Man kann nicht nur traurige Lieder singen.

Und so gibt es heute Mal was ganz anderes, wenngleich es sich dabei eher um ein sachliches, statt heiteres Thema handelt.

In Deutschland stehen ziemlich bald Wahlen an und im Rahmen dessen habe ich mich etwas intensiver mit dem Bedingungslosen Grundeinkommen befasst. Tatsächlich interessiert mich das schon länger, angefangen bei den Finanzierungsmöglichkeiten bis hin zu den möglichen Auswirkungen, die das nach sich ziehen könnte. Sogar eine Dokumentation habe ich mir angeguckt, obwohl der Kommentator eine derart einschläfernde und schnöde Stimme hatte. Und ich habe mich mit ein paar Herren des Bündnis Grundeinkommen an einem Stand unterhalten – trotzdem weiß ich natürlich nur in begrenzter Art und Weise darüber Bescheid.

Ziemlich viel davon ist viel zu komplex um das hier darzustellen und ganz sicher bekäme ich es nicht mal halbwegs verständlich hin. Tatsache ist, dass es eine Menge Menschen aus der Wirtschaft gibt, die in diesem Modell unsere Zukunft sehen und das fand und finde ich sehr interessant. Es gibt dabei Grundprinzipien, die es zu beachten gibt, so sollte das Grundeinkommen tatsächlich ausreichen, Leistungen für Menschen in prekären Situationen müssen dennoch gewährleistet sein und es darf nicht an Bedingungen geknüpft sein. Salopp gesagt.

Es gibt viele noch ungeklärte Fragen zur Umsetzung, etwa wenn es um den Aspekt der Zuwanderung geht – ein Land in dem es bedingungsloses Grundeinkommen gäbe, wäre ohne jeden Zweifel ein beliebtes Ziel. Klar ist dagegen, dass es die Schere zwischen arm und reich verringern würde. Einfaches Beispiel, Herr Müller, Single und Herr Schneider arbeiten in derselben Firma und verdienen beide 5000 Euro im Monat. Herr Schneider hat eine Familie mit zwei Kindern und eine Frau, die zu Hause ist, um sich um die Kinder zu kümmern – Herr Schneider ist somit Alleinverdiener, ihm bleibt nicht so viel von den 5000 Euro, wie dem Kollegen. Mit dem bedingungslosen Grundeinkommen, sagen wir 1000 Euro, wäre Herr Schneider nun in einer ganz anderen Lage. Damit hätte die Familie 1000 Euro von Frau Schneider, 1500 Euro von Herr Schneider und jeweils 500 Euro Grundeinkommen für beide Kinder. Also 3000 Euro Grundsicherung und nun könnte Herr Schneider sogar noch etwas Arbeitszeit reduzieren. Sein Kollege Herr Müller dagegen kommt nur auf 1000 Euro Grundsicherung, hat aber natürlich auch nicht so viele Ausgaben. Bitte stützt euch hier nicht auf die Zahlen – mir ging es eher um die Rechnung und darum darzustellen, wie eine gerechtere Umverteilung stattfinden könnte.

Mein Freund ist eher so der kapitalistische Wirtschaftstyp, ich bin eher so die soziale Tante – das sorgt immer wieder für Reibereien, ergänzt sich aber auch ganz gut, gerade auch bei diesem Thema. Wenn ich mit großen, leuchtenden Augen den psychologischen Effekt aufzähle, der durch das Grundeinkommen entstünde, holt er mich mit auf Zahlen gestützten Bedenken wieder ein bisschen auf den Boden.

Viele Probleme wären gelöst. Viel mehr Menschen könnten und müssten nicht mehr Teilzeit-Arbeiten, es bräuchte nicht mehr so viele Kita-Plätze, weil Eltern mehr Betreuung übernehmen könnten, es gäbe viel mehr Ehrenamt, weil Menschen keine drei Jobs gleichzeitig machen müssten und ich will gar nicht davon anfangen,wie viele Menschen mit ausgereiften Ideen in ihrer unliebsamen Arbeit sitzen.

