Altaltlasten

Vorgestern Abend eine Whatsapp-Nachricht meiner Mama.

Ich verstehe die Welt nicht mehr. Über meine Kinder wird schlecht gesprochen, getratscht, verdreht, das bringt mich zum weinen.

Von wem?

Meiner Mutter, meiner Schwester, den Cousinen.

Ich werde wütend, fühle mich in der Zeit zurückgeworfen, kann das auch nicht verstehen. Erinnere mich daran, als ich gerade sechs Jahre alt war und meine Mutter jeden Freitag mit verweinten Augen aus dem Familienbetrieb nach Hause kam, in dem sie arbeitete und bis heute arbeitet. Besorgt guckte ich mir das eine Weile an, bis ich in unausgereifter Sprache einen Brief an meine Oma formulierte, in dem ich sie fragte, weshalb sie meine Mama immer so traurig macht. Und das wir doch gute Menschen seien, was wir ihr denn getan hätten und warum sie meinen Papa für einen Versager hält. Der Brief wurde entdeckt bevor ich ihn an die richtige Adresse zustellen konnte, zumal ich mich heute ohnehin frage wie ich das hätte machen wollen – Briefe abschicken konnte ich da glaube ich noch nicht.

Ich spürte, dass da eine Menge war zwischen meiner Mama und ihrer Mama. So viel Trotz, so viel Stolz und Eitelkeit und dazwischen tiefe Verletzlichkeit. Viele Jahre hatte ich vor meiner Oma Angst, auch heute bin ich noch völlig verkrampft wenn ich ihr begegne, kommt sie mir doch immer so hart und harsch vor, hat sie mich doch zeitlebens so viel kritisiert, ohne mich zu kennen.

Als ich älter wurde, begriff ich, dass meine Mutter dort arbeitete, weil sie dieses Band, das dadurch entstand brauchte, weil sie den Kontakt zu ihrer Mama nicht anders gewährleisten konnte.

Doch irgendwann, als meine Mutter dann vor fast zehn Jahren an Brustkrebs erkrankte, drehte sich der Wind. Die beiden fanden näher zueinander, die Beziehung zwischen meiner Mutter und mir zerbrach und von nun an wurde schlecht über meinen Bruder und mich geredet. Ich war so schwarz, schwärzer hätte ich nicht sein können, ich kämpfte mit Depressionen, ich war am Boden, eine gnadenlose Versagerin. Ein gefundenes Fressen um den Anlass für ein neues Band zwischen meiner Mutter und der ihren zu knüpfen – wie sehr wir Kinder dieser Familie doch zusetzten.

Mit meiner Oma telefonierte ich zu diesem Zeitpunkt höchstens noch zwei Mal im Jahr, für jeweils circa 20 Sekunden, von überflüssigem Geplänkel hält man nichts. 100 Euro zum Geburtstag, zu Weihnachten, schon immer ihr liebstes Kommunikationsmittel gewesen.

In den letzten Jahren dann ging ich der Sache ein wenig auf den Grund, weil ich einen gewissen Schmerz spürte, ein Gefühl von Unzulänglichkeit, wenn es um meine Oma ging. Ich fragte mich oft was ich falsch gemacht hatte, dass sie mich heute so wenig leiden kann. Und auch heute ist das ganz und gar kein unbeflecktes Thema für mich. Also gab ich mir etwas Mühe, ich schrieb ihr ab und zu Postkarten, weil ich so den harschen Ton am Telefon nicht hören musste und ihr trotzdem signalisierte, dass sie mir etwas bedeutete. Es dauerte allerdings nur ein paar Monate, als die Bitte folgte das Postkartenschreiben bitte einzustellen, da es ihr auf die Nerven ginge. Und so schaute ich im nächsten Schritt jedes Mal bei ihr vorbei, wenn ich meine Heimat besuchte. Ich stellte fest, dass sie mir nicht für ein paar Sekunden in die Augen gucken kann, als ich einmal versuchte sie zu umarmen, wich sie zurück. Als wäre ich verseucht. Aber gut, so ist sie eben. Und in mir, da blieb immer diese komische Lücke.

Seit einiger Zeit haben meine Mutter und ich wieder mehr zueinander gefunden, sie erzählt keine gemeinen Geschichten mehr über mich, glaube ich. Umso mehr trifft es mich, dass so über meinen Bruder und mich hergezogen wird, wo wir diejenigen sind, die sich um Kontakt bemühen. Ich hoffe ich werde meinen Frieden damit machen können.

In diesem Kontext wurde mir jedoch etwas sehr wichtiges klar – meine Mutter ist total zerrissen zwischen selbst Tochter und andererseits Mutter sein. Meine Mama spürt dieses klaffende Loch noch viel mehr als ich, dieses Gefühl niemals genug zu sein, nicht reichen zu können, in diesem Leben nicht mehr die perfekte Tochter werden zu können. Und so hängt sie einerseits noch mit verweinten Augen am Rockzipfel ihrer Mutter, die ihr nicht geben kann, was sie braucht und auf der anderen Seite bin da ich, ihre Tochter, die auch noch irgendwas will. Die niemals die Tochter und Enkeltochter sein können wird, die in dieser Familie erwartet wird. Ich trage da etwas mit, das gar nicht mir gehört – und ich hoffe ich kann es ablegen, in diesem Leben.

