Ich? Hochsensibilität?

Ich weiß noch nicht einmal mehr genau, wie es kam. Irgendwie landete ich letztes Wochenende auf verschiedenen Websites, die Tests zur Hochsensibilität anbieten. Ich machte sicher fünf oder sechs davon und immer kam dasselbe Ergebnis heraus.
Ich.Hochsensibel.

Nun gut. Man muss ja nicht gleich alle Pferde scheu machen, dachte ich mir. Schließlich gibt es Tests zu jedem Thema und das nun nicht unbedingt in qualitativer oder fundierter Form. Bestellte ich mir also sicherheitshalber ein Buch zu dieser Thematik, Mal Reinlesen kann ja nicht schaden.

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Vieles passt.
Und Anderes überhaupt nicht.

Erklären könnte es einiges. Und doch scheint mir das alles etwas ungenau, als hätte doch jeder solches Empfinden.

Ich erinnere mich, dass ich im Grundschulalter beschloss in Richtung Gaza-Streifen aufzubrechen, um mich dort zwischen Israel und Palästina aufzustellen. Bis es Frieden gäbe. Und wenn ich dort erschossen würde, dann vielleicht zumindest für einen guten Zweck.
Naiv? Ja! Aber ich war gerade einmal sechs oder sieben Jahre alt und hatte etwas aus den Nachrichten mitbekommen.

Heute rieche und schmecke ich empfindlichst. Mein Hören ist nicht das beste, doch nehme ich Geräusche wahr, die Andere nicht hören. Ich bin unheimlich aufmerksam und achtsam mit meiner Umwelt.
Bevor ich angefangen habe gezielt zu üben, habe ich mich in jeden Menschen hineinversetzt, der sich möglicherweise in einer Misslage befunden hatte. Der Obdachlose auf der Straße, der Patient im hinteren Teil des mit Blaulicht passierenden Krankenwagens.
Blitzschnell erkenne ich winzige Details meines Gegenübers. Narben an Handgelenken, Einstiche, Anzeichen einer Essstörung, Ausdünstungen. Einen Menschen dessen Poren Alkohol ausdünsten, kann ich in einer vollen U-Bahn erschnüffeln.
Ich brauche Authentizität im Umgang mit Menschen und ich kann es kaum aushalten, wenn Verhalten und das Gesagte zu viel Diskrepanz aufweisen.
Bevor ich anfing ein Antidepressivum zu nehmen, hat der Weltschmerz, die Ungerechtigkeit mich oft überwältigt.
Immer wieder brauche ich Rückzug. Dann ertrage ich weder Berührungen, noch Geräusche oder zu warme Temperaturen.

Aber ich habe kein Problem mit Umweltgeräuschen, die schnell vorbei gehen. Alkohol und Koffein wirken bei mir ganz normal. Und wenn ich Hunger habe, kann ich mich dennoch konzentrieren. Außerdem bin ich nicht gerade eine Perfektionistin. Höchstens, wenn es um meine Arbeit geht.

Für Hochsensibilität gibt es keine psychiatrische Diagnostik. Es ist ja auch keine Krankheit. Und ich bin mir ganz schön unsicher, verrenne ich mich da in etwas?

Es geht mir gar nicht darum einen weiteren Stempel zu tragen. Sondern eher darum, ob ich mich auf die Thematik auch konzentrieren sollte und mich wie eine Hochsensible zu behandeln beginne.

