Muss ich immer alles müssen was ich kann?

Irgendwann einmal habe ich mir in den letzten Jahren angewöhnt zu überprüfen woher meine schlechte Laune kommt, oder kommen könnte. Da fehlt mir ja zugegebenermaßen oft das Verständnis für mich selbst und so habe ich versucht das ein wenig zurück zu gewinnen.

Mittlerweile ist daraus aber eine Art Selbstläufer geworden und nun höre ich mit einem überdimensionalen Ohr in mich hinein. Oft höre ich gar nichts, weil ich noch so ungeübt darin bin mich und meinen Körper wahrzunehmen. Meistens ist es ein Rätseln, das eher im Kopf, als im emotionalen Bereich stattfindet, ja, ich habe so sehr das Empfinden für mich selbst verloren, dass ich kognitiv überlegen muss, ob das jetzt ein Grund ist oder nicht.

Und so langsam nervt mich das. Das passt so ganz und gar nicht zu meinem SEIN- Konzept, das ich ansteuere. Da wäre die schlechte Laune, die tiefe Traurigkeit bis hin zu den depressiven Gefühlen nämlich einfach okay – nicht unreflektiert, nein, aber ich bin doch okay, so wie ich bin! Bin ich das? My heart says no, my brain says yes (um den Song von der wundervollen Ami Mal umzudrehen)….

Muss ich immer alles bewerten? Kann ich denn nicht ohne das sein?

Eine Freundin von mir sagte heute, dass sie allein wegen des Wetters eine miese Laune hat (in München schneit es) – ja klar, das ist bedrückend und ich verstehe sie. Aber lasse ich das für mich auch zählen?

Es gelingt mir immer und immer besser Andere so anzunehmen und so sein zu lassen, wie sie eben sind. Bei Einem, der buntgemustertes Zeug trägt, denke ich mir nicht mehr, dass der ja einen gräßlichen Geschmack hat, sondern, dass mich die vielen Farben im Alltagsgrau freuen. Ich werde gelassener, bin irgendwie mehr bei mir und weniger bei den Anderen. Ob ich das nochmal bei Menschen schaffe, die in der Öffentlichkeit ausflippen, schreien, schimpfen,… – da erschrecke ich mich immer maßlos und werde von einem ganz unangenehmen Gefühl beschlichen.  Aber die Kollegin, die sich andauernd profilieren muss, na und, man muss nur ein zweites Mal hinsehen um zu merken, dass sie sehr unsicher ist und sich so Bestätigung holt.

Da gibt es etwas in mir, das mich sehr klein macht und alles was Potenzial zum größer werden in sich birgt sofort kaputt schlägt. Das hat ganz viel mit dem zu tun woher ich komme und was mir in der Kindheit vorgelebt wurde. Meine Mutter, die mich lobte, aber sich selbst nie loben konnte, es bis heute nicht kann. Mein Vater der nie unangenehm sein wollte und sich dafür stets selbst überging. Ganz viel kommt auch von mir, denn es hat ganz schön lange gedauert, bis ich mit jener Selbstfürsorge angefangen habe.

Bisher gelingt es dem anderen Part in mir, der versucht realistisch zu sein und meinen Wert anzuerkennen, mich so anzunehmen wie ich bin noch nicht sich zu behaupten. Da werde ich wohl noch eine Weile Geduld brauchen. Irgendwo in mir gibt es Stolz und Anerkennung, das weiß ich ganz genau.

 

In den letzten Tagen dachte ich immer wieder darüber nach, dass ich mich nicht wirklich fühle wie eine 26 – Jährige. Vielleicht weil ich so oft gesagt bekommen habe, unter Anderem von meinen Eltern, dass sie in meinem Alter nicht so nachdenklich und reflektiert waren. Mehr gelebt, weniger überlegt. Oder eine Weltreise soll ich machen. Außerdem viel feiern gehen. Von Kollegen und Bekannten, wie Verwandten. Aber wisst ihr was…es ist mir egal ob ich 26, 40 oder 80 Jahre alt bin – ich will zufrieden sein. Das ist ähnlich wie mit der Depression – ich hatte schon seit Jahren keine schwere Episode mehr, das gilt dann für Manche nicht mehr. Ich kann dann kein Problem mit dieser Erkrankung haben, weil ich nicht so bin, wie man sich das vorstellt. Ich habe mein Monsterherz und es ist wirklich nicht immer leicht damit zu leben. Für mich sind meine Versagensängste und das dumpfe Gefühl, das alle Gliedmaßen wackelig werden lässt, mit meiner Sensibilität, mit meinem schlechten Selbstwertgefühl und den Schlafstörungen mehr als genug. Das in die Arbeit gehen immer wieder die pure Überwindung, das Leben manchmal nur aushalten. Ich weiß das – und ich denke das reicht. Ich will sein dürfen.

Und dafür die Dinge tun, die mir dabei helfen eben das zu erreichen. Bis ich sie habe, meine Bodenständigkeit, meine ganz eigene.

