Wo anfangen?

Wo anfangen…eine gute Frage, ich habe wenig Ahnung, also starte ich einfach irgendwo. Zum Beispiel bei, was will ich mit meinem Blog hier eigentlich erreichen? Oder erklĂ€re ich euch, was gerade mit mir los ist? Was mich bewegt und worĂŒber ich mir Gedanken mache?

Vielleicht gelingt mir das ja irgendwie alles zusammen.

Letzte Woche und auch die Woche davor ging es mir nicht sonderlich gut, ich war andauernd angespannt. Das liegt einerseits sicherlich an der katastrophalen Arbeitssituation, die ich seit September gegeben habe (durchschnittlich vier PĂ€dagogen auf 100 Kinder) – und doch spĂŒrte ich, dass da auch noch etwas anderes ist. Und das, das treibt mir TrĂ€nen in die Augen, wĂ€hrend ich hier schreibe, so schmerzlich ist es fĂŒr mich im Moment. Ich bin nicht nur ĂŒberarbeitet, ich befinde mich auch in einer Art Trauer. Und nein, gestorben ist niemand.

Letzte Woche hatte ich eine sehr aufwĂŒhlende Therapiesitzung, in der meine Therapeutin den Nagel auf den Kopf traf, indem sie mir sagte: Sie mĂŒssen aufhören darauf zu warten und zu hoffen, dass Sie nochmal das Kind in der Beziehung zu ihrer Mutter sein werden. Das wird nicht mehr passieren, diese Zeit ist vorbei. Und ich denke Sie fangen gerade an zu trauern, dass dieser Zustand nie mehr erlebbar sein wird.

Das Leben ist allzu endlich, dessen bin ich mir bewusst – auch das meiner Mutter, die so sehr abbaut, dass es nicht mehr zu leugnen ist. Herrje, ich versuche das fĂŒr euch irgendwie in Worte zu fassen, dass klar wird, was ich meine – gar nicht so leicht. Schon seit ich 18 Jahre alt bin steht die Gesundheit meiner Mutter im Mittelpunkt unserer Familie, das tat sie nie mit Absicht, niemand tut da, es kam eben so. Dann hatten wir diese so große Distanz zwischen uns und sind uns jetzt nach vielen Jahren wieder nah. Und damit tauchen plötzlich weggekehrte und versteckte BedĂŒrfnisse in mir auf, die danach schreien, dass ich doch das Kind in der Familie bin und viel zu frĂŒh so reif wurde und,und, könnte man das nicht jetzt nachholen?

Nein. Das kann man nicht, also ich, ich kann das nicht. Es ist Zeit einzusehen, dass ich erwachsen bin, im Außen, im Innen und dass diese so große LĂŒcke in mir nicht von jemand anderem geschlossen werden kann. Diese andere Person ist damit beschĂ€ftigt irgendwie zu ĂŒberleben, sich auf das nicht-mehr-leben vorzubereiten und das geht so seit acht, bald neun Jahren, seit der Krebs als Dauergast in unserer Familie wohnt. Ich schĂ€tze es ist Zeit fĂŒr mich loszulassen – die Hoffnung darauf loszulassen, dass ich mich nochmal wie das Kind in dieser Beziehung fĂŒhlen kann, mich fallen lassen darf und aufgefangen werde, es sich einmal um mich dreht. Ohne Verbitterung, ohne Wut – keiner von uns hat sich das so ausgesucht.

Also trauere ich irgendwie, weil ich meine Rolle als die so vernĂŒnftige, als die so erwachsene nicht los werde, weil ich nie mehr Kind bin. Und das ist vielleicht auch okay so. Es tut nur fĂŒr den Moment unheimlich weh, weil ich, glaube ich, darĂŒber trauere. Über dieses so unerfĂŒllte BedĂŒrfnis, das niemals so gestillt werden wird, wie ich es mir ausgemalt habe.

Ich sehe das als einen Teil meiner Reise, womöglich sogar einen sehr wichtigen – ein weiterer Knoten, der sich löst, etwas, das ich zu lernen habe.

HĂ€ufig stelle ich fest, dass ich mich von Anderen in meinem Alter unterscheide, insbesondere seit einem Jahr, seit ich begonnen habe anzufangen an mir selbst zu arbeiten. Ich sehne mich hĂ€ufig nach Stille, weil es so viel Kraft kostet diesen Weg zu gehen und die Dinge aufzuarbeiten, die mir passiert sind. Die ersten Freundschaften leiden darunter, weil das VerstĂ€ndnis fehlt, weil ich nicht so gerne auf Partys gehe, weil ich manchmal auch absage. Das tut mir sehr leid und schmerzt, aber auch das gehört wohl dazu – es ist sicherlich ungeheuerlich schwierig nachzuvollziehen was da in mir geschieht, fĂŒr jemanden von Außen.

Und nun, was will ich eigentlich? Wozu schreibe ich hier, seit nun bald einem Jahr?

Ich tue das fĂŒr mich und tue es auch fĂŒr dich – manchmal brauche ich das hier, so dringend, um mir ĂŒber Dinge klar zu werden, um mich selbst zu erreichen – das ging schon immer am allerbesten schriftlich. Aber dann hĂ€tte ich auch weiter in ein Buch schreiben können, nicht wahr?

