Trauma.

Gestern Abend bekam ich es kurz mit meiner Angst zu tun. Was, wenn ich wieder nicht schlafen könnte? Leichte Panik machte sich breit, das Katastrophen-Gedanken- Netz startete, während ich den Kopf schüttelte und mir dachte: „Was für ein Unsinn.“

Seit 5 Jahren habe ich keine zwei Nächte am Stück mehr schlaflos verbracht. Seit zwei Jahren schlafe ich sechs von sieben Tagen in der Woche gut ein, manchmal mit Baldrian, aber das ist ja völlig egal.

Und trotzdem sitzen mir diese Gedanken wie ein unheimliches und bedrohliches Tier im Nacken, lassen sich nicht beeindrucken, von all dem bereits Geschafften.

Ich schaffe es nicht das hinter mir zu lassen, das Schlafen wieder als etwas normales und funktionierendes zu betrachten. Stattdessen trage ich es vorsichtig auf meiner linken Hand, muss mich anstrengen, dass es nicht kaputt geht und brauche Kraft und Energie, die ich auch anderswo gebrauchen könnte.

Das erschreckt mich und ich mache mir meine Gedanken dazu. Auf eine nicht ganz so offensichtliche Art und Weise war diese 96 Stunden andauernde Schlaflosigkeit, mit ihren grauen und düsteren Gedanken für mich nachhaltig traumatisierend. Und dann gibt es Menschen in unserer Gesellschaft, denen noch ganz andere Dinge zugestoßen sind. Missbrauch, Missbrauch in der Familie, Gewalthandlungen, all diese Menschen, denen etwas zugestoßen ist, das sie nicht einmal durch ihr eigenes Tun beeinflussen konnten.

Vor etwa sieben Jahren hat ein Mann versucht mich auf der Toilette einer Diskothek, gegen fünf Uhr morgens zu vergewaltigen. Weiter in’s Detail möchte ich nicht gehen, ich will nicht triggern – schön war es nicht, das Äußerste konnte aber durch zwei andere Frauen, die mir zur Hilfe kamen, verhindert werden. Und ich bin heilfroh, dass ich davon keine bleibenden Schäden bekommen habe, dass dieses Ereignis einfach nur ein kleiner dunkler Fleck ist, der mich heute nicht weiter tangiert. Dafür gibt es andere Dinge, die sich wie ein massiver Faustschlag in mein Leben gedrängt haben, das mit dem Schlafen, ein für mich angsterfülltes Thema.

Zurück zu den Opfern oben genannter Taten. Wenn ich schon dastehe und seit sieben Jahren versuche mein Schlaf-Trauma zu bewältigen, was mir nicht gerade gelingt, was nur schaffen dann Menschen, deren Köpfe voll mit solch grauenvollen Bildern sind? Teilweise habe ich das in der Arbeit im Heim erlebt, in dem ich einige Mädchen betreut habe, denen etwas derartiges widerfahren ist. Teilweise kann man es hier in den Blogs lesen. Ich habe unglaublichen Respekt davor. Und das sollten wir alle haben – ohne traumatisierte Menschen gesondert zu behandeln, sollte klar sein, was für eine Meisterleistung sie vollbringen. Und davon weiß der Großteil der Gesellschaft einfach viel zu wenig, in meinem Bekanntenkreis, in meiner Lebensumwelt, in meiner Berufsgruppe, überall. Da ist es eher so „Oh, dir ist etwas schreckliches widerfahren? Ach, das wird schon wieder.“

Deshalb möchte ich mit diesem Beitrag etwas dagegen tun und euch, lieben Menschen, die ein Traumata erlitten haben und diese Blogwelt hier so sehr bereichern meinen tiefsten Respekt aussprechen. Es ist gut, dass ihr hier seid. Ihr braucht ganz sicher nicht meine Stimme, um zu sprechen – ich möchte hier nur meine Gedanken offen legen, denn ich finde, dass sich zu wenige Menschen darüber Gedanken machen.

14 Kommentare zu „Trauma.“

  1. Ähnliche Gedanken hatte ich auch schon, liebe elefantenblau. Auch in meinem Leben gab es relativ harmlose Ereignisse, die mich haben schmecken lassen, wie es sein könnte ein massives Trauma erlitten zu haben. Weil die Ohnmachtsgefühle durch winzig kleine Begebenheiten, Äußerungen oder Wahrnehmungen getriggert werden können und sofort der Film abläuft, inkl. starken Angstgefühlen. Das auch das (kleine) Traumata sind, darauf bin ich erst gekommen, als meine Therapeutin anbot sie mit EMDR zu bearbeiten. Auch eine Panikattacke (besonders sie erste) ist traumatisch, deshalb wird bei Angststörungen auch immer mehr mit den Mitteln der Traumatherapie gearbeitet.
    Als nächstes habe ich mich dann gefragt, wie es mir gehen würde, hätte ich ein richtig schlimmes Erlebnis gehabt? Ich ziehe den Hut vor allen Überlebenden und ihrem unglaublichen Lebenswillen, der es ihnen ermöglicht, so etwas wie Alltag zu leben. Der Mensch ist echt ein Wunder.