Deine Mutter ist kaputt
Aber du bist es nicht
Du trägst dieselben Verbände
Schicht über Schicht
Aber irgendwo darunter
Bist du längst schon verheilt
Du hast viel zu lang
Ihre Wunden geteilt

Zum 100. Mal passt Kaputt von Wir sind Helden überragend gut.

Und Mama, ich hab dich schrecklich lieb. Und ich hoffe ich werde dir eines Tages reichen, auch wenn ich dich nie ganz machen können werde.

Danke dir für dein Ohr. Verzeih mir bitte, was ich falsch gemacht habe, wenn du kannst.

Ach Mama, ich hab dir doch schon längst verziehen!

10 Gedanken zu “Altaltlasten

  1. Hmmm, also auf gefällt mir klicken finde ich bei diesen Zeilen für mich nicht angebracht, vor allem weil ich es verstehen kann wenn man sich in der Familie untereinander nicht versteht. Geht mir ähnlich……
    Ich habe aber leider auch keine Lösung für dieses Problem – Leider
    Aber ich glaube du machst es richtig.

    Gefällt 1 Person

  2. Puuuuuuuuh,…. das muss ich erst mal atmen und schlucken. So eine tiefe Wunde… Ich mein, wir alle tragen genau diese Wunden irgendwie in uns und ich vermute, dass wir uns aktuell an einem Zeitpunkt befinden, wo diese Wunden so tief und schmerzhaft sind, dass wir sie heilen müssen. Nicht wie die Generationen vor uns, die so mal mehr mal weniger leise leidend einfach getragen haben. Von daher finde ich es unglaublich schön und mutig, dass Du das hier zum Ausdruck bringst. Und so wichtig, denn es geht so vielen so…
    Abgesehen davon finde ich viel von meiner eigenen Geschichte darin wieder und kann da sehr viel nachfühlen. Das Einzige, das wir tun können, wenn wir von solchen oder ähnlichen Familiengeschichten betroffen sind, ist zu uns zu finden, zu heilen und unseren Weg zu gehen. Kennst Du die Geschichte vom Staffelstab von Ingrid Lipowski? Falls nein, ich glaube, die findet man nicht online, aber die Autorin. Die Geschichte passt extrem gut zu dieser Form von Familiengeschichten. Wichtig ist eins: was wir heute in uns heilen, heilen wir für uns, aber gleichermaßen auch für die, die nach uns kommen UND die, die vor uns da waren…

    Gefällt 1 Person

  3. Es macht traurig das zu lesen.
    Aber es ist gut, dass Du immerhin verstanden hast, dass nicht Du das Problem bist, die „Falsche“.
    Ehrlich gesagt bin ich weniger wütend, sondern vielmehr tieftraurig für die Frau, die weder Liebe zeigen noch geben und schon gar nicht Nähe und Zuneigung zulassen kann. Ich empfinde tiefen Schmerz davon zu lesen, für sie, für Deine Mutter, für Dich.
    Dir wünsche ich vor allem, dass Du einen Weg findest, Dich weiter und besser davon abzugrenzen und Deinen eigenen Weg zu gehen.

    Gefällt 2 Personen

  4. Liebe elefantenblau, Dein Text hat mich sehr berührt. Auch in meiner Familie gibt es ja ein großes Tochter – Mutter – Oma Problem, ich bin sehr bemüht, es nicht auch noch an meine Tochter weiter zu reichen. Neulich habe ich eine Doku gesehen, die ich sehr, sehr interessant fand in dem Zusammenhang. Leider ist sie nicht mehr online: https://www.arte.tv/de/videos/071389-000-A/vererbte-narben-generationsuebergreifende-traumafolgen/ – aber sicher gibt es zu dem Thema auch noch andere Quellen.
    Fühl Dich umarmt, plejade

    Gefällt 1 Person

  5. Du Liebe, solche Zerwürfnisse sind eine schlimme Sache, besonders, wenn man nichts dafür kann, weil die anderen sie entstehen haben lassen. Gibt’s in meiner Familie auch – wir haben jedoch, nachdem vor einigen Jahren ganz eindeutig eine Grenze überschritten wurde, Tabula Rasa gemacht. Seitdem habe ich keinen Kontakt mehr zu meiner Oma oder meiner Tante. Und das Erstaunliche ist: Ich vermisse die beiden nicht einmal.
    Ist aber ein anderes Thema…
    Ich wünsche dir, dass du an dieser Sache weiter wächst und Stärke gewinnst, denn das wirst du ganz bestimmt.
    Nicht du hast etwas falsch gemacht – die anderen haben es dir eingeredet!

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s