Ein Teil vom Leben.

Mit diesem Beitrag möchte ich keinen falschen Eindruck vermitteln, kein Mitleid erhaschen und mich nicht mal wirklich erklären, höchstens ein bisschen. Und wenn, dann will ich mich mir vor allen Dingen selbst erklären, näher bringen, oder wie man das sonst noch sagen kann.

Vor meinem Urlaubsantritt vergangene Woche hatte ich noch eine Sitzung bei meiner Therapeutin, in der es viel darum ging, weshalb ich mich nicht so jung fühle, wie ich bin und warum ich mir oft denke, dass das Leben noch verdammt lang ist. Denn das ist es ja eigentlich nicht, für all die Dinge, die es noch zu entdecken und zu erleben gilt – aber für mich fühlt es sich so an. Es wurde dann auch relativ schnell klar wodurch dieses Gefühl entsteht, wenn nämlich das restliche Leben so weitergehen sollte (was es keinesfalls wird), wie es die vergangenen zehn Jahre war, dann lässt einen das nicht besonders optimistisch auf die Zukunft blicken. An sich nichts neues – das tatsächliche Novum war, dass ich zum ersten Mal selbst erkannt und begriffen habe, dass da wirklich nicht sehr viel Platz für mich war, im letzten Jahrzehnt. Rein theoretisch habe ich das schon lange gewusst, aber noch nie so gespürt. Und da dachte ich mir, dass ich das hier alles aufschreibe, wie eine Art Chronologie, um mir das selbst zu verdeutlichen und klar zu machen, ich freue mich natürlich, wenn das irgend wen interessiert.

  • 16 Jahre alt: Großmutter stirbt nach zweijähriger Krebstortur –> daraufhin verfiel mein Vater in eine Depression, die er nicht behandeln ließ –>bei mir traten ein Jahr lang anhaltende Schlafstörungen auf
  • 17 Jahre alt: Urgroßmutter stirbt in absolut angemessenem Alter, die Kriminalpolizei beschließt dennoch zu ermitteln, ob es ein natürlicher Tod war und das Grab wird wieder ausgehoben –> war natürlich natürlich, aber es gab ziemlich viel Drama in der Familie
  • 18 Jahre alt: Mutter erhält die Diagnose Brustkrebs –> bittet mich ihre Patientenverfügung zu verwalten und wählt mich zur engsten Vertrauten –> das halte ich irgendwann nicht mehr aus und es kommt zu einem großen Bruch zwischen uns, Vorwurf: Du hast mich im Stich gelassen / Der Tumor konnte nicht vollständig entfernt werden, sie lehnt jedoch jede weitere Behandlung ab
  • 19 Jahre alt: Großvater stirbt nach Krebstortur, die ich gemeinsam mit meinem Vater begleitete, das war zwar sehr bewegend, aber durch das gute Verhältnis, das sich zu meinem Großvater entwickelte eher eine positive Erfahrung
  • 20 Jahre alt: Meine Mutter kauft sich immer mehr Katzen –> nennt diese ihre neuen Kinder, lehnt meinen Bruder und mich vollständig ab / Mein Vater rutscht in ein Burn-Out, ist zu kaum mehr etwas in der Lage, lässt sich nicht behandeln/ Ich rutsche in eine tiefe Depression mit schweren Schlafstörungen –> meine Mutter und ich entfernen uns noch weiter voneinander, sie will leben, ich will nicht mehr leben –> große Eifersucht meiner Mutter gegenüber dem guten Verhältnis zwischen meinem Vater und mir, es werden Intrigen gesponnen und Lügen erzählt –> ich ziehe aus
  • 21 Jahre alt: Mein Vater erhält die Diagnose Hodenkrebs, geht aber alles sehr gut aus / Den Kontakt zu meiner Mutter muss ich zeitweise komplett abbrechen, sie sogar sperren, da sie mich immer wieder massiv beleidigt und beschimpft / Meine Mutter lässt einen elektrischen Zaun rund um unser Grundstück ziehen und legt sich weitere Katzen zu
  • 22 Jahre alt: Meine noch lebende Großmutter, zu der ich allerdings kein sehr gutes Verhältnis habe, bekommt Schilddrüsenkrebs und Metastasen in der Leber diagnostiziert –> das hat mich nicht aus der Bahn geworfen, ist nur ein weiterer Tropfen auf den heißen Stein / Mein Vater bricht zeitweise den Kontakt zu mir ab, weil meine Mutter ihn vor die Wahl stellt, entweder sie oder ich, darunter leide ich sehr
  • 23 Jahre alt: Mein Bruder verfällt in eine Depression, meine Mutter verweigert ihre Unterstützung, mein Vater fühlt sich dazu nicht in der Lage –> ich verbringe einige Tage bei ihm, kann aber nichts ausrichten, da er nicht bereit ist sich Hilfe zu holen / Bei meiner Mutter wird in einer Untersuchung festgestellt, dass der Krebs jederzeit wieder ausbrechen könnte
  • 24 Jahre alt: Ich ziehe in eine andere Stadt und beginne Soziale Arbeit zu studieren, denke relativ verblendet ich könnte später doch mal als Beraterin für Angehörige von Krebskranken arbeiten / Von meiner Mutter kommen immer heftigere Attacken und Anrufe, insbesondere abends, ich habe erstmals den Verdacht sie könnte trinken / ich suche einen psychologischen Fachdienst auf, um meine Mutter besser zu verstehen und lande dann bei meiner heutigen Therapeutin
  • 25 Jahre alt: Nach nur zwei Semestern breche ich das Studium ab, weil ich merke, dass ich der ganzen Thematik nicht gewachsen bin / Meine Mutter trinkt tatsächlich/ Meinem Bruder geht es zunehmend schlechter, er holt sich keine Hilfe/ Ende des Jahres werden bei meiner Mutter etliche Metastasen in den Lymphknoten entdeckt –> wir verbringen Weihnachten im Krankenhaus
  • 26 Jahre alt: Meine Mutter und ich verstehen uns immer besser/ Sie hat nach unzähligen Familiengesprächen aufgehört zu trinken/ Sie macht jetzt eine Hormontherapie, ist beinahe arbeitsunfähig, da ihr bei der Op ein Nerv im Oberarm durchtrennt werden musste, muss immer wieder Kortison nehmen, es geht ihr schlecht / Mein Bruder liegt teilweise tagelang nur noch in seinem Wg-Zimmer, zieht sich immer mehr zurück, ich habe meinen Vater darum gebeten sich zu kümmern/ Mein Vater bekommt einen Herzfehler diagnostiziert, aber mal sehen, da weiß man noch nicht allzu viel

