Depressionen und Arbeit – Teil III

Diesmal wird es allerdings ein wenig spezifischer. Was macht die Depression in meinem Erzieherberuf mit mir? Ja was macht sie eigentlich…

Ich habe den Umgang damit noch in der fünfjährigen Ausbildung gelernt, sozusagen in der Light- Version, schließlich hatte ich zwischendurch immer wieder Schule, in der ich ziemlich gut war und ein paar Fehltage nichts weiter machten. Schon in dieser Zeit machten mich das Erleben der Depression zu einer besseren Pädagogin, glaube ich, einfühlsamer, verständnisvoller, das gute und schnelle Analysieren. Außerdem blieb mir meine Kreativität wundersamerweise immer an meiner Seite. Und ich bin beileibe keine Basteltante, ich bin feinmotorisch wenig begabt, habe mehrfach in meinem Leben erfolglos versucht zu Häkeln und mir fehlt dazu die Geduld.

Nein, kreativ bin ich im Problemlösungsdenken, das kann ich. Wenn es darum geht den Kindern zu zeigen, dass sie wertvoll sind, auch wenn es ihnen gerade nicht so gut geht, einem Jungen, der nicht weiß, wie man Kontakt zu Anderen aufnimmt und deshalb nur schlägt zu helfen Wege zu finden, die besser funktionieren. Ich glaube das ist einer der Gründe, weshalb ich in bisher jedem Team gern gesehen war, ich habe da eine gewisse Intuition und nehme die Kinder mit ihren Belangen und Bedürfnissen ernst. Der Erzieherberuf liegt mir, wirklich.

Und dann gibt es da ja aber noch diese andere Sache, die Depression. Wie arbeitet es sich damit in der Realität? Da muss ich euch nichts vormachen. Bescheiden. Sehr bescheiden. Wie soll man etwas geben, wenn man alle Kraft für sich selbst braucht? Jemanden trösten, wenn man selbst Trost benötigt? In diesen Fällen sollte man vielleicht wirklich akzeptieren, dass die eigene Krankheit eine Krankheit ist, als solche zählt und einfach zu Hause bleiben. Denn jeder Tag, an dem ich mich in diesem dunklen Sumpf bewege, ist fast unerträglich in der Arbeit. Ich besitze keine Maske, die mich zu einer depressiven und trotzdem guten Erzieherin macht. Man kann den Job mit mehr oder weniger Herzblut machen, wie jeden anderen – ich gehöre zu denen, für die der Beruf manchmal eine Art Berufung ist, ich übe ihn mit Leib und Seele aus. Und ich muss und musste lernen, dass das nicht immer geht. Und dass ich okay bin, auch wenn ich Mal nur fünfzig Prozent leiste, weil ich es mir wert bin. Ich habe nicht immer Nerven aus Stahl und eine engelsgeduldige Zunge, die diskutiert, streitet, tröstet und auffängt. Ich bin auch nur ein Mensch und so sehr ich das nicht möchte, ist das eine Seite, die auch in der Arbeit ihren Platz hat. Dann macht man manchmal vielleicht Fehler und reagiert nicht sehr pädagogisch. Ich hoffe die Kinder verzeihen’s mir – wenn ich ab und an einfach genervt bin.

Selbst eine so rudimentäre Erfahrung, wie das Erleben einer Depression zu machen, verändert. Und war für mich von unglaublichem Nutzen, während meiner Zeit im Mädchenwohnheim, in dem viele der Mädchen an psychischen Erkrankungen litten. Es war nicht nötig auszusprechen, dass ich das selbst kannte – ich konnte dennoch helfen, einfach nur, weil ich wusste, was man in jenen Momenten hören möchte und was weniger. Jetzt arbeite ich in einem Hort, mit Grundschulkindern, weil das entspannter ist, als die Schichtarbeit im Heim. Aber auch dort gibt es genug Kinder, die schwierige Eltern haben und Hilfe benötigen – durch die sehr schmerzlichen Erfahrungen mit meiner eigenen Mutter in den letzten Jahren kann ich da jetzt viel besser einwirken. Abstempeln tue ich niemanden, ich vorurteile nicht, was weiß denn ich, was die Eltern erlebt haben mögen? Und ob das kleine Mädchen, das mit dem Boot aus Afghanistan kam und in einer Flüchtlingsunterkunft lebt, nun wirklich Bauchweh hat, oder ob sie weint, weil sie so viel traumatisches erlebt hat. Solange ich da bin. Sofort schreien kann jeder – sich Zeit nehmen findet viel zu selten statt. Und so passiert es nichts selten, dass ich irgendwo am Boden, neben einem Kind sitze, das sich gerade daneben benommen hat, um heraus zu finden, was eigentlich los ist. Die Depression hat mich, wenn sie nicht gerade akut ist oder war, in jedem Fall zu einer besseren Fachkraft gemacht. Nebenbei werde ich auch noch gelehrt gut auf mich aufzupassen, weil ich sonst nämlich stolpere und Gefahr laufe so schnell nicht mehr aufstehen zu können.