14 Gedanken zu “Muss ich immer alles müssen was ich kann?

  1. Ich finde, Du musst garnichts. Du machst das nämlich schon ganz gut, wie Du immer mehr Deinen eigenen Pfad einschlägst.
    Ich habe gerade an ein Zitat von Kant gedacht, was mir therapeutischer seits schon ein paarmal ans Herz gelegt wurde: „Ich kann, weil ich will, was ich muss.“
    Hm, ich werde damit überhaupt nicht warm. Für mich ist das bloß eine Umformulierung solch „hilfreicher“ Platitüden wie „Et hilft ja nichts, muss ja!“, „was willste machen, musste durch!“ und „Reiß Dich halt zusammen! Musste machen!“ usw.
    Klar, manchmal stimmt das auch, es gibt immer Dinge, wo wir irgendwie durchmüssen und es bleibt nur die Disziplin, die Eigenmotivation (bzw. Wollen um des Müssens wegen) oder sich Hilfe zu suchen.
    Trotzdem halte ich es gerade für uns (aber nicht nur, auch nicht depressive sollten mal mehr in die Richtung denken) sehr wichtig, mal genauer zu überprüfen wieviel „muss“ eigentlich im eigenen Leben steckt und wo man welches wegkürzen kann. Soviel „müssen“ bleibt da häufig nicht, denke ich.
    Ich glaube, dass Du ein gutes Gespür dafür hast, was Du brauchst und was Dir wichtig ist. Je mehr lernst, entsprechend zu handeln, umso besser. Du bist ein wunderbarer Mensch, dem eher zugehört werden sollte, als das man Dir sagt, was Du „musst“. Dich selbst genießen und Dir selbst zu vertrauen zu lernen, wäre wahrscheinlich eine gute Sache, genau wie bei mir^^
    Du stellst Dich ständig Dir selbst und auch noch den Anderen. Stellst Dich in Frage und lernst. Und gibst noch. Das ist mehr, als die meisten von sich sagen können, nach meiner Erfahrung. Du bist eine Kompetenz des menschlichen Seins. Darum ein Hoch auf Dich! 🙂

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  2. Wenn man sehr darauf geeicht war, viele Jahre lang, das Negative zu sehen und sich selbst zu verurteilen, dann dauert es ein bisschen, bis man den Fokus dauerhaft dort halten kann, wo man ihn haben will. Es ist nicht so sehr eine Sache der Geduld, finde ich, als eine des Trainings. Überleg mal, wie es wäre, wenn Du einen Marathon laufen willst. Du ziehst ja auch nicht die Sportklamotten an und legst los. Nein, Du trainierst. Und du gehst regelmäßig raus und läufst und läufst immer ein bisschen weiter und immer ein bisschen schneller. Und während Du trainierst, fühlst Du Dich vermutlich alles andere als toll. Erst am Ende der Runde merkst Du, dass Du besser geworden bist. Es gibt da einen schönen Satz: ‚Vertraue dem Prozess‘. Das meint genau das. Der Prozess läuft, Du kriegst es nur nicht so mit.

    Was das müssen angeht: nein, keiner muss irgendwas. Das ist das, was wir erlösen dürfen, denn das haben ja die Generationen vor uns gelebt. Wir sind die Generation mit dem wahnsinnigen Luxus wir selbst werden, sein und uns selbst verwirklichen zu dürfen! Das ist unser Geschenk! Und, wie gesagt, es dauert ein Weilchen. Denk nicht drüber nach, trainiere und dann wirst Du irgendwann im Rückblick die ungeheure Strecke erkenne, die Du gegangen bist.

    Ach so, eins noch: ich kenne das sehr gut. Meine Familie hat da auch ziemlich klare Vorstellungen, wie ein gelungenes Leben auszusehen hat: Familie, Haus, Job mit mehr als gutem Einkommen, Mega-Ansehen und mind. 100 Menschen auf jeder Geburtstagsparty und mind. 20 zum Grillen jedes zweite Wochenende, Feiern und Ausgehen und und und. Ich brauchte Jahre um zu erkennen, dass ich mit meinem Hund und meiner besten Freundin in der Natur, im Garten, mit der Kamera vorm Gesicht und auf dem Land viel viel zufriedener bin. Und wenn mich das andere Leben mal anmacht, was kurzzeitig auch mal passiert, dann ist das super. Dann nehme ich das mit und dann ist auch wieder gut. Finde das, was zu Dir wirklich passt und lebe es. Lass die anderen reden. Sie kennen es auch nicht anders….

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    • Sehr treffend. Ich denke mir oft, dass du einiges von dem, was ich da erlebe, du auch kennst. Deine Meinung spielt unter meinen Beiträgen eine große Rolle. Ich hab da das Gefühl, dass ich auf einem guten Weg bin und irgendwann auch ankommen werde.

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      • Danke Dir, Du Liebe, das ist sehr nett von Dir! Du bist auf ’nem guten Weg. Auch, weil Du gar nicht anders kannst. Der Weg ist immer der Richtige, sonst würdest Du ihn nicht gehen. Ich glaube, wenn man das einmal verinnerlicht hat, dann wird Vieles leichter. Also einfach weiter so 😉

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  3. Ich finde, wir werten in unserer Gesellschaft ohnehin viel zu viel. Und reflektierte, nachdenkliche Menschen neigen zusätzlich noch dazu, sich selbst abzuwerten. „Einfach“ sein lassen, so wie du es schon geschrieben hast. Und sein dürfen. Und es ist okay so. Völlig wertfrei. Nicht gut, nicht schlecht. Es ist so, einfach so. Und das ist total in Ordnung.

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  4. Mhh ich fasse mich mal kurz, zu Abwechslung. Der Haken ist im Ultimativen. Das muss so, das ist so, ich will das so und ja das beliebte immer. Du kannst bodenständig sein, geerdet und gelassen und gleichzeitig auch mal verbissen, rätselnd und eben nicht dem Bild entsprechen, dass du anstrebst. Es gibt nicht nur schwarz und weiß. Dazwischen liegt das Bunt. Du musst also nichts immer und auch nicht immer das Gleiche. 🙂

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