 

Und nächstes Jahr im Februar, da werde ich dann 27 Jahre alt. Ich hoffe sehr, dass ich irgendwann mal Verständnis für mich selbst entwickeln werde und dann aufhöre mich für meine Schwierigkeiten, die ich im Leben habe, so zu verurteilen. Denn nebst den äußeren Dingen, die in diesen Jahren passierten, habe ich ja auch einfach nur gelebt, hatte Beziehungen und Trennungen, Erfolge und Niederlagen, bin irgendwie erwachsen geworden, viel zu früh. Dazu habe ich all diese erlernten Denk- und Verhaltensmuster in mir, die es mir sehr schwer machen – und ich wünsche mir so sehr, dass es mir gelingen wird, mich anzunehmen, milde zu mir zu sein und mich zumindest ein Stückchen selbst zu lieben. Das, das wäre wirklich, wirklich gut!!!

15 Kommentare zu „Ein Teil vom Leben.“

  1. Wenn ich das alles lese, fühle ich große Bewunderung für dich und deine Stärke und ganz viel Wut (vor allem) auf deine Mutter. Schwer krank zu sein ist keine Entschuldigung andere, vor allem die eigene Tochter, so herzlos und egoistisch zu behandeln! Es tut mir sehr leid, dass du das alles durchlebt hast und weit vor der Zeit erwachsen werden musstest. Ich wünsche dir für die Zukunft nur das Beste und mehr Leichtigkeit ❤💓

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    1. Danke Nelia – ich denke eine der größten Dinge, die ich in meinem Leben bisher geschafft habe, ist es meiner Mutter zu verzeihen. Und zwar in mir drin, ich wollte den Weg des Friedens gehen. Das heißt nicht, dass da keine Wunden mehr sind, an vieles kann ich mich nicht mal mehr erinnern, weil vieles so weh tat, dass ich das komplett verdrängt habe. Aber das eine ist die Vergebung, das andere die Heilung und beides muß aus mir selbst kommen.

