Vorwinter und horizontale Erweiterung

Ich stehe unter Strom, ich spüre mich nicht so viel, irgendwas zwischen verloren und zu viel. Aber darüber habe ich im letzten Beitrag schon geschrieben und etwas daran ändern kann nur ich selbst. Und das ist nicht immer so leicht.

Mal abgesehen von meinen ganzen festgefahrenen Verhaltens- und Denkmustern spielen das Umfeld und die Umwelt auch eine große Rolle und da ist es im Moment nicht so leicht. Wenn ich euch sage, dass meine Arbeit die Dramatik einer Soap hat und locker mit Gute Zeiten Schlechte Zeiten mithalten könnte, dann ist das nicht mal übertrieben.  Leider – denn diese ganze Dramatik gibt mir rein gar nichts. Die Familie und der Krebs meiner Mutter sind auch nicht unbedingt pflegeleicht. Der Freund hat Semesterferien und findet sich in meinem Arbeitsstress nicht wieder. Und wenn ich mal ganz lapidar lamentieren darf – heute ist hier in München gefühlter Vorwinter und der zieht die Stimmung runter. Ach, ich hatte seit einem halben Jahr keinen Urlaub mehr und um euch ein Beispiel der Arbeitsdramatik darzubieten – für morgen hat der stellvertretende Chef ein Geheimtreffen über eine meiner Kolleginnen einberufen lassen, die uns dann etwas verkünden wird, dass unser Chef nicht erfahren darf oder soll, oder was auch immer. Unsere Küchenfrau hat eine andere Kollegin zum wiederholten Mal zum Weinen gebracht und tut hinter meinem Rücken kund, dass ich nie wieder als Erzieherin arbeiten können werde, wenn sie erstmal mit mir fertig ist. Schließlich habe ich einmal einen Teller in der falschen Größe verwendet. Wer sich jetzt berechtigterweise fragt, was ich dort noch mache – ich bin nicht sehr scharf auf einen Wechsel, weil Veränderung und warte auf den September, in dem sich angeblich personell einiges tun wird. Wenn dem nicht so ist, werde ich Mark Forsters Au Revoir vom gegenüberliegenden Dach singen. Meine Therapeutin hat mich übrigens schon mehrfach gefragt, ob ich wirklich in einer Kindertagesstätte, oder nicht doch in einer psychosomatischen Einrichtung arbeite.

So. Aber jetzt wirklich genug. Das Leben besteht im besten Fall ja aus mehr, als aus Depressionen, Ängsten und der Dramatik.

Über meine Arbeit bin ich nämlich zu einem Besuch in einer Flüchtlingsunterkunft in der Nähe gekommen. Dort lebt ein Mädchen, das ich betreue, welches sich so sehr wünschte, dass ich sehe, wie se lebt. Und als die dortige Sozialarbeiterin von meinem Besuch erfuhr, hat sie mich auch direkt eingeladen, damit wir in Zukunft vielleicht mehr zusammenarbeiten können. Ich habe dort geradewegs ein Drama ausgelöst. Der alleinerziehende Vater des Mädchens wird von den umliegenden Familien auf dem Gang nämlich strengstens überwacht – und dort leben vor allem Familien, die aus ländlichen Gegenden Afghanistans oder Syriens stammen. Meist können sie nicht lesen und tun sich verständlicherweise schwer mit unserer sehr aufgeschlossenen Kultur. Ich dachte mir ich leiste hier einfach ein bisschen Integrationsarbeit, unternehme ab und zu etwas mit dem Mädchen und das war es. Ha – das habe ich mir schön einfach vorgestellt. Allein dass ich einen Tee im Zimmer der Familie getrunken habe, hatte fünf lauschende Frauen vor der Tür zu Folge, die bereit waren alle etwaigen Schanden, die hätten passieren können, sofort der ganzen Unterkunft mitzuteilen. Eigentlich hatte die Sozialarbeiterin mich vorwarnen wollen, alles was sie mir noch zumurmeln konnte, bevor das Mädchen mich in das Zimmer zog war, dass ich mich doch bitte so züchtig wie nur irgend möglich verhalten solle.

Na klar – da denkt man erstmal gar nicht dran, dass es in anderen Kulturen keinen so ungezwungenen Kontakt zwischen unverheirateten Menschen gibt. Jedenfalls verstand ich um die Kompliziertheit meines sehr nett gemeinten Anliegens und warte nun einfach ab, ob dies angenommen wir, oder nicht. Ein wenig amüsiert haben mich die rückwärts purzelnden Frauen ja durchaus, als die Sozialarbeiterin und ich den Raum des Vaters wieder verlassen haben.

Ich bin jedenfalls froh, dass ich dort war – Integration bedeutet für mich auch, dass ich verstehe, wie dort gelebt wird und welche Arbeit die Sozialarbeiter leisten. Außerdem liebe ich Vernetzung.

Nach wenigen Minuten hatte mir die Sozialarbeiterin übrigens einen Job dort angeboten, falls es mir in meinem Hort zu blöd werden sollte – sie könnte sich mich dort gut vorstellen. Liebes Selbstwertgefühl, wenn du das liest, nimm es bitte auch zur Kenntnis 😉 du kannst dir nicht immer nur die negativen Dinge herauspicken.

Danke, dass ihr euch mein Genöle durchgelesen habt, ab und an scheint MENSCH das zu brauchen.

6 Kommentare zu „Vorwinter und horizontale Erweiterung“

  1. Ich finde den Umgang mit anderen Kulturen so bereichernd, weil wir so viel über die Dinge lernen, die wir in unserem täglichen Leben als selbstverständlich voraussetzen. Er hilft mir, mich wieder mit Staunen meiner eigenen Herkunft zuzuwenden und so einiges mehr wertzuschätzen. Mal abgesehen von so manchem erheiternden Erlebnis. 🙂 Vielen Dank, du hast gerade ein weiteres meiner Sammlung hinzugefügt.

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