Ich.

Ich bin nicht besonders groß, aber das interessiert mich eigentlich nicht. Andere Leute, ich denke solche denen nichts besseres einfällt, erwähnen doch immer wieder, wie klein ich doch sei. 1,58m – übrigens. In der Regel hält man mich für jünger als meine 26 Jahre, neulich musste ich meinen Ausweis zeigen, als ich einen Lottoschein einlösen wollte. Früher hat mich das sehr geärgert, ihr wisst schon, wenn man gerade 18 geworden ist, will man nicht vier Jahre jünger geschätzt werden. Acht Jahre später interessiert mich das nicht mehr – Andere schon, oh siehst du jung aus blablabla hier, oh das hätte ich ja nie gedacht blablabla da. Schulterzucken. In meinem Ideal bin ich übrigens trotzdem größer, länger, mehr da und weniger niedlich, aber das müssen die ja nicht wissen.

In mir drin fühle ich mich seit zehn Jahren viel älter als ich bin und weniger leicht, als man es von einer jungen Frau Mitte 20 annehmen könnte. Zum Glück können die Leute das nicht sehen – wer weiß welche Kommentare dann kämen.

Ich trage ein riesiges Herz in meiner Brust und vertraue oft zu schnell. Ich glaube an das Gute im Menschen und stelle das immer wieder auf die Probe, indem ich leichtsinnig meine Tasche im Einkaufswagen liegen lasse, wenn ich kurz einen Gang weiter muss – mir ist bisher noch nichts passiert. Beinahe stoisch halte ich daran fest, dass unsere Spezies doch nicht so verdorben ist, wie man annehmen könnte, obwohl ich dann doch viel öfter als mir lieb ist feststelle, dass Hass, Gewalt und Macht diese Erde dominieren.

Das Beste an mir sind meine Haare, oben glatt und unten gelockt, ich komme Monate ohne eine Bürste aus, bevor sie an irgendeiner Stelle verfilzen.

Obwohl ich auf meinem rechten Ohr schon eine leichte Schwerhörigkeit, die durch die Narben diverser Mittelohrentzündungen entstanden ist, habe, bin ich unglaublich geräuschempfindlich. In meinem Spektrum existieren sogar Hassgeräusche.

Es gibt einige Personen die mich für einen sehr tapferen Menschen halten. Weil ich schon so viele Krankheiten und Beerdigungen miterlebt habe, meiner Depression die Stirn geboten und der Vergangenheit den Kampf angesagt habe. Irgendwo denke ich schon, dass der Weg den ich gehe der richtige ist, trotzdem halte ich mich für eine schwache Person. Höchstens stark im schwach sein, im Schwäche aushalten. Ohne jeden Zweifel bin ich mein größter Feind, mein tiefster Verächter, das niederschmetterndste Ich in mir. Oh wie gerne wäre ich schon an jenem Punkt, an dem ich es geschafft habe das hinter mir zu lassen. Aber Geduld. Geduld und Arbeit und Lernen und Fallen und dazwischen immer wieder nichts als Geduld.

Manchmal habe ich mich selbst so satt. Manchmal atme ich und spüre dabei den Hauch von Freiheit und Leichtigkeit, trage genau den Zustand auf meiner Haut, den ich als das absolute SEIN bezeichne.

Ich bin unglaublich albern und habe viele Scherze im Kopf.

Und habe solche Angst davor, dass die Depression wieder zurückkehren wird, wenngleich sie seit 7 Jahren nicht mehr dauerhaft an meiner Seite war. Tageweise, stundenlang, ausgehalten aber nicht nochmal dieses Loch. Ich frage mich, geht das jemals weg?

Gut bin ich in der Rolle derjenigen die Andere hält, während ich immer auf mich selbst baue, weil die Angst viel zu groß ist, dass ich fallen könnte. Ich meine, wer fängt mich schon auf? Keine Ahnung, ich hab es außerhalb der schweren Depression nie ausprobiert.

