Wieder einmal: Die Ängste

Zugegeben, meine Ängste sind mir längst nicht so vertraut, wie es die Depression ist. Ohne jeden Zweifel ist mein Monsterherz so facettenreich, dass es mich wieder und wieder erwischt und ich erneut nicht darauf vorbereitet war. Aber das ist alles nicht mehr so schlimm, weil ich doch viel besser damit umgehen kann und das Monsterherz als einen Teil von mir akzeptiere. Da ist eben etwas, das mir deutlich zeigt, wenn ich nicht gut genug auf mich aufgepasst habe, mich zu lange in destruktive Situationen begeben habe oder den Gang zu meinem Psychiater auf mich nehmen sollte, weil meine Botenstoffe im Gehirn einen ganz falschen Tango tanzen.

Und dann sind da eben diese Ängste – eigentlich wahrscheinlich schon genauso alt wie das Monsterherz und irgendwie ja auch ein Teil davon. Nur wahrhaben wollte ich das alles nicht allzu sehr. Pah, ich bin ein mutiger Mensch. Ich trage doch keinen Käfig in mir. Ich habe die Depression, ja, aber sonst bin ich doch normal. Wie dem so ist, macht das nicht Wahrhaben wollen häufig alles noch ein wenig schlimmer. Da ist dann Scham. Da sind dann Zweifel. Da steht man dann wieder am Anfang, am Anfang von einer anderen psychischen Sache. Die Ängste waren selten laut. Höchstens die Versagensangst. In allen anderen Situationen schlich sie sich ganz langsam und leise an, bis ich eines Tages da stand und mir alles, was ich nicht einigermaßen regelmäßig tat, Angst machte. Keine Angst, die mich in die Knie zwang – aber unangenehm, schrecklich unangenehm war sie schon.

Dann fand ich das Tagebuch meiner verstorbenen Großmutter. Von Angst zerfressene Niederschriften, mit einer großen Portion Panik übersät. Und ich erkannte die Ähnlichkeiten, konnte nicht mehr länger leugnen, dass ich vieles davon in mir trug – und trage.

Das ist nun schon eine Weile her und diese Ängste sind mir noch immer recht suspekt. Ich möchte sie am liebsten nur mit Gummihandschuhen anfassen, mit spitzen Fingern von mir entfernen und in einer schwarzen Tonne entsorgen. Aber ich bin auch ein wenig sanfter geworden. Habe verstanden, dass diese Ängste ein Teil von mir sind, etwas, worauf ich achten muss, damit es mir gut geht. Mich immer wieder Situationen zu stellen, damit das alles nicht rostet und ich irgendwann gar nicht mehr beweglich bin. Vielleicht bin ich irgendwann so weit, dass ich sie akzeptieren und damit leben kann.

Nun, so weit, so gut.  Dann wäre da aber noch diese Versagensangst, die es in ihrer Ausprägung vermutlich schon in das Angststörungs-Ranking passt. Entweder ist da ein dicker Knoten in mir, der noch immer nicht gelöst ist, der erklären könnte, weshalb ich meinen eigenen Fähigkeiten nicht vertraue. Oder aber – ich weiß es nicht. Einige von euch erinnern sich möglicherweise an meinen Kampf mit dem Arbeitsbeginn der neuen Stelle, den ich unter Anderem dank euren motivierenden Worten ausgefochten habe. Nun ist eine Weile vergangen, ich bin dort angekommen. In einem Personalgespräch hat mir der Chef nun gesagt, dass man mich unbedingt in der Einrichtung behalten möchte (meine Stelle ist auf ein Jahr Schwangerschaftsvertretung begrenzt) und was mache ich?

Ich liege danach nachts im Bett und spüre das Auftauchen der Versagensangst. Ich bin traurig, weil ich mit solchen Dingen scheinbar nicht anders umzugehen weiß. Gut, offensichtlich bin ich schon wieder einen Schritt weiter, da ich bereits das leise Auftauchen dieser Angst spüre und dann versuche darüber zu reflektieren. Das Angebot des Chefs ist ja nun nichts anderes, als eine Weiterführung meines Arbeitsvertrages und das macht mir nun warum genau Angst? Weil ich glaube, dass meine Fähigkeiten nicht genügen? Ich kein Selbstvertrauen habe? Ich nicht an mich glaube?