Absolut keine Frage – das Thema ist noch ganz schön unausgereift, nichtsdestotrotz ist das ein sehr spannendes und nicht abwegiges Thema für mich und tatsächlich überlege ich meine zweite Stimme bei der Wahl dem Bündnis Grundeinkommen zu geben.

Vielleicht hat sich der ein oder andere ja auch schon mal damit befasst und möchte mich bereichern – oder mir die Leviten lesen, ich freue mich über Kommentare und auch sehr, wenn einige nun Interesse geschöpft haben.

7 Kommentare zu „Man kann nicht nur traurige Lieder singen.“

  1. Hihi, bei uns ist es genau umgekehrt – mein Mann findet die Idee des Grundeinkommens super, ich bin äußerst skeptisch – eben weil es viele Menschen einladen könnte (und ich schreibe das bewusst im Konjunktiv!), sich in die Hängematte zu legen. Ich nehme mich da selbst nicht aus – ich würde gegebenfalls nur 15 oder 20 Stunden arbeiten, statt mir den Stress zwischen Family und Kindern-Job anzutun, wenn ich genügend Geld zur Verfügung hätte. Ich halte es aber für nach wie vor unfinanzierbar und fände z.B. ein höheres Kindergeld sinnvoller, um es gezielt denen zukommen zu lassen, die Nachwuchs großziehen.

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  2. Ich vermute, Du weißt, dass ich mich mit dem Thema auch schon länger beschäftige und sehr dafür bin. Es gibt mittlerweile sehr viele Modelle, wie sowas geschehen kann. Und ja, es ist hoch komplex und sollte es eingeführt werden, wird das, wie bei allen Neuerungen nicht ohne Probleme ablaufen oder ohne, dass nachgebessert werden müsste.

    Unabhängig davon glaube ich, dass es die logische Konsequenz einer Entwicklung ist, die wir als Gesellschaft gerade vollziehen. Das alte Arbeitssystem ist im Sterben begriffen. Vergessen wir mal die wirtschaftlichen Prozesse, die derzeit gerade ablaufen und vielen den Schweiß auf die Stirn treiben. Das ist für mich nur eine Begleiterscheinung. Der Punkt ist, dieses alte System von Arbeit, das in diesem Land seit den 50ern gelebt wird, basiert auf einem Faktor: dem Menschen, der das System trägt. Und das geschieht nicht mehr. Die Zeiten haben sich geändert, die Vorzeichen sind andere. Unsere Werte haben sich verändert und genau das sehen wir gerade überall: Menschen vollziehen etwas namens ‚Downshifting‘ – zum Beispiel der Törtchenbäcker Lautz in Berlin. Ehemaliger Sternekoch, in dessen Wertekanon das ewige Kämpfen um den Erhalt dieses Status zu viel wurde, der stattdessen eine kleine Konditorei aufgemacht hat, in der er nur Törtchen herstellt für den Wochenmarkt und auf Bestellung. Nur eines von wirklich zahllosen Beispielen. Der Wert hat sich geändert, Geld, Wohlstand, Status sind nicht mehr unsere Werte. Unsere Werte sind Gesundheit, Freiheit, Selbstbestimmung. ‚Unsere‘ ist dabei eine weiter Begriff, aber das ist am Wandel im Bereich Arbeit und auch in den Lebensentwürfen abzulesen. Und genau darum liegt das alte System im Sterben; es wird nicht mehr getragen. Wir haben eine andere Definition von Leben und ’schuften bis zum Umfallen‘, ein Wert, den ich beispielsweise heute noch gerne von meiner Mutter vorgebetet bekomme, gehört da nicht mehr zu.
    Also stehen im Bereich Arbeit richtig große Veränderungen an, sie schon längst ablesbar sind. Also muss sich etwas tun und das Grundeinkommen kann eine Antwort darauf sein. Vielleicht gibt es auch andere Ansätze, die das ersetzen oder ergänzen, aber mir persönlich ist wichtig, dass dieses Debatte jetzt mal wirklich in der Politik ankommt. Dass die veränderten Lebensrealitäten dort wahrgenommen und vertreten werden. Und darauf bin ich sehr gespannt.