Mit meinem Blog will ich dich erreichen, ich will dir zeigen, dass das Leben sich lohnt, obwohl es manchmal nichts als das pure Aushalten beinhaltet. Ich möchte, dass du weißt, dass du nicht alleine damit bist, dass du immer wieder mit deinem Kopf in dem Sand steckst, jede Hoffnung verlierst und nicht mehr daran glaubst, dass es jemals wieder gut wird – es wird wieder gut werden. Das Leben verlĂ€uft nicht im Ansatz linear, es ist ein einziger Wellenritt und manchmal tust du nichts, als auf die nĂ€chste Welle zu warten, bis du lernst, dass die Flauten ebenso dazu gehören, wie der Höhenflug. Ich gehe zwei Schritte nach vorn und dann wirft es mich wieder zurĂŒck – ich gehe weiter! Ich bin bald 27 Jahre alt und habe seit ĂŒber 10 Jahren mit Ängsten und Depressionen zu tun, ich habe ununterbrochen mit lebensbedrohlichen Krankheiten innerhalb der engsten Familie zu tun, ich bin super sensibel und extrem empfĂ€nglich fĂŒr die Stimmungen anderer. Es gab Jahre in denen ich sicher war, dass es keinen Sinn hier gibt fĂŒr mich, ich ein unbedeutendes Wesen bin, es nicht lohnenswert ist, das hier auszuhalten – ich bin immer noch hier. Mein Leben ist nicht schön und es ist nicht schlecht, es ist immer wieder beides davon – es ist aushalten und leben. Und ich möchte euch daran teilhaben lassen, so authentisch, wie ich nur kann. Ich habe Ängste, ich fĂŒhle mich oft noch depressiv, ich kĂ€mpfe, ich weine, ich strample, um nicht unterzugehen – und schaut mich an – trotzdem ist es fĂŒr mich eine RiesenhĂŒrde nĂ€chstes Wochenende mit dem Zug zu meinen Eltern zu fahren, weil ich mit dem Zug die Agoraphobie verbinde. Aber ich bin heute schon so viel weiter, so viel mehr in meinem Sein, als ich es noch vor einem Jahr war.

Ich will, dass du dich nicht aufgibst!

15 Kommentare zu „Wo anfangen?“

  1. Ein wirklich toller Beitrag – ich hoffe es geht dir ein wenig besser als letzte Woche! Ich wĂŒnsche dir ruhige und stille Weihnachten damit du Kraft tanken und gut ins neue Jahr starten kannst 🙂
    Ich habe auch endlich geschafft meine Nominierung von dir aufzuarbeiten, nochmals Danke dafĂŒr 🙂
    Liebe GrĂŒĂŸe

    GefÀllt 1 Person

  2. FĂŒr mich ist es schön, dass Du hier bist. Ich mag Dich gern so annehmen, wie Du Dich hier zeigst, wie Du bist.

    Deine Motivation fĂŒr Dich selbst zu schreiben, ist mir gut bekannt. So habe ich vor gut sechs Jahren auch begonnen Blog zu schreiben. Nach wie vor ist das auch meine HJauptintension. Im Laufe der Zeiten dabei Begleiter gefunden zu haben, die sich in rĂŒcksichtsvoller Art fĂŒr mein gechriebenes interessiern und sich ebenso mit mir austauschen mögen, dabei gar zu VERSTEHEN versuchen, ist fĂŒr mich ungeheuer wertvoll geworden. Ich hatte das so niemals erwartet. – Duch dieses „berĂŒhrt werden“ habe ich ein StĂŒck mehr Sinn in mir und fĂŒr mich gefunden und bin voller Dankbarkeit fĂŒr diese Menschen, von denen ein paar gar Freunde geworden sind, in einem Fall sogar im realen Leben nun.

    Ich habe große Achtung vor Dir und möchte Dich ermutigen, wissend, dass ich selbst nicht der StĂ€rkste bin. Auch deshalb lese ich inzwischen ganz regelmĂ€ĂŸig bei Dir. Es ist schön, dass es Dich gibt.

    Ich „traue mich“, Dir eine ganz freundliche von Herzen kommende Umarmung zu schenken!

    Seh liebe GrĂŒĂŸe an Dich!

    GefÀllt 2 Personen

  3. Sooo FrĂ€ulein… Tiefsten Rehspeckt!!!
    Da steckt wohl noch viel mehr dahinter, als ich ĂŒber das, was ich hier verfolge mitbekommen hatte.
    Tapfere KĂ€mpferin! Und ich weiß, is immer leicht gesagt, aber nach jedem Regen folgt Sonnenschein. Ich war auch am Arsch, als mein Opa von heut auf morgen verstarb & ich bei der Bundeswehr als AnfĂ€nger fest hing. Nachts stundenlang per Bahn heimfahren, 5 Stunden auf irgendeinem Bahnhof auf den nĂ€chsten Zug warten, nur um pĂŒnktlich zu seiner Beisetzung da zu sein. Aber mittlerweile glaube ich, dass er irgendwo /-wie auf mich schaut, ab und zu stuppst und zufrieden ist 😁
    Aber was ich dieses Jahr gelernt habe: selbst wenn alles beschissen ist, sollte man die kleinen Dinge schĂ€tzen & deine Art&Weise mit all dem „Stress“ umzugehen ist doch schon ein Lichtblick.. denke mal Viele wĂ€ren daran schon lĂ€ngst kaputt „gegangen“ & hĂ€tten alles ĂŒber’n Haufen geschmissen, sich aus dem Staub gemacht or whatever.
    Ich bewundere dich zumindest! 🙂
    Und PS
    Lese auch gerne die Texte – alleine weil authentisch & keine Schönmalerei 🙂
    LG der Typ u know 🙈😁✌🍩

    GefÀllt mir

    1. Ey danke 😊 ihr Idioten hier wisst genau, wie man mich zu TrĂ€nen rĂŒhrt. Danke Erik, die ZurĂŒck-Bewunderung steht und wenn aus deinem Munde kommt, dass ich passabel mit dem ganzen Stress umgehe, dann hui – impressive.
      Genieß die Sonne und pass auf dein Furunkel auf 😉

      GefÀllt mir

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