Ich weiß es nicht. Liebe Steine, die ihr mir im Weg liegt – ich bräuchte dringend einmal wieder etwas wegsameres Gelände! Irgendwann bekommt alles seinen Sinn – aber ich denke es ist zu verstehen, dass ich auf diese Attitüde meiner Psyche durchaus auch verzichten könnte.

9 Gedanken zu “Wieder einmal: Die Ängste

  1. Kennst Du die Idee von so genannten ‚Lieblingsgefühlen‘? Diese Idee besagt, dass wir zwar natürlich grundsätzlich alle Gefühle im Repertoire haben – also Traurigkeit, Angst, Wut, Freude, Verzweiflung, Hilflosigkeit, Liebe und und und. Aber wir können mit einigen besser umgehen, als mit anderern. Wenn man sich aber dann mal tief auf die Gefühle einlässt, die man ‚gut kann‘, dann kommen dahinter die, die man ’nicht so gut kann‘. Häufig können depressive Menschen Traurigkeit gut. Ist bekannt, ist sogar bewährt, weil ist auch eine Strategie. Aber die können dann Angst oder Wut nicht so gut. Dann kommt die Traurigkeit in Situationen, die eigentlich Angst machen oder wütend, und stellt sich davor, weil damit kann man ja umgehen – und so tun, als wären die anderen nicht da. Ist ne tolle Verdrängungsmethode! Ich brauchte übrigens einige Jahre, bis ich Traurigkeit überhaupt erkennen konnte! Bei mir war Wut mein Lieblingsgefühl. Aber hinter die Wut sind all die anderen eben auch. Unter hinter der Traurigkeit sind all die anderen auch. Und sie wollen alle gefühlt werden. Es hilft manchmal, so zu tun, als wären es Gäste, denen man noch gute Gastfreundschaft schuldet. Man begrüßt sie freundlich an der Tür, bietet ihnen was zu trinken und einen guten Platz hat, schenkt ihnen für eine gewisse Weile die volle Aufmerksamkeit und dann dürfen sie auch wieder gehen….

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    • Ich kenne es umgekehrt – mir war Wut gänzlich fremd und ich bin noch ganz. Anfang! Dafür kann ich meine Traurigkeit schon in verschiedene Kategorien teilen – depressiv-traurig, den Umständen geschuldet, wegen der Liebe traurig und und und.
      Finde ich sehr plausibel, was du da geschrieben hast. Liebe Angst, möchten Sie ein Glas Tee oder lieber einen Kaffee?
      😉

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  2. Huhu liebes Monsterherz,

    Ängst sind irgendwie ja nicht chic. Doch retten sie leben, denn ohne Angst würde wohl jeder einfach alles tun, vom Dach hüpfen und auch noch den Fön in die Wanne mit Wasser halten. Was sind schon Ängste die Welt gehört den Mutigen. Pah, die Welt gehört jenen, die überleben. Ich war lange sozial sehr ängstlich. Das kann man überwinden, man kann lernen weniger Angst zu haben. DOch in Discos werde ich wohl nie gehen, oder auf ein Festival. Mensch + Ich = Panik.
    Die Frage ist, musst du deine Versagensangst ablehen? Sie hassen? Sie ist einerseits ja auch realistisch. Vielleicht ist es einfacher sie an die Hand zunehmen und ihr ein Licht anzumachen. Kennst du das große Buch der Gefühle von dem Ehepaar Baer? Ich empfehle es sehr.
    Ja freut euch eurer Ängste, sie haben unser Überleben gesichert,
    Herzlichst Alice
    PS ich finde du machst das großartig 🙂

    Gefällt 1 Person

    • Danke meine Liebe!
      Das wollte ich mir schon Mal zulegen!!! Natürlich ist Angst auch wichtig – aber im Falle meiner Versagensangst komme ich nicht so Recht dahinter wofür sie steht.
      Irgendwann werde ich das besser akzeptieren können – und umso mehr Akzeptanz es gibt, umso leichter wird es!

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