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  3. Das ist schon ein interessantes Thema. Der Haken liegt m. E. darin begründet, dass sehr viele Menschen überhaupt nicht mehr arbeiten gehen würden, denn – gerade wenn man z. B. ein Paar betrachtet, das Geld ja gut ausreichen würde, um zu leben (wenn ich von 1.000 Euro pro Nase ausgehe). Das würde wiederum für viele Unternehmen zu einem Problem, weil die Produktion von Waren wahrscheinlich stagnieren bzw. sogar zurückgehen würde. Das wiederum schwächt unsere Wirtschaft und damit wäre auch die Finanzierung des bedingungslosen Grundeinkommens schwierig macht. Der Grundgedanke ist gut, die Umsetzung fraglich und ich habe bei solchen Wahlversprechen immer das Gefühl, dass es nur um Stimmenfang geht – vor allem bei jenen, die sich keine Gedanken über die Finanzierung machen, wovon ich Dich ausdrücklich ausnehme. Spannende und wichtige Diskussion.

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  4. Ich habe deinen Artikel mit großem Interesse gelesen und unlängst ein Buch über das Bedingungslose Grundeinkommen gelesen, weil ich mich mit dem Thema beschäftigen wollte. Bin aber noch lange keine Expertin auf dem Gebiet… ;=)
    Ich glaube nicht, dass nur noch die Wenigsten arbeiten würden, wenn es das Bedingungslose Grundeinkommen gäbe, weil ich ein – ich nenn’s mal – positives Menschenbild habe.
    Ich glaube, dass es heutzutage viel zu viele Menschen gibt, die ihren Job, oder gleich mehrere, machen müssen, weil sie das Geld brauchen. Und für Leute wie mich, die krankheitsbedingt mal eine Zeit lang vom Arbeitsmarkt „wegfallen“, wäre es gewiss eine Erleichterung.

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  5. Die Diskussion zu Grundeinkommen / Existenzgeld verfolge ich mehr oder weniger seit 20 Jahren. Auch wenn ich jetzt nicht mit Zahlen und Thesen aufwarten kann. Ich kann der Idee etwas abgewinnen, obwohl ich nicht wirklich an „das Gute im Menschen“ glaube.
    These 1: die Befürworter argumentieren schlüssig, dass die meisten Menschen doch arbeiten gehen würden und oder sozial/kreativ tätig sein. Jobs wie Klos Putzen oder Supermarktkasse würden entsprechend bezahlt werden, damit sie jemand macht.
    2. es gibt Rechenmodelle, nach denen es gut finanzierbar ist, habe den Link jetzt nicht parat. Viel Geld würde schon allein gespart, weil dieses bürokratische Monster zur Beantragung der verschiedenen Leistungen der verschiedenen Leistungsstellen nicht mehr nötig wäre. Die Sozialgerichte hätten kaum mehr klagen. Viele Menschen, die eine staatliche Betreuung oder psychologische Betreuung durch die Krankenkassen brauchen, kämen alleine klar – denn die meiste Unterstützung brauchen sie, um mit Formularen, Anträgen und Verwaltungsangestellten klar zu kommen.
    3. meine ganz persönliche These, die mich schon länger umtreibt und die den Bogen zu psychischer Krankheit schlägt: auch Existenzangst macht krank, psychisch Kranke können bei dem ganzen Horror der Anträge für dies und jenes gar nicht gesund werden, da alle freie Energie für den Kampf mit den Behörden aufgebraucht wird. Und so weiter. Was die Krankenkassen da an Geld sparen würden, kann ich mir gar nicht ausmalen.
    Soviel vorerst von mir, auch wenn es noch tausend andere Aspekte gäbe.

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  6. Bin vollends dafür. Und Hängematte geht meines Erachtens bei den Mietpreisen hier in Berlin auch nicht, sofern man keine Ansprüche auf Grundsicherung, Wohngeld etc. hat.
    Das sind bei 700€ miete schon ein Großteil des Grundeinkommens weg aber man kann das sog. Downshifting beginnen. Guter Beitrag ✌

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