Wer kennt sich aus. Und gibt mir etwas Weisheit ab 😊

39 Kommentare zu „Ich? Hochsensibilität?“

  1. Hm, wir haben viel zu viele Parallelen^^
    Bei mir ist das auch ein Thema und die ärztliche Seite hat sich bisher wenig damit auseinander gesetzt. Mehr als ein „gut möglich“ habe ich dazu noch nciht bekommen. Es ist halt, wie Du ja auch sagst, kaum zu diagnostizieren. Die Sammlung an in Frage kommenden Eigenschaften und Merkmalen ist umfangreich und stark interpretierbar. Im Grunde kann sich da jeder irgendwie drin wiederfinden. Entscheidender ist das Gesamtbild, dass sich daraus ergibt, aber uach da liegt viel Interpretation.
    Nach allem, was ich bisher von Dir gelesen habe, schieße ich aus der Hüfte und behaupte, dass es bei Dir zutrifft. Aber was bedeutet das für Dich? Die Frage stelle ich mir selber auch.
    Die wesentliche Konsequenz wäre Achtsamkeit mit sich selber. Rücksicht nehmen auf die eigene Sensibilität, die Bedürfnisse, die besonders empfindlichen Punkte. Die kennst Du bei Dir eigentlich recht gut, oder? Achtsamkeit und Rücksichtnahme sind ohnehin Themen bei Dir. Ich glaube, das Wissen darum, ob Hochsensibilität auf Dich zutrifft, würde nicht soviel für Dein Leben ändern. Die wesentliche Knackpunkte sind ohnehin schon „in Arbeit“. Das sind natürlich nur meine Gedanken aus der Ferne und ich hoffe, dass ich damit nicht allzu falsch liege und Dir irgendeinen Quatsch erzähle 🙂
    Ich glaube aber, dass Du ein sehr feinsinniger, sensibler und mitfühlender Mensch bist und Du als solcher ohnehin gut auf Dich aufpassen solltest. Damit Du von der oft groben und lauten Welt nicht zu sehr verletzt wirst. Das wünsche ich Dir. 🙂

    Alles liebe… Jo 🙂

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  2. Ich habe die Tests letztens auch gemacht und darüber geblockt. Bei mir passt auch unfassbar viel. Aber eben auch nicht alles. Wer ist schon ein Musterbeispiel für irgendetwas theoretisches. Ich glaube, das wichtigste dabei ist nicht „sich zu behandeln“ oder sich besonders zu benehmen, sondern einfach auf sich aufzupassen. Du brauchst mehr Pausen als andere? Dann gönne sie dir.
    Du bist unheimlich empatisch, das kann Vor- aber auch Nachteil sein, wenn du nicht auf dich selbst aufpasst und deine Grenzen spürst und achtest.

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    1. Sehr gut getroffen, also mich getroffen. Mich hat bei der Überlegung zu der Hochsensibilität auch leise das Gefühl beschlichen, dass viele meiner Lieblingsblogs hier ähnlich sind. Und das auch zu euch passen dürfte.
      Vor allem nach meinem letzten Beitrag zu meiner ganz persönlichen Stille.

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  3. Hochsensibilität! Na, wenn das mal nicht eine Frage der Zeit war! Zunächst mal müssen nicht alle Merkmale und Kriterien zutreffen. Eine Depression kann ja auch zig verschiedene Formen annehmen. Auch Hochsensiblität ist sehr individuell. Und Hochsensibilität ist ein Etikett, eine Schublade, die für eine Zeitlang vielleicht sehr wichtig sein kann, einfach, um sich selbst besser zu verstehen. Ich persönlich finde, man sollte es nicht zu einem großen Konzept machen, dem man sein Leben unterstellt (vgl. Geburtshoroskope oder sonstiges). Konzepte sind einfach nur ‚Erkenntnishilfen‘. Und jetzt ist scheinbar bei Dir das Thema Hochsensibiltät dran. Die Frage ist ja, was macht die Erkenntnis mit Dir…?

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  4. Ich finde das Thema Hochsensibilität auch ein spannendes. Nicht in allen, aber doch in vielen der dabei beschriebenen Punkte kann ich mich wiederfinden. Es wäre eine mögliche Erklärung für einige meiner Eigenarten, das in meiner Teenagerzeit sehr präsente und manchmal schmerzhafte Gefühl irgendwie anders zu sein als viele Gleichaltrige … Verunsichern tut mich, dass ich von fachmedizinischer und psychologischer Seite noch nichts zu dem Thema gehört habe.

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    1. Da hast du Recht. Ich habe aus der Ecke auch noch nie was gehört. Dabei geht es ja nicht gerade um die „Diagnose“, sondern vielmehr darum, was man daraus ziehen kann.
      In der Pubertät hatte ich auch ganz massiv das Gefühl anders zu sein. Ich habe so sehr den Sinn gesucht, so viel Anteil an der Welt genommen und war so ernst, viel zu reif…
      Hast du gut beschrieben!

