Der Zeitpunkt

Ich bin 26 Jahre alt. Seit sieben Jahren lebe ich nicht mehr in meinem eigenen Elternhaus, das ist gut so und zuletzt ergab es sich, dass familiär betrachtet alles in Ordnung war. Sehr angenehm.

Nun hat mein Vater mir gestern verkündet, dass meine Eltern vorhaben sich scheiden zu lassen. Prinzipiell kein schlechter Zeitpunkt – schließlich bin ich groß und eigenständig und verkrafte das jetzt sicherlich ganz gut.

Wenn da nicht…

Vor ein paar Jahren haben mein Bruder und ich uns das regelrecht gewünscht, dass mein Vater sich trennt, sein Glück nochmal neu versucht, sich aus diesem Unglück flüchtet. Doch er tat es nicht. Er hielt und hielt aus und ist der Grund, weshalb mein Bruder und ich nach Jahren der Beschimpfung überhaupt noch Kontakt zu meiner Mutter haben. Wir haben es nie ganz verstanden und waren doch irgendwann froh, dass er uns das abnimmt – dieses Kümmern.

Meiner Mutter geht es nicht gut. Sie hat seit Jahren und zuletzt wieder vermehrt mit Krebs zu tun und ist ohne jeden Zweifel der realitätsfernste Mensch, den ich kenne. Für ein paar Monate war sie nach Jahren der Entfremdung wieder auf einem ganz guten Weg, wollte sogar eine Schmerztherapie beginnen.

Und dann -puff- löste sich das alles auf und sie begann dort, wo sie schon war.

„Kommst du dir eigentlich dumm vor, dass deine Frau immer mehr Geld hat, als du?“

„Ich dachte ich hätte einen Mann geheiratet, aber du bist schon eher ein Verlierer.“

„Mit einem psychisch kranken Mann möchte ich nicht verheiratet sein – an den kann ich mich nie anlehnen.“

Spätestens da will alles in mir sie schütteln und ihr sagen, dass er ihr so etwas nie gesagt hat. Nie hat er ihren Krebs, ihre Erkrankung in einem solchen Kontext verwendet. Nie hat er ihr gesagt, dass er sich nicht anlehnen kann. Nie hat er ihr vorgeworfen, dass sie so sehr mit sich selbst beschäftigt ist, dass unser aller Leben an ihr vorbeizieht. Aber gut, leider führt das zu ganz und garantiert nichts. Ein bisschen bin ich sogar froh, dass ich diesmal nicht ihre Zielscheibe bin.

Mein Bruder und ich können meinen Vater sehr gut verstehen. Und zu einem anderen Zeitpunkt haben wir uns das für ihn wirklich gewünscht.

Jetzt haben wir eine krebskranke Mutter, die trinkt und das Haus vermüllt, die fünf Katzen hat und nicht auf sich aufpasst – und wir können nichts tun, weil das alles aus ihr selbst kommen muss. Nur warten, da sein und auf uns selbst acht geben.

 

Liebes Umfeld – ich bin überglücklich, wenn die Zeit der Hiobsbotschaften eines Tages eine etwas angenehmere Frequenz haben wird.

12 Kommentare zu „Der Zeitpunkt“

  1. Wow. Das wusste ich nicht liebe Dame. Das ist hart, bitter und sehr traurig. Den Kampf und die Kämpfe, die du ausgefochten haben musst, kann ich mir kaum vorstellen. Das ist traurig und doch wunderbar, wie tapfer und reflektierst du damit umgehst. War deine Mutter früher für dich da?
    Entschuldige, wenn ich so blöd frage, doch ich versuche es zu begreifen, damit ich es verstehe und das Richtige sagen kann.
    Ich schicke dir Kraft
    Herzlichst Alice

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    1. Ja, war sie. Ich hatte eine sehr schöne Kindheit, wenngleich meine Mama ganz schön viel aus ihrem eigenen verkorksten Aufwachsen hineingetragen hat.
      Als ich 18 Jahre alt wurde bekam sie das erste Mal Krebs und wünschte sich, dass ich sie auffange. Das konnte ich nicht und da begann der Teufelskreis und die Enttäuschung. Die letzten sieben Jahre wurde ich zur Zielscheibe, habe aus Verzweiflung öfter mal den Kontakt abgebrochen. Im Dezember hatte sie erneut Krebs und wurde plötzlich ganz weich und lieb. Leider scheint sie jetzt wieder ganz weit weg von sich zu sein und findet keinen Weg ihren Zustand auszuhalten.
      Du darfst mich alles fragen 😛😊

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      1. Oh danke dir. Nun kann ich es besser greifen. Das heißt es war nicht immer so, auch wenn sie wohl schon immer kaputt im Inneren war. Und dann hat sie dir die Rolle der Mutter zuschieben wollen. Das kommt mir alles zu bekannt vor. Dass du für dich gesorgt hast, und dich entfernt hast, ist unglaublich mutig und stark. Es ist oft so schwer für sich den Weg zu gehen, der weniger Schmerzen bedeutet. Es klingt sehr kompliziert. Sie muss wohl erst am Boden liegen, damit sie die Verantwortung für sich übernimmt. Vielleicht wird die Scheidung sie aufwecken. Fühlst du noch etwas ihr gegenüber?

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        1. Hast es perfekt auf den Punkt getroffen.
          Ja, ich glaube das ist etwas ähnlich, wie bei dir – ich konnte nie ganz zumachen. Da war immer der Wunsch auch Kind sein zu dürfen und ich habe mich nie gut gefühlt, wenn ich mich in Richtung Kontaktsperre bewegt habe.
          Wahrscheinlich hatte ich auch stets sehr viel Verständnis und konnte mich in sie hineinversetzen. War für mich schwierig wirklich wütend auf sie zu sein – was wiederum einige meiner Knackser erklärt.
          Ich habe sie immer noch sehr lieb und ich denke ich habe ihr verziehen, was nicht heißt, dass die Wunden verschwunden sind. Ich hänge mich nur nicht mehr daran auf was war, sondern versuche die Dinge an mir zu ‚reparieren‘.

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  2. Was du jetzt tun kannst. Liebe schicken. Denke in Liebe an deine Mutter, damit sie ihren Frieden für sich findet. Das hat nichts mit „kümmern“ oder Anwesenheit zu tun. Wenn du Frieden in deinen Gedanken hast, wird es vor allem auch dir besser gehen.
    – Leider kann man nicht von außen etwas machen. Wenn sich jemand entschieden hat, hat solch trennende Gedanken zu glauben, andere zu verurteilen und „Schuld“ stets im Außen zu suchen, ist es an der Zeit, die Aufmerksamkeit zu entziehen. Denn Energie folgt der Aufmerksamkeit und diese sollte auf deinem Leben liegen. Bleib stark.

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