Umso älter ich werde, desto besser werde ich darin meine Mitmenschen so anzunehmen, wie sie sind und die Grenzen zu akzeptieren, in denen ich Unterstützung leisten kann und soll und wann ich mich besser zurückziehe. Ich fürchte in jüngeren Jahren war ich oft aufsässig.

Selbstfürsorge ist für mich das wichtigste Attribut der Welt. Ich habe die Schnauze voll von Menschen, die sich keine Hilfe holen und ihr Umfeld über Jahre belasten. Ich habe genug von mir, weil ich mich immer wieder in Situationen begebe, in denen sich solche Personen an mich lehnen. Ich denke jeder von uns kann nichts für das, was er erlebt hat – aber jeder einzelne hat in der Hand, wie er/sie die Zukunft gestalten will. Das ist verdammt nochmal nicht einfach aber notwendig, wenn ich nicht möchte, dass ich mich einmal ebenso an meine noch nicht geborenen Kinder oder meinen Partner anlehnen werde, wie meine Eltern es bei mir tun. Und es ist mein Prozess einen Weg zu finden nicht mehr so viel Fläche zum Anlehnen zu bieten.

In dem letzten Jahr habe ich wahnsinnig viel geschafft. Seit einem Jahr habe ich immer mehr Ängste, die beunruhigenderweise an die Ängste und Panik meiner Großmutter erinnern. Manchmal bin ich dann sehr frustriert, weil ich so hart an mir arbeite und die Psyche nie ruhig ist, obwohl ich weiß, dass es immer wichtig ist, was sie mir zu sagen hat.Ich weiß noch nicht genau was ich damit machen soll – ich habe manchmal Angst davor was aus mir werden soll, wenn das so weiter geht. Sitze ich irgendwann doch isoliert in meiner Wohnung? Mit nur noch Routine, ohne jede Spontanität? Bin ich dann in Freiheit gefangen?

Ich liebe meinen Beruf, bin eine geduldige, empathische und professionelle Erzieherin. Mit Kindern unter sechs Jahren kann ich allerdings nicht so viel anfangen. Dafür ist die Arbeit der einzige Bereich in meinem Leben, indem ich eine gute Distanz-Balance hinbekomme.

Irgendwo in mir drin sitzt eine Tonne an Wut, weil ich verlernt habe Wut zu spüren oder ihr Raum zu geben, doch ich komme nicht dran. Und ich habe große Befürchtungen, dass ich ein Monster sein könnte, wenn all das einmal ans Tageslicht käme. Mein ganzes Leben war ich eher umgänglich, ein Sonnenschein in Kindheitstagen – wer könnte mich noch lieben wenn ich plötzlich unangepasst und wütend wäre?

Ich meditiere viel zu selten, obwohl es mir so sehr hilft. Soviel zum Thema Selbstfürsorge.

Einen Beitrag will ich direkt dann veröffentlichen, wenn ich ihn geschrieben habe – die Uhrzeit ist mir egal. Aber irgendwie auch nicht, weil ich mich freue und ein wenig Stolz spüre, wenn er vielen von euch gefällt, wenn er oft gelesen wird und da ist natürlich auch die Uhrzeit entscheidend.

Und jetzt würde ich sagen: Sowas von genug von mir.

12 Kommentare zu „Ich.“

  1. Hallo. Also wegen der Uhrzeit eines Posts brauchst du dir keine Gedanken machen. Ich denke, viele Interessierte Blogger, haben genauso wie ich, dich abonniert & verpassen somit keinen Beitrag von dir. Ich bekomme sogar eine Nachricht per E-Mail, wenn du einen neuen Beitrag veröffentlichst & auch wenn ich leider nicht immer Zeit habe zu kommentieren, lese ich sehr wohl jeden Beitrag von dir. Du schreibst sehr gut & sprichst mich an & ich denke in sehr vielen Punkten gleich wie du. Manchmal sprichst du mir richtig aus der Seele. Ich bin jetzt 28 Jahre alt & schlage mich seit meiner Teenie Zeit – die mir sehr lange her vorkommt – ebenfalls mit Depression, Schicksalsschlägen & Angststörungen durch. Es hat lange gedauert bis ich erkannt habe dass ich mehr auf mich selbst & meine Seele hören muss – was sie mir zu sagen hat…. Wichtig ist es auch zu lernen auf seinen eigenen Instinkt zu hören! Das habe ich zumindest für mich selbst erkannt. Deine Beiträge inspirieren mich sehr. Ich wünsche dir noch einen schönen Tag! Liebe Grüße, Carina