Ich habe Glück, dass die Arbeit für mich oft mehr Ressource, als Krafträuber ist und mir somit meist gut tut. Das wirkt sich auch positiv auf meine Depression aus. Aber wenn es nicht geht, dann geht es nicht. Das ist ein so anstrengender Job, den man nicht gut machen kann, wenn man selbst gerade auf einem viel zu dünnen und bis zum Anschlag gespannten Seil balanciert. Umso besser, wenn man ein Team hat, in dem man auch Mal sagen darf: „Mir geht es gerade nicht gut.“ Aber leider hat das nicht jeder. Und vor allem denke ich, sollte man darauf achten, was einem Spaß macht – steckt mich in einen Kindergarten oder eine Krippe und ich bin dauerfrustriert. Und ich habe mich bewusst dazu entschieden 30 Wochenstunden zu arbeiten – weniger Geld, mehr Zeit für mich, weniger Stress und angenehmere Arbeitszeiten.

Übrigens, heute habe ich einen Monat in der neuen Einrichtung geschafft. Danke euch allen für die Unterstützung! Im Moment geht es drunter, ist so anstrengend und ich habe das Gefühl meine Haut ist aus Stahl – Mal gucken, wie lange mir das noch nichts anhaben kann 😉

7 Gedanken zu “Depressionen und Arbeit – Teil III

  1. Wow! Du kannst wirklich stolz auf Dich sein. Es ist schön, zu sehen, dass Deine Arbeit Dir auch Kraft gibt. Vielleicht sind Menschen mit Depressionen gar nicht „krank“, sondern nur viel sensibler als „Normalos“, und reagieren eben auf unsere teilweise doch recht lebensfeindliche Umgebung sensibler. So, wie du schreibst, hast Du große Empathien, und das ist eigentlich keine Schwäche, sondern eine Wahnsinns-Stärke. Weiter so!

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  2. „Sofort schreien kann jeder – sich Zeit nehmen findet viel zu selten statt“ – diesen Satz würde ich gerade mega fett drucken und zehnmal unterstreichen… Arbeit mit Menschen, vor allem Kindern, ist eben Arbeit mit Menschen, da hilft nicht Schema xy – sondern das erfordert viel Empathie und vor allem Zeit!!!!
    Du machst das hervorragend. Ich drücke dich aus der Ferne… Und nochwas, was du verdammt richtig machst: weniger Geld verdienen und sich Zeit für sich nehmen – viel wichtiger als alles Geld der Welt. Man hat nur ein Leben, einen Körper – also sollte man auf ihn acht geben!

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  3. Das liest sich gut. Ich bewundere dich, dass du die Kraft, von der du ja auch nicht unendlich viel hast, noch so engagiert in diesen – kräftezehrenden – Beruf investieren kannst. Andere würden auf nen Bürojob umschulen. Wenngleich der auch Kräfte zehrt, ich weiß, wovon ich rede 😉 das wichtigste ist wirklich, dass man Unterstützung und Verständnis von den Leuten im Arbeitsumfeld erfährt. Ich drück dir die Daumen, dass es so weitergeht 😊

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  4. Welch Glück für jedes Kind aus Deiner Grundschulgruppe. Ja, ich lese aus jedem Satz heraus, dass Du mit Herzblut dabei bist. Und wie toll, dass Du aus der Erfahrung Deiner Erkrankung heraus so viel positives für die Erzieherinnenarbeit ziehen kannst. Hut ab! Aber nun genieße Dein Wochenende und feiere den ersten Arbeitsmonat

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  5. Glückwunsch zum ersten Monat, das hast Du toll gemacht!
    „Und so passiert es nichts selten, dass ich irgendwo am Boden, neben einem Kind sitze, das sich gerade daneben benommen hat, um heraus zu finden, was eigentlich los ist. “ ich wünschte, es gäbe in den Einrichtungen mehr Menschen wie Dich. Was ich manchmal so im Kindergarten mit bekomme hat mich schon oft traurig gemacht.

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