Die Therapie und Ich

Ich und die Therapie.


Wie ihr dem letzten Beitrag zu diesem Thema entnehmen könnt, war ich ein wenig desillusioniert von den Hilfsmöglichkeiten der Therapie, hatte weder eine positive Meinung zur Psychoanalyse, noch zur Verhaltenstherapie.  Nun wollte es aber das Schicksal, oder was auch immer so, dass ich vier Jahre später nochmals damit konfrontiert wurde.

Klappe, die 4.

Frisch nach München gezogen, ging es mir so gut, wie schon lange nicht mehr. Medikamente nahm ich bereits eineinhalb Jahre nicht mehr, meine Depression war für mich etwas ganz, ganz weit entferntes. Ich war federleicht, wie ich es immer hatte sein wollen. Jedoch verschlechterte sich die psychische Verfassung meiner Mutter zusehends. Sie begann zu trinken, flippte in der Öffentlichkeit aus, schrieb mir boshafte Nachrichten oder rief mich an, um mich zu beleidigen. Ich machte mir Sorgen. Also suchte ich die psychologische Beratung des Studentenwerks in München auf und schilderte dort die Sachlage. Ich wollte wissen, wie ich mit meiner Mutter umgehen, wie ich ihr helfen konnte. Statt einer Diagnose für meine Mutter steckte mir die dortige Therapeutin jedoch die Kontaktdaten einer Kollegin zu, bei der ich Therapie machen sollte, weil ich doch mehr als genug Thematik dafür hatte und man sich bei solchen Attacken schützen müsse. Weise Worte, auf die ich glücklicherweise auch hörte – obwohl ich bei mir selbst überhaupt keinen Bedarf sah. Gefühlt tat ich das für meine Mutter.

Nicht sonderlich begeistert war ich, als ich erfuhr, dass es sich um eine Psychoanalytikerin handelte, waren meine Erfahrungen nun doch eher weniger gut damit gewesen. Außerdem kannte ich mich mittlerweile etwas aus und hatte relativ genaue Vorstellungen. Und die sprach ich dann in den probatorischen Sitzungen vor, ich berichtete von meinen negativen Erlebnissen mit der Psychoanalyse und sagte ihr, was meine Vorstellungen waren. Ich wollte kein stummes Gegenüber, das sich über Monate Notizen machte, ohne mit mir zu interagieren. Keine Couch. Ich brauchte Interaktion. Wir funktionierten ganz gut zusammen, die junge Frau und ich, sie verhielt sich ähnlich, wie die Sozialpädagogin aus der Beratungsstelle. Dennoch empfand ich es im ersten halben Jahr des Öfteren als unnötig zur Therapie zu fahren, schließlich ging es mir doch gut. Und warum bitte sehr hatte ich 170 Stunden bewilligt bekommen? So schlimm ist meine Vergangenheit nun nicht gewesen. Tja, es sollte eine Zeit kommen, in der ich unheimlich dankbar war.

Die Worte meiner Therapeutin, die Wut, die sie hatte, über das Verhalten meiner Mutter hörte ich zwar, doch innerlich war ich taub dafür. Es drang nicht so richtig an mich heran und ich machte weiter wie bisher, mit einem winzigen bisschen mehr an Achtsamkeit. Meine Therapeutin saß da, schlug innerlich wohl die Hände über dem Kopf zusammen und erklärte mir wieder und wieder, dass ich meilenweit davon entfernt war auf mich aufzupassen. Mich selbst zu spüren. Meine eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen. Neulich erst saß ich ihr gegenüber und sah sie feixend an: „Hätten Sie wohl gedacht, dass ich einmal so über mich reden würde?“ – nachdem ich ihr von einem Wochenende erzählte, an dem mein Empfinden für mich selbst nur so heraus gehagelt kam. „Nun, ich habe es gehofft, dass es sich so verändert, daran habe ich nicht zu denken gewagt.“

Dann der ganze Firlefanz, den ich in anderen Beiträgen schon beschrieben habe, der Abbruch des Studiums, die Versagensängste, das erneute Auftauchen der Depression, die Erkenntnis darüber, dass das schon ewig in meiner Familie herumgeistert, und und und…bei allem war sie mehr oder weniger dabei. Ich bin eine recht gefasste Person und kann sehr häufig über mich und meine Probleme auf einer Art Meta-Ebene reflektieren. Fachlich, analytisch, ohne große Emotionen. So tat ich das auch häufig in der Therapie, konnte mittlerweile aber auch schon einfach nur Ich mit Monsterherz sein. Ach, ich kann überhaupt gar nicht aufzählen, was ich dort alles gelernt habe, aber ich will es versuchen:

  • Das Wahrnehmen eigener Bedürfnisse
  • Das ganz seltene Spüren von Wut, das seit Jahren verschollen war
  • Akzeptanz mir selbst und meiner Krankheit gegenüber (mit noch viel Luft nach oben)
  • Empathie an den richtigen Stellen und die Erkenntnis, dass ich für alles und jeden empathisch war, weil ich mir das als eine Art Schutzmechanismus angewöhnt habe – wessen Verhalten ich nachvollziehen kann, der kann mir auch nicht mehr so weh tun, also fing ich an Empathie in nur jeder erdenklichen Situation zu verspüren
  • Abgrenzung
  • Aufarbeitung meiner Kindheit, diese auf eine angebrachte Art und Weise auseinander genommen. Mir erschien alles ganz wunderbar, so sehe ich das bis heute. Das ändert aber nichts daran, dass ich mir negative Verhaltens- und Denkmuster abgeschaut habe
  • Meine Mutter viel besser verstehen gelernt, durch das Betrachten ihrer eigenen Kindheit
  • Mich mit dem an Depressionen und Ängsten erkrankten Teil der Familie befasst
  • Innere Verantwortung an den nötigen Stellen abzugeben

 

Das klingt ganz schön gut. Und es war so VIEL Arbeit. Nun ist es nicht so, dass man da besonders interessantes zu sehen bekäme, so wie wir einmal die Woche da sitzen und reden. Dabei übernehme ich den Hauptanteil, ich habe mich mittlerweile daran gewöhnt, dass ich einfach zu sprechen beginne. Und dann erzähle ich so vor mich hin, was passiert ist, was mich beschäftigt, bis meine Therapeutin einhackt, nachfragt oder ihre Stirn zu runzeln beginnt, was immer dann passiert, wenn sie zu überlegen beginnt. Es ist nicht wirklich in Worte zu fassen, was daran so hilfreich ist. Ein Teil ist ganz gewiss, dass ich 50 Minuten habe, in denen ich im Mittelpunkt stehe und auf mich achte, quasi dazu gezwungen bin. Ein anderer Teil mag sein, dass wir seit Beginn der Therapie Schicht für Schicht meines Innersten angeguckt haben und dabei längst noch nicht am Ende sind. Alte Verletzungen wurden ausgegraben und so lange lagen sie vor mir, bis es gelang sie zu heilen. Das fühlt sich an, als säße man vor einem riesigen Felsbrocken, den es Stück für Stück abzutragen gilt. Erstmal nur schwer und massig tut er weh – dann wird er immer kleiner, eine Blockade weniger und ich etwas leichter. Natürlich kommen immer wieder Dinge dazu. Die Ausgeprägtheit meiner Versagensangst etwa, jetzt verstehe ich mich seit 4 Monaten gut mit meiner Mutter, eine erneute Krebserkrankung und und und. Manchmal kommen wir vor lauter neuen Dingen nicht einmal dazu etwas zu bearbeiten.

170 Stunden sind viel. So zieht sich das jetzt auch schon über zwei Jahre. Aber ich bin dankbar dafür und ich wünsche euch allen einen so fähigen professionellen Menschen zur Seite. Die Therapie ist hart, manchmal, wenn ich weiß, dass ich eine Woche lang nicht so gut auf mich aufgepasst habe, fühle ich mich vor der Stunde schlecht – weil ich weiß, dass dort alles rauskommt. Und das ALLES will bearbeitet und verarbeitet werden, damit es mir besser geht.

3 Kommentare zu „Die Therapie und Ich“

  1. Es ist so wahnsinnig schwer, gute Therapeuten im niedergelassenen Bereich zu finden und ich freue mich für Dich, dass Dir das gelungen ist! Ich habe da sehr viel „Unrat“ erlebt, dunkle Hinterhofpraxen mit Therapeuten (eigentlich dürften diese sich nicht so nennen), die ihre Patienten benutzen, um ihren eigenen Mist klären zu können und/oder die so gestört sind, dass Du da rausgehst und Dich vor das nächste Auto stürzen willst, weil sie Dein Gefühl, total wertlos zu sein, noch verstärkt haben. Ich könnte Bücher damit füllen und habe inzwischen aufgegeben, nach dieser Art von Hilfe zu suchen. Die Wartelisten der guten Therapeuten sind ewig lang und das ist ein großes Problem. Ich drücke Dir die Daumen, dass Du es schaffst, Dich weiterhin so tapfer durch die Therapie zu schlagen, denn es ist unheimlich hart, über Dinge zu reden, die einem die Tränen aus dem Herzen laufen lassen. Alles Liebe für Dich.

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