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        1. Das kam bei mir ziemlich abrupt. Ich merkte, dass ich nicht mehr in dem Geschehenen suhlen will und dass ich schon alles erdenkliche ausprobiert habe, nix half. Also warum nicht versuchen zu vergeben… Und ich glaube im Zusammenspiel mit dem Krebs ging das dann auch. Hat ja aber jahrelang gedauert. Da muss man Geduld mit sich haben 💚💚💚

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  2. Zu früh erwachsen geworden, das kommt mir bekannt vor, zumindest sagte das mein Psychiater in der Tagesklinik in etwa, durch die eher etwas subtile Frage, „wo waren Sie denn in ihrer Jugend?“ da ich ohne Vater aufwuchs und irgendwann wohl der Meinung war, ich müsse mich um alles kümmern, was ich nicht immer tat. Und gerade das „untätig“ sein, obwohl ich doch MÜSSTE, zermürbte mich zusehends. Also machte es Klick und ich tat alles was notwendig ist, immer und oft widerwillig, aber es musste eben sein. Gefühle aus, Ratio ein. Es gibt keine Probleme, nur Lösungen. Alles widerwärtige, dass von irgendwoher auf die Familie einbrach war, obwohl selten von mir ausgehend, dennoch meine Schuld. Lag an meinem Versagen. Dies jetzt nicht mehr zu glauben, erscheint mir verlogen und dennoch muss ich daran arbeiten, denn nicht alles ist meine Schuld. Sich zu rechtfertigen fällt immer schwer, besonders dann, wenn einen wirklich keine Schuld trifft, lässt einen, eine wie auch immer geartete Rechtfertigung, sich doch irgendwie schuldig oder zumindest verantwortlich fühlen. Dies ist zwar grundsätzlich falsch, aber ein Schema, in das man leicht verfällt. Ich wünsche Dir, das Du das erkennen kannst und für Dich, wie Nelia es formulierte, mehr Leichtigkeit findest. LG

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  3. Angesichts dessen, was Du in den letzten zehn Jahren erlebt und durchgestanden hast, ist es füpr mich sehr gut nachvollziehbar, dass da wenig Kraft übrig geblieben ist, Liebe zu Dir selbst zu entwickeln. Umso mehr freue ich mich, dass Du das jetzt selber mehr in den Fokus nehmen möchtest. Zugleich habe ich viel Respekt vor Deinem Weg und davor, dass Du offensichtlich nie mit Hass auf all das reagiert hast, was da um Dich herum und mit Dir selbst passiert ist. – Ich finde es auch sehr GROß, dass Du diesen Eintrag hier geschrieben hast. Das hat wahrlich so ganz und gar nichts mit Mitleidhascherei zu tun. – Ich empfinde aber Mitleid, und zwar ganz aufrichtiges. – Du hast Aufmerksamkeit, Beistand, Unterstützung. liebevolle Zuwendung und Begleitung so sehr verdient. Übrigens nicht nur von Dir selbst.

    So gehen denn auch meine Wünsche für Dich ganz genau in diese Richtung. Ich wünsche Dir Zuversicht, ich wünsche Dir Liebe und Lebensfreude – ich wünsche Dir Menschen, die Dir das vermitteln, das mit Dir teilen mögen.

    Sehr liebe Grüße an Dich!

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  4. Ich denke nicht, dass ich per Internet erkennen könnte welche Persönlichkeit in Dir steckt, aber wenn ich Deinen Bericht lese, dann sage ich mir: trotz aller Schicksalsschläge bist Du auf einem guten Weg. Auch wenn es um nahe Verwandte geht, und weil Du kein Mitleid erwartest, weil Du offenbar spürst, dass Dir Mitleid ja nicht wirklich weiterhelfen kann, schicke ich Dir zwei wichtige Sätze, die Du Dich immer fragen solltest, wenn Du etwas tust oder unterlässt: 1. was habe ich davon (welchen Vorteil kann ich daraus ziehen)? und 2. kann ich das ändern? (was Du nicht ändern kannst, das darfst Du nicht zu nahe an Dich heranlassen). Du wirst deshalb keine schlechtere Tochter oder Schwester werden, wenn Du mehr an Dich denkst! Mach’s gut – ich bin überzeugt, Du bist auf dem richtigen Weg.

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  5. Wünsche dir sehr, das dein Herz mit ganz viel Liebe erfühl_lt werden wird…
    Das du alles erleben wirst, mit ganz viel Magie und Zauber das du dir vorstellen magst, Wünsche sind zum Träumen da und muss glaubt dass Leben zum erfüllen…
    …mit blauen lieben 🐘 Grüßen

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