleitete, die es als selbstverständlich betrachtete zu jeder Zeit für alle da zu sein. Die so etwas wie persönliche Bedürfnisse nicht kannte, die sich ihr Leben lang selbst übergangen hatte. Voll negativer Gedanken, ohne die Fähigkeit Wut zu verspüren, wo sie doch oft angebracht war. Erstmals war jemand stellvertretend für mich erzürnt, erzürnt über das so verletzende Verhalten meiner Mutter, dass sie seit ihrer Krebserkrankung an den Tag legte. Meinem Bruder und mir täglich sagte, dass wir Versager seien, uns auslachte, log, uns beschimpfte oder ihre Katzen uns vorzog und mein Vater schulterzuckend daneben stand (ja, insbesondere das mit den Katzen klingt schräg, meine Mutter war, so lieb ich sie heute habe, damals wirklich schräg – auf eine sehr dramatische Art und Weise). Diese wunderbare Frau in der Beratungsstelle machte mir klar, dass ich früher oder später habe fallen müssen, weil mein Pensum und alles, was ich in mich hinein fraß einfach nicht mehr länger tragbar waren. Das ich nicht weiter so tun konnte, als wäre es normal und in Ordnung, was alles geschah und dass es Anderen ja eh viel schlechter ginge. Und ich war und bin ihr so dankbar, weil damals so wegweißende Schritte eingeleitet werden konnten – ich schrieb ihr eine Postkarte, auf der ich versuchte zum Ausdruck zu bringen, was sie für mich getan hatte. Nach zwei Monaten dort hatte ich nämlich einen Therapeuten gefunden und musste die Beratungsstelle verlassen.

Klappe, die 3.

Erstmals also ein Therapeut, ein ER, groß und viel, mit grauem Bart und Brille, kurz vor dem Ruhestand. Verhaltenstherapeut, diesmal. Ich glaube er meinte es gut mit mir, das glaube ich wirklich, aber trotzdem, es passte einfach nicht. Irgendetwas schien ich in ihm zu wecken, denn er verlor immer wieder seine professionelle Haltung. Schloss die Augen, während ich etwas erzählte und sagte mir dann: „Wenn man sie ansieht, sitzt da eine junge Frau vor mir, die jünger aussieht, als sie ist. Wenn ich die Augen schließe, sie von ihrem Leben erzählen, meint man, da spräche eine Frau Mitte 40.“. Gepaart mit andauernden Komplimenten zu meinem Aussehen war das irgendwann zu viel. Eine meiner Grundthematiken war nämlich, dass ich mir selbst schon viel zu reif, nicht altersgemäß war, ich so gerne Leichtigkeit im Leben hätte. Da hilft es natürlich, wenn das immer und immer wieder betont wird 😉

Irgendwann bot er mir an mich nach Hause zu fahren. Seine Frau war auch mit in der Praxis und gab mir eine Führung durch den Garten (die Praxis war im Haus). Die Beiden verhielten sich ein wenig wie Großeltern, mir persönlich viel zu distanzlos. Einige wenige Übungen machte der Herr mit mir, zu Achtsamkeit, zu Hypnose – leider war ich damals nicht offen dafür und fühlte mich in der Praxis nicht wohl. Manchmal schlief er aber auch ein oder er begann über andere Klienten zu lästern. Deshalb beendete ich die Therapie vorzeitig, 15, statt 25 Sitzungen. Zu nah, zu eng, zu persönlich. Unangenehm, statt hilfreich. Ich glaube, dass er früher einmal ein guter Therapeut gewesen sein mag, ich hatte ihn einfach zu einem ganz schlechten und späten Zeitpunkt erwischt.

Und das war dann erstmal das Ende meiner Therapie-Laufbahn. Zu Beginn des Textes habe ich ja davon gesprochen, dass ich jetzt bei einer kompetenten Person angekommen bin. Die hat dann aber ihren eigenen Beitrag verdient.

9 Kommentare zu „Ich und die Therapie“

  1. Zu viel in jungen Jahren. Zu viel Leid, Krankheit, Schmerz und Tod.
    Ich erkenne mich wieder.
    Auch in der Therapeuten Auswahl.
    Mein erster war ein Idiot, ich brach nach 10 Sitzungen ab (ich war ja auch schon über 30)
    Die zweite war eine „Aufstellerin“ was mir einiges gebracht hat, aber sie war mir auch zu nah. Ich hab die Distanz von mir aus gehalten. Aber durch sie, seh ich meinen Vater anders neutraler und kann ihn wieder lieben. Und das endlich lange Jahre nach seinem Tod. Er starb als ich 12 war. Und vor ein paar Monaten der Hypno-Therapeut… Nun dem hab ich keine Chance mehr gegeben…

    *lach*
    ich schweife ab, Danke für den Eintrag und für Deine Offenheit.

    Liebe Grüße

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    1. „Schön“ zu lesen, dass das jemand ein bisschen kennt. Man muss und sollte auch nicht jedem eine Chance geben, oder? 😉
      Ja. Das ist so wichtig mit den Eltern. 12 ist verdammt früh. 26 ist mir immer noch zu früh, um meine Mutter zu verlieren – aber immerhin kann ich ihr noch alles sagen, sie alles fragen. Das blieb dir verwehrt. Hut ab, dass du dennoch deinem Frieden gemacht hast!!!

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  2. Es ist doch auch echt ärgerlich. Wenn eine 16jährige gleich eine gute Therapie bekommen hätte, wer weiß … in meinem Fall denke ich so. E sist zu viel Zeit bvergangen ind er sich meine Ängste zu tief in meine Gehirnwindungen eingraben konnten … Gut, dass Du jetzt jemanden hast, die Dir helfen kann!

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    1. Ja, wer weiß – ich habe meine Eltern letztens geschimpft und gesagt, dass sie mich von klein auf zu Meditation und Achtsamkeit hätten anleiten sollen. 😁
      Meine Mama hat mich dann desillusioniert – sie hat mit mir jeden Abend versucht den Tag zu rekonstruieren, zu gucken was gut war. Aber ich war viel zu aufgedreht und wollte nie 😏
      Tja, nun ist es so. Wie du schon sagst, ich habe ja jetzt eine gute Therapeutin.

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      1. Haha, erinnert mich an meine Tochter. Der Versuch die vom Opa UND vom Onkel unabhängig voneinander geschenkten Entspannungs-CDs zu hören scheiterte schon ganz uu Beginn der CDs: „Und jetzt schließ Deine Augen und träume“. Das Kleine Wunder: „Augen schließen???? Das muss doch nicht sein!“ 🙂

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