Tony Sopranos Prozac…

Nicht jeder hier mag die Sopranos kennen. Eine in meinen Augen höchst sehenswerte Serie, die weit mehr als einen Einblick in mafiöse Strukturen vermittelt. Aber egal, darum geht es jetzt gar nicht.

Ich war circa 19 Jahre alt, als ich die Familie der Sopranos damals kennen lernte und mein erster Berührungspunkt mit Antidepressiva stattfand. Zu jener Zeit ging es mir gut, ich war unheimlich stabil und identifizierte mich nicht mal mit den Panikattacken, die Tony Soprano hatte. Die allerdings den Anlass für seine Einnahme des Medikamentes Prozac darstellten.

Besonders positiv wurde mein Bild über diese Medikamente dadurch nicht geprägt, war der gute Mann doch eher lethargisch, aggressiv und unglücklich. Noch dazu gibt es gerade über Prozac etliche Dokumentationen, die ein weniger gutes Licht darauf werfen. Ich wäre damals nie auf den Gedanken gekommen, dass die Figur Tony Soprano und ich einmal etwas gemeinsam haben sollten.

Tony Sopranos Prozac ist nämlich heute mein Fluoxetin.

Ihr könnt euch möglicherweise vorstellen, wie skeptisch ich war, als mein Psychiater mir im August letzten Jahres ausgerechnet dieses Medikament empfahl. Fluoxetin ist nichts anders, als Prozac/ beziehungsweise behinhaltet Prozac nichts anderes, als Fluoxetin.

Und damit wir uns hier richtig verstehen: Ich bin nicht im geringsten daran interessiert für irgendein Produkt hier Werbung zu machen, das tut die Pharmaindustrie wohl schon genug. Was das Fluoxetin bei mir ist, kann bei einem Anderen das Sertralin oder was auch immer sein. Absolut jeder Mensch hat unterschiedliche Gene und einen anderen Stoffwechsel – es gibt kein Medikament, das für alle passt, es gibt ein Medikament, das ich bisher am besten vertrage. Mehr nicht. 

Zwar hatte ich bereits mit 21 Jahren ein Medikament gegen Depressionen verschrieben bekommen, allerdings handelte es sich dabei aufgrund meiner eigenen Unwissenheit und der meiner damaligen Hausärztin um ein „Steinzeitmedikament“, welches heute kaum mehr verschrieben wird. Damals wusste ich es nicht besser – heute würde ich solche Nebenwirkungen nicht mehr in Kauf nehmen, denn mein ganzes Gefühlsspektrum war wie eingefroren und ich wie sediert.

Eine ganze Weile, so um die drei Jahre nahm ich überhaupt nichts, das fühlte sich durchaus gut an. Dann aber kam jene Zeit, in der es mir nicht mehr gut ging und sich die Depression ihren Weg zurück in mein Leben bahnte. Ich probierte alles mögliche und suchte mir hier letztlich doch einen Psychiater, weil ich merkte, dass ich einen besseren Gemütszustand nicht allein durch Therapie, Sport und Willenskraft wiederherstellen konnte. Eine grauenvolle Zeit – so stellte die erneute Einnahme von Medikamenten für mich eine gefühlte Katastrophe dar. Schaffte ich es denn nicht einmal ohne Tabletten?

Das Antidepressivum, welches ich ausprobierte, hatte an mir üble Nebenwirkungen, ich hatte grässliche Albträume, plötzlich auftretende suizidale Gedanken und setzte das Zeug schleunigst ab [da sieht man, wie unterschiedlich der Körper reagiert, denn das Medikament entstammt derselben Gruppe, wie das Fluoxetin]. Ich schwor dem Ganzen ab und wollte damit erstmal nichts mehr zu tun haben. Bloß keine Experimente mehr!!

Ein knappes Jahr später war ich um einiges stabiler, hatte etliche Kämpfe mit mir selbst ausgefochten und war dennoch maßlos unzufrieden. Zwar hatte ich eine gewisse Lebensqualität erreicht, doch dominierten Ängste und depressive Verstimmungen meinen Alltag. Und ich wollte nicht mehr, ich tat wirklich alles, was mir einfiel, um meinen Zustand zu verbessern, doch wollte es nicht so wirklich besser werden.

Ich wagte es erneut, ich suchte den Psychiater auf und diesmal verschrieb er mir besagtes Fluoxetin. Echt? Ausgerechnet jenes Antidepressivum von dem ich einen gänzlich schlechten Eindruck hatte? Dem man außerdem nachsagt, dass es hibbelig macht und Schlafstörungen verursachen kann? Und das bei meiner Riesenangst vor dem Verlust des Schlafens….

In Minischritten schlich ich das Fluoxetin ein – so bin ich mir doch meines sonderbaren Leberstoffwechsels bewusst und der häufig paradoxen Reaktion auf Medikamente. Und eine Weile lang ging auch alles gut – heimlich hatte ich ja auf die vielbesagte Gewichtsabnahme gehofft. Die blieb aus, aber deshalb nehme ich es nicht und eine Zunahme gab es immerhin auch kaum. Eine Weile ging das gut, allerdings blieb auch die Verbesserung meines Zustandes aus.

Und dann…ich glaube es dürfte bei dem Wechsel von 15 auf 20mg gewesen sein, da kamen die höllischen und beinahe unaushaltsamen Nebenwirkungen. Das glich einem dreiwöchigem Schnelldurchlauf einer schweren Depression mit größten Ängsten und Panikattacken. Kurzum – mir ging es miserabel und elendig und ich war jeden Tag kurz davor die Einnahme zu beenden.