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  2. Liebe elefantenblau! Ich stimme absolut mir dir überein was den Respekt für traumatisierte Menschen betrifft!! Ich empfinde das oft ein wahrhaftiges Wunder! Was mich an deinem Beitrag jedoch etwas nachdenklich stimmt, ist der Gedanke, dass dein Leiden weniger schwer wiegt. (Falls ich das falsch interpretiert habe, bitte verzeih!) Ich kenn das von mir selbst, denke aber, dass ein solcher Vergleich niemanden von Nutzen ist. Ich denke wir sind es gewöhnt zu messen, zu vergleichen, zu bewerten und einzuteilen. Das ist oft sehr sinnvoll, oft aber auch nicht. Ich wünsche dir (und auch mir 😉) Verständnis und Mitgefühl für dein (bzw. mein) Leid. Alles Liebe!

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    1. Danke 😊 ich verstehe, was du meinst. Und ich habe wohl Jahre damit verbracht mir selbst zu sagen, dass ich doch keinen Grund für meine Gefühle habe. Aber diese Zeiten sind zumindest ein bisschen vorbei. Beim Schreiben hatte ich befürchtet, dass es so klingen könnte. Und deine Worte sind ganz wichtig, auch wenn ich mittlerweile weiß und auch spüre, dass Leid subjektiv ist, wie auch Angst oder das eigene Erleben.
      Wenn jemand zu mir sagt:“ Anderen geht es doch viel schlechter.“, antworte ich mit: „Mein Schlimm ist .It

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  3. Es tut gut zu lesen, was du schreibst. Ich hab Tränen in den Augen. Brauchen wir doch viel mehr solche Menschen, wie dich!!! DANKE ❤
    Aber warum relativierst du dein Trauma? Auch wenn es in deine Augen "Nicht ganz so dramatisch" zu seinen scheint. Schlaf ist Lebenswichtig und kann, wenn er nicht so funktioniert, wie er soll, zur mega Belastung werden. Ich hoffe du verstehst, so einigermaßen, was ich ausdrücken will?!
    Danke für deinen Beitrag.

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  4. Vielen Dank! (ich bin eine von jenen, die grade mal so ihre Gewaltkindheit überlebt hat) Respekt tut einfach gut, aber bitte hör auf Dich zu vergleichen. Es kommt nicht darauf an wie groß ein Trauma im Vergleich zu anderen Traumen ist. Auch sog. kleine Traumen (und woher willst Du wissen ob Du alles weißt – Traumen werden in der Regel verdrängt) können ganz große negative Wirkungen und Folgeerscheinungen in einer Kinderseele haben. Ein sensibles Kind erlebt das gleiche Erlebnis, das ein anderes, robusteres, oder in einem guten und gut tragenden Umfeld aufgewachsen ist, mit vertrauensvollen Erziehungspersonen, die gleichen Situationen vielleicht ganz anders.
    Aber ich kenne das, auch ich frage mich manchmal – weil ich weiß, dass es noch schlimmere Traumen gibt, schlimmere Situationen als die meine war (nehmen wir nur mal die vielen Kinderseelen, die nur Krieg, Bomben, Tote…..) ob ich noch berechtigt bin – trotz meines Alters – überhaupt noch eine Therapie zu machen.
    Jeder einzelne der auf dieser Welt noch leidet – verdient Hilfe.
    Und zu dem Punkt Schlafstörungen: wenn man die hat und man sehr lange unter Schlafentzug leidet, dann wird die Abwehr geschwächt (das heißt Verdrängungen kommen leichter an die Oberfläche) das wiederum lässt einen noch weniger schlafen. D.h. eigentlich – es tut sich was im „Untergrund“ und dem sollte man m.M. nach immer nachgehen.

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    1. Ja – ich denke ich habe mich nicht getraut das gleichzusetzen, weil ich niemandem auf den Schlips treten wollte. Nicht, dass sich jemand denkt „was weiß die schon“.
      Aber ich versuche das, was du beschrieben hast – wirklich. Ich bin mir wichtig und deshalb sind auch die Dinge, die mich belasten wichtig!

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  5. Liebe Elefantendame,
    danke für diesen wunderbaren Beitrag und die Worte, die mein Herz berühren. Großer Respekt vor deiner Offenheit über dein Trauma. Und ja ich sehe es auch so, Menschen die Dinge erleben, die viele nur aus dem Tatort oder von Law and Order kennen, verdrängen nur allzu oft, dass sowas Realität sein kein. Zu sagen, dass man traumatisiert ist, löst doch meist nur Irritation hervor. So vieles ist nachvollziehbar, das Grauen immer und immer wieder Bilder der Tat zu sehen, ist zu abstrakt, als das ein Mensch es begreifen kann. Chapeau für deine Lanze, die du für all die Traumatisierten brichst

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  6. Nach nochmaligem Lesen des Artikels, jetzt auch mit den vielen hilfreichen und wertvollen Kommentaren darunter, möchte ich allen daran Beteiligten meinen Dank aussprechen. Mir helfen eure Gedanken auch weiter, da ich mich ähnlichen Gedanken herumschlage. Wie schlimm ist mein Schlimm? Wo kommt es her und wo sortiere ich es ein? Therapie hat mir dabei bisher ein wenig weitergeholfen. Worte wie die oben stehenden noch mehr. Danke.
    Lieben Gruß,
    Jo

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