Altaltlasten II

Vielleicht ist mein Herz zu groß um diese Dinge nachvollziehen zu können, vielleicht ist mir nichts derartiges widerfahren, das so etwas nachvollziehbar machen könnte.

Liebe Oma,

ich denke das ist das letzte Mal, dass ich an dich schreiben werde. Aber keine Sorge, es ist nur hier und wird dich nie erreichen. Ich habe davon gehört, dass du eine Menge durchgemacht hast, der Krieg dich verändert und du einst von einem Soldaten missbraucht wurdest. Man sagte mir, dass du dich danach sehr verändert hast, selbstverständlich! Dann  bekamst du drei Töchter, dein Mann hatte einen Unfall und ist seither geistig schwerbehindert, deine älteste Tochter wurde dann drogenabhängig, sie prostituierte sich und brach mit dir. Oder du mit ihr? Ich weiß, dass du ihr jederzeit hast Geld zukommen lassen und auch ihre Gefängnis-Kaution gezahlt hast – nur Kontakt zu ihr aufgenommen hast du nie.

Ich weiß auch, dass du seit jeher Haushälterinnen aus Afrika beschäftigst und Flüchtlinge in deinen Wohnungen beherbergst. Diese Menschen haben für dich jedoch keine Namen, sondern heißen ‚der Rumäne‘ und werden grundsätzlich nur angeblafft. Mein Bruder und ich haben von dir immer Schmuck, Geld und sogar selbstgestrickte Pullover bekommen, danke dafür. Irgendetwas in dir scheint zwiegespalten!?

Nie war ich böse auf dich, der Fehler lag ja offensichtlich an mir. Ich konnte mich nie richtig am Telefon melden, wenn du angerufen hast, ich hatte Angst vor dir und deinen Schäferhunden. Aber da gibt es diese andere Seite an dir, die mit finanziellen Mitteln einspringt, wenn jemand den du magst Probleme hat. Männer hast du lieber als Frauen. Liebeskummer ist für dich kein Grund um Trost zu erhalten. Du kannst gut kochen, Plätzchen backen und Marmelade einkochen. Ein bisschen habe ich davon geträumt, dass ich das mal von dir lerne. Ich bin eine verdammte Träumerin.

Liebe Oma, ich habe so sehr gehofft einen Zugang zu dir finden zu können, endlich genug oder zumindest mögenswert zu sein, ein bisschen nur. Aber ich schaffe das nicht.

Heute habe ich erfahren, dass du über mich sagst, dass ich mich zum Idioten, zum Depp mache, wenn ich mich bei dir melde oder dir Postkarten schicke. Und meine Tante, die du von all deinen Töchtern noch am liebsten magst, riet mir dazu es ein für alle mal sein zu lassen. Du empfindest mein Bedürfnis nach Kontakt als Schwäche und hältst mich für verachtenswert. Okay.

Ich habe endgültig verstanden und weiß jetzt umso besser weshalb meine Mutter so wurde, wie sie heute ist.

Am liebsten würde ich dir einen letzten Brief schreiben, aber das wäre nur die Krönung meines Versuchs, den du lächerlich nennst.

Mach es gut, Oma. 

6 Gedanken zu “Altaltlasten II

  1. Hey Du. ich kann voll und ganz nachempfinden was du da schreibst. Auch in meiner Familie gibt es „Altlasten“. Ich denke, die Generation, die den Krieg oder die Zeit danach erlebt hat, ist tief in ihrem Inneren verwundet und kann einfach nicht anders. Deshalb ist es wichtig, Du selbst zu sein. Ich wünsche dir ganz viel Kraft dich davon abzugrenzen. Ich selbst sage mir bei einem Teil meiner Familie, ich bin nur zufällig hier hineingeboren. Ich muss da niemanden lieben, wenn ja ist es gut, wenn es nicht passt, dann ist es einfach so. ich umarme dich unbekannterweise.

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  2. Krass! Meine lieben Tanten (vermutlich ähnlich alt wie Deine Oma) springen im Sechseck, wenn ich es mal schaffe, ihnen zu schreiben, sie anzurufen oder gar vorbeizuschauen!!!! Aber ja, es gibt eine Menge Menschen, die sich durch Verletzungen in Richungen verändern, die nur noch mehr Verletzungen hervorrufen. Hm, Hm. Buchtipp: Altes Land. Schön zu lesen. Vielleicht auch für Dich.

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  3. Zu Tränen gerührt. Den Brief hast du ein bisschen auch für mich geschrieben. Meine Oma ist inzwischen nicht mehr da, aber mit dem dazu passenden Opa habe ich sein Elternhaus besucht. Manchmal hatte ich das Gefühl, mir hat das mehr bedeutet als ihm, aber das ist mir egal und ein klein bisschen Boden hat es mir dennoch gegeben. Obwohl er genau diese Gedanken niemals verstehen wird. Irgendwie liebt man sie trotz allem, das ist das schwierige daran.
    Danke dir für deine direkten und offenen Worte
    Alles Gute

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