Ich tat es aber nicht. Stattdessen hielt ich durch, was ich nicht zuletzt meinem Freund verdanke, der mich immer wieder motivierte. Ich nahm diese Qual auf mich, weil ich wusste, dass ich die tatsächliche Wirkung des Medikamentes erst dann spüren würde, wenn ich diese Phase überstanden hatte. Und ja, durchaus wägte ich ab, Tag für Tag und ich fragte mich nicht nur einmal, ob ich komplett bescheuert bin, mir sowas anzutun. Und ich war mir sicher, dass ich mein ganzes Vertrauen in die Einnahme von Antidepressiva verlieren würde, ginge es wieder schief. Für mich sind das beim besten Willen keine Tabletten, die ich einfach so nehme – für mich bedeutet das Überwindung und Abwägung, für mich war es ein langer Weg hierher.

Nach etwa drei Wochen ging es mir jeden Tag ein klein wenig besser, ich konnte wieder atmen, ich spürte so etwas wie Hoffnung und fühlte mich wie ein erschöpfter Löwe, der in der dürren Savanne um sein Leben gekämpft hatte.

Und heute? Seit ich das Fluoxetin nehme, bin ich stabiler geworden. Weit davon entfernt ein anderer Mensch zu sein, habe ich das Gefühl, dass sich nur einige Nuancen in meinem Empfinden verändert haben und so in etwa hatte ich mir das vorgestellt. Das Fluoxetin hat mein Leben nicht auf den Kopf gestellt, mich nicht zu einem rundum glücklichen Menschen gemacht, nein. Doch bietet es mir eine Grundlage, mit der ich weit besser arbeiten kann, als meinem wackeligen Zustand, den ich vorher in mir trug. Es gibt noch eine Riesenmenge zu tun – und das Erreichen einer langfristigen und dauerhaften Verbesserung kann mir kein Antidepressivum dieser Welt abnehmen, denn es lindert nur die Symptome.

Mittlerweile ist das für mich völlig in Ordnung. Ich weiß, dass ich krank bin und ich weiß auch, dass ich für den Ursprung dieser Erkrankung nichts kann, das chemische Ungleichgewicht meiner Botenstoffe habe ich wohl geerbt und die depressions-begünstigenden Umstände meines Aufwachsens konnte ich nicht beeinflussen. Ich habe mich ganz bewusst für die Einnahme eines Medikamentes entschieden, niemals würde ich das leichtfertig tun. 

Und irgendwann werde ich es nicht mehr brauchen. Ich weiß in welche Richtung ich gehen muss, um das zu schaffen, was mein Medikament im Moment noch für mich überbrückt. Und dennoch ist es gut zu wissen, dass es etwas gibt, worauf ich zurückgreifen kann, sollte es mir wieder schlechter gehen.

Für mich gibt es da kein Pro oder Kontra. Ich lese immer mal wieder Artikel in denen es darum geht, ob diese Medikamente nicht mehr als eine Geldanlage der Pharmaindustrie sind. Und ich bin mir auch im klaren darüber, dass die wahre Ursache von Depressionen bis heute nicht richtig erforscht ist. Jeder sollte selbst seinen eigenen Weg finden – und da ist man mit einer ganzheitlichen Versorgung sicherlich besser beraten, als eine einzige Methode zu wählen. Wie schon gesagt, ich hätte niemals gedacht, dass es ausgerechnet jenes Antidepressivum sein würde, das mir hilft. Auch wenn ich Tony Soprano eher zu einem anderen Präparat geraten hätte.

Informiert euch – in alle Richtungen. Und wenn ihr dazu gerade keine Kraft habt, dann gibt es hoffentlich Menschen, die das für euch tun können. Es gibt so viele Wege mit Depressionen und Ängsten umzugehen, die Medikamente sind nur ein Teil davon. Manchmal notwendig und oft vermutlich überflüssig. Allerdings glaube ich nicht, dass es unter meinen Lesern solche gibt, die leichtfertig irgendetwas schlucken und falls doch, vielleicht konnte ich ja ein wenig helfen.

7 Kommentare zu „Tony Sopranos Prozac…“

  1. Uh beim Lesen dachte ich mir gerade, gut, dass ich nicht wusste, dass Prozac Fluoxetin ist, als man mich letztes Jahr darauf umgestellt hatte, denn die Horrorstorys über Prozac hatte ich vor einigen Jahren immer wieder Mal aufgeschnappt 😂

    Ich finde, du begründest deine Erfahrungen und deine Meinung zum Thema Antidepressiva sehr nachvollziehbar und verantwortungsbewusst und finde es klasse, dass du positiv in die Zukunft schaust in Richtung medikamentenfrei.

    Die zeitweise Verschlechterung nach einer Dosiserhöhung kenne ich vom Fluoxetin auch. Ich dachte, ich bilde mir das nur ein oder stelle mich an, darum erleichtert es mich gerade irgendwie sehr, dass du fast die gleichen Probleme beschreibst, die ich nach der Erhöhung hatte.

    Liebe Grüße 😊

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  2. Tolle Worte, ehrlich! Bei „Störungen“ / Krankheiten aller Art kann es kein Schwarz-Weiß-Denken geben. Da bin ich total bei Dir. Jeder hat individuelle Bedürfnisse und ich freu mich für Dich, dass Du jetzt etwas für DICH gefunden hast, das Dich unterstützt! 🙂 Du beschreibst dieses Auf und Ab so detailliert – und Deine Art damit umzugehen ist beeindruckend. Du kannst stolz auf Dich sein, so „weit“ zu sein. Egal, was dir hilft, Dich besser zu fühlen – greif darauf zurück, sobald Du es brauchst. Alles Gute 🙂

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