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  2. Leute, die über die Größe lästern oder Witze machen, sind bescheuert. Ich bin auch nicht besonders groß und finde das schön!
    Und das mit der falschen Alterseinschätzung kenne ich nur zu gut, aber ich glaube nicht, dass es an der Größe liegt, sondern am Gesicht. Ich hatte immer ein „Babyface“.
    Früher hat mich das auch immer sehr geärgert, aber je älter ich werde und Leute mich jünger schätzen, umso mehr schmeichelt es mir.

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      1. Echt, also bei mir ist dann eigentlich nach der Aufklärung Ruhe. 😀
        Mich belustigen die schockierten Gesichter, wenn ich ihnen mein Alter verrate.
        Die nervigste Situation hatte ich mal wegen meines Profilfotos in einem Chat. Der Chatpartner wollte mir partout mein Alter nicht glauben und drückte sich auf eine vorwurfsvolle Art aus, als wäre ich die größte Betrügerin. DAS war wirklich nicht mehr lustig.

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        1. ‚Was, das hätte ich ja nie gedacht/Nein, das kann doch nicht sein/Entschuldigung/mein Enkelkind ist so alt wie Sie…‘
          Am besten klappt dann: ‚Ach wissen Sie, solange ich weiß wie alt ich bin…‘

          Eigentlich können wir ja froh sein, dass es nicht umgekehrt ist 😁
          Klingt nach einem Chatpartner, der schon mal schlechte Erfahrungen gemacht hat 😉

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        2. Ja, die Sprüche kenn ich.
          Die lustigste Diskussionen hatte ich an der Tankstelle. Als ich dann sagte, ich sei doch soeben mit dem Auto vorgefahren, also müsste ich wohl volljährig sein, meinte der Kassierer, es gäbe ja auch Fahren ab 17. Mein Argument, dass dies nur mit Begleitperson ginge, wurde abgewehrt mit der Aussage „Darüber kann man sich ja auch hinwegsetzen“. Mann oh Mann…der hat ja geglotzt, als er meinen Perso sah…
          Ja, ich bin auch froh, dass es nicht umgekehrt ist. Je älter ich werde, desto besser.
          Naja, wenn wir unsere schlechten Erfahrungen immer an anderen auslassen würden und ihnen was unterstellen würden, kämen wir ja alle nicht mehr miteinander aus. 😉
          Aber ich habe die Unterhaltung dann auch beendet. Habe ich gar nicht eingesehen, ihm irgendwas zu beweisen. Wie du sagst: Soalnge ich weiß, wie alt ich bin… 😀

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  3. Ich finde mich an vielen Stellen deines Textes wieder… angefangen bei Größe und Alter, ( welches auch locker mal um zehn Jahre falsch geschätzt wird) habe ich es auch verlernt wütend zu sein bzw kann ich dies nicht zeigen. Bei mir lehnt sich so ziemlich jeder an und oft achte ich zu wenig auf mich. Ich bin gerade erst dabei zu lernen wie wichtig Selbstfürsorge ist und dein Beitrag bestärkt mich noch mal darin 🙂
    Ich habe deinen Blog übrigens auch abonniert und lese mehr als man mitbekommt, also mach dir keine Gedanken 🙂

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  4. Ach elefantenblau, irgendwie sind wir uns echt ähnlich. Ich finde es mittlerweile aber nett, die Reaktionen zu sehen, wenn ich meine 42 Jahre oute (über die ich mich selbst am Allermeisten wundere). 😀
    Ich lese übrigens auch alle Beiträge von Dir, egal wann sie kommen. Und ich schicke auch alles sofort ab, wenn ich es geschrieben habe.
    Liebste Grüße, plejade

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