Über’s Funktionieren

Das Funktionieren ist ein gängiges und anerkanntes Mittel dieser Welt, von dem wohl jeder und jede Gebrauch macht. Es passt ja auch ausgezeichnet in unsere schnelllebige und leistungsorientierte Gesellschaft, in der wir leben. Und nein, das soll kein Text werden der verbittert auf Wirtschaft, Politik, auf Arbeitgeber und Erwartungshaltungen schimpft, darum geht es hier nicht.

Ich möchte bei mir selbst ansetzen – ich habe eine Menge Erfahrung im Funktionieren und damit, wie sehr das, was vollkommen kontrolliert aussieht, einen ebenso völlig aus der Bahn werfen kann. Im schlimmsten Fall endet das mit einem Totalausfall, wenn es gut läuft, bekommt man einen kleinen Denkzettel.

In meinem Leben musste ich schon ziemlich viel funktionieren und durch das Mitlesen auf euren Blogs weiß ich, dass es bei den meisten von euch nicht anders ist. Manche von euch stecken in unglaublich anstrengenden Lebensphasen und leisten so viel und ich ziehe den Hut und frage mich dabei doch immer wieder – wie geht das gut? Und geht das überhaupt gut?

Denn wann immer ich für längere Zeit am Stück hervorragend funktioniert habe, endete das in einem Sturz, der mal mehr und mal weniger schlimm weh tat.

Im Moment stecke ich da wieder ziemlich tief drin, im nicht enden wollenden Hamsterrad. Zwischen Arbeiten, Geld verdienen, mich kümmern und sorgen, selbst angeschlagen sein und dem eher kläglichen Versuch mich dazwischen noch abzugrenzen. Um irgendwie Raum für mich selbst zu schaffen…

Nicht falsch verstehen, ich will ebenso wenig jammern, wie schimpfen – meine Lebensumstände sind eben so, wie sie sind und es führt mich nirgendwo hin, mich darüber zu beklagen. Nebenbei – ich habe noch nicht einmal Kinder, eine eigene Familie, so wie viele von euch, die tagtäglich riesengroße Gewichte heben und stemmen. Dafür habe ich sogar eine Therapeutin, die ich im besten Fall einmal in der Woche sehe. Das, worauf ich hinaus will, hat eher mit Selbstfürsorge zu tun.

Wie sorge ich für mich selbst, wenn ich aktuell vor allem funktioniere? Und gibt es ein ausgewogenes Gleichgewicht, das sich zwischen Funktionieren und Selbstfürsorge schaffen lässt?

Ich denke ja – und das ist mir durchaus schon gelungen. Das gelingt ganz gut, indem ich auf meine eigenen Grenzen achte und mich zurückziehe, um Aktivitäten nachzugehen, die meinen Akku wieder aufladen. Und trotzdem tappe ich immer wieder in die Falle, in der ich auch im Moment stecke. Habe die Warnzeichen verpasst, davon gab es nämlich genug, bin stoisch weiter auf der Straße geblieben, obwohl der Tank immer leerer und leerer wurde. Und wenn dann meine Therapeutin mit gerunzelter Stirn und zusammengekniffenen Augen zum dritten Mal sagt, dass ich aufpassen sollte, da ich dabei bin mich selbst zu vergessen, dann habe ich das kopfnickend hingenommen, aber selbst gar nicht so empfunden. Aber heute, heute morgen bin ich aufgewacht und fühle mich leer, schwer, kraftlos und könnte immerzu weinen. Ja, heute, heute da spüre ich ich es.

Und es war nicht meine Psyche, die das bemerkte , sondern mein Körper. Er meldete sich gestern laut und deutlich mit einer heftigen Migräne, die ich sogar heute noch etwas spüre und die mich lahmgelegt hat. Das Missachten meines seelischen Zustandes fordert immer seinen Tribut, vor vielen Jahren in Form einer schweren Depression, bis heute mit Schlafstörungen und ab und an Migräne. Das entsteht durch ausgiebiges Funktionieren, das geschieht, wenn ich mich selbst vernachlässige und unachtsam mit mir umgehe.

Ich schätze manchmal bleibt nichts anderes übrig, als eine Zeit lang nur zu funktionieren – nur, holt sich der Körper dann danach vielleicht alles zurück? Ich kenne einige Menschen, bei denen sich das in Form heftiger Blasenentzündungen, Fieber oder Gewichtsveränderungen äußert. Gibt es nicht einen Weg das durch Vorsorge zu vermeiden? Wie können wir, wie kann ich das schaffen, während ich gleichzeitig so große