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      1. Ja, genau so ging es mir auch! Zu ernsthaft, zu erwachsen, zu sensibel … Immer waren da diese ganzen „zu“s 😉 Mir hat es so gut getan, als ich dann an der Uni und auch im Internet erstmals vermehrt auf Gleichgesinnte stieß.
        Welchen Nutzen aus der Erkenntnis ziehen kann, hochsensibel zu sein, ist eine gute Frage … Vielleicht mehr Verständnis und Annahme für sich selbst, das eigene so Sein besser verstehen zu können und sich nicht dafür abzuwerten?

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        1. Ich hab da ja jetzt dieses Buch und da sind gaaanz viele Übungen drin. Und ja, es geht wohl um mehr Rücksichtnahme und Verständnis sich selbst gegenüber. Weil man das eben braucht.
          Ich werde von meinen Fortschritten berichten 😀

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  5. Oje, der Test ist aber sehr allgemein. Demnach wäre ich auch schon hochsensibel – aber mitunter lässt mein Umfeld mich wissen, dass ich das mit Sicherheit nicht bin 🙂
    Aber das bedeutet ja nicht, dass Du es nicht bist. Mich haben Deine Schilderungen an ein tolles Interview erinnert, das ich kürzlich gelesen habe:
    http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/45750/Der-Sohn-Code
    Ich hoffe, Du erschreckst Dich nicht darüber, dass es um Autismus geht. Ich will mitnichten sagen, dass Du das sein könntest. Mir drängt sich nur der Verdacht auf, dass die Übergänge wohl doch fließender zu sein scheinen, als wir denken. Ich habe vor etlichen Jahren mal ein spannendes Buch gelesen, es hieß „Buntschatten und Fledermäuse“. Darin kamen so Sätze vor wie „Offene Schranktüren beißen“. Daran kann ich mich deshalb so gut erinnern, weil es mir als Normalo auch so geht – ich kann es nicht ertragen, wenn eine Schranktür geöffnet bleibt. Meine Tochter ist genauso – und wenn sie die Türen alle brav schließt, redet mein Mann von „autistischen Zügen“. Nein. Aber vielleicht eine höhere Sensibilität für manche Dinge. Für welche Dinge, das kann sich unterscheiden.
    Ich denke, das Entscheidende ist nicht, welches „Label“ man bekommt. Sondern, dass man lernt, mit seinen Besonderheiten umzugehen, oder? Wenn manchmal Rückzug das Richtige für Dich ist, dann ist es eben so. Vielleicht kannst Du Dir regelmäßige Rückzugs-Orte bzw. Zeiten in Deinen Alltag einbauen, zB. in Form einer Meditation? Vielleicht belasten Dich dann andere Dinge, die Dich sonst aus der Bahn werfen würden, weniger ?
    Aber auf alle Fälle: Danke für die interessanten Einblicke!

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    1. Das Buch kenne ich 😊 und den Artikel lese ich nachher in Ruhe. Mich erschreckt das nicht, ich denke in uns steckt viel mehr „anders“, als wir glauben und umgekehrt steckt sehr viel „normal“ in dem, was zunächst anders erscheint.
      Ich glaube für mich geht es bei der ganzen Sache wirklich nur um den Umgang mit mir selbst. Und über diesen Zugang gelingt mir das vielleicht ja noch etwas besser!

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  6. Spannendes Thema! Ich habe mich damit auch schon lange und viel auseinandergesetzt und gemerkt, dass die Zuschreibung „hochsensibel“ viele Verhaltenweisen bei mir erklärt, auf die ich früher (inbesondere zu Pubertätszeiten) nie eine Antwort hatte. Ich war nie schüchtern, ich war einfach hochsensibel in einer verdammt lauten Welt. Für mich war das nie ein negativer Stempel, sondern einfach eine Eigenschaft, die ich sogar sehr zu lieben gelernt habe. Falls du an weiterer Lektüre interessiert bist, kann ich dir „The Highly Sensitive Person: How to Thrive When the World Overwhelms You“ ans Herz legen! Ist zwar auf Englisch und schon 20 Jahre alt, aber der Inhalt ist nach wie vor aktuell. Mir hat es viele Aha-Momente beschert und ich konnte es auch Familie und Partner weitergeben, die dann wiederum auch vieles an mir verstanden haben.
    Alles Liebe für dich (von einer meist stillen Mitleserin) 🙂

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  7. Ich falle laut den Tests auch unter das Label „hochsensibel“. Ich muss sagen, dass das für mich eher kein „Aha-Erlebnis“ war, weil ich schon verstanden hatte dass ich anscheinend „empfindlicher“ bin als andere und weil es für mich in diesem Fall irgendwie keinen Unterschied gemacht hat zu wissen, dass es da einen Namen für gibt. Es hat für mich z.B. nicht dazu geführt, dass ich mich besser akzeptieren konnte mit meinen Eigenschaften. Aber ich denke, da muss wirklich jede*r selbst erforschen, ob und wie das Wissen um dieses Hochsensibilität hilfreich sein kann. Es könnte ja sein, dass Du Techniken findest, die Dir Entlastung bringen, die Du vielleicht vorher nicht so auf dem Schirm hattest, weil Du Dinge nicht im Zusammenhang gesehen hast.
    LG Tomi

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    1. Mhm, ich habe so wenig Verständnis für mich selbst, dass ich so einen „Stempel“ für mich selbst vielleicht einfach brauche.
      Ich bin da noch nicht so weit, dass ich das einfach so verstanden hätte und möglicherweise verschafft mir das ja einen Zugang, zu mir 😊

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      1. Dann ist es doch total prima, dass du auf das Thema gestoßen bist! Ich finde, diese Label sind immer dann hilfreich, wenn sie helfen sich selbst besser zu verstehen oder sich z.B. mit anderen Erfahrenen/Betroffenen auszutauschen 🙂

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  8. Eine interessante Diskussion hier. Das wesentliche wurde bereits mehrfach gesagt.

    Ich habe vor drei Jahren mal so einen Test (online) gemacht und galt auch als „hochsensibel“, fand die Fragen damals aber so allgemein, dass ich denke, dass da schon eine ganze Reihe Menschen als hochsensibel durchgehen würden. Also habe ich das Thema für mich erst einmal nicht weiter verfolgt.

    Was Dir dieses „Etikett“ bringt ist: mehr Verständnis für Dich, mehr Rücksichtnahme auf Dich, die Du Dir gönnen darfst. Und: Du kannst es als eine Eigenheit von Dir nehmen, die doch – mit all den Nachteilen – auch viele Dinge beinhaltet, die durchaus für Dich/Deine Mitmenschen/die Allgemeinheit Gutes bringen können, anstatt Dich selbst für Deine „Schwäche“/Überforderung durch zuviel Input/Depression usw. zu verurteilen.

    Insofern kann es Dir durchaus einiges bringen, eines der Dir empfohlenen Bücher zu lesen.

    Liebe Grüße
    Agnes

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  9. Mhh ich stehe dem Thema kritisch gegenüber. Es erscheint mir merkwürdig alles und jedem einem Namen zu geben. Hochsensiblität ist ja keine Krankheit. Viele Künstler und Architekten haben oft eine detaillierte Weltansicht und kriegen mehr von der Umwelt mit, bis es nervt. Ich frage mich, ob man einen Umstand, den doch sichtbar viele Menschen auch kennen, als etwas betiteln muss, wozu es jede Menge Bücher gibt. Ich kann zum Beispiel kaum Umweltreize filtern und kriege alles mit. Ob ich hochsensibel bin? Ich rechne es zur Hochbegabung und PTBS. Es ist doch wunderbar mehr mitzukriegen. Es gilt nur damit umzugehen, ich höre in der Stadt immer Musik, damit ich nicht jedes Gespräch aufschnappe und brauche viel Zeit für mich, dass ist aber typisch für Histrionie.Also eine Sache kann auch vieles oder nihcts sein. Wichtig ist doch, dass man gut mit sich und der Welt zurecht kommt. Ich kann verstehen, dass man seinen Problemen oder Eigenschaften Namen gibt um in zu greifen, gleichzeitig ist es schwierig in eine Schublade zu rutschen, die vielleicht mehr schadet las hilft. Ist hochsensibel vielleicht auch eine Charaktereigenschaft, so wie andere stumpf oder phlegmatisch sind? Ich empfehle heitere Gelassenheit und sich zu nehmen, wie man ist. alles hat Vor- und Nachteile. Es gilt das Beste raus zu machen, was leider schwer ist. Ich schwinge große Worte, beherrsche es aber selber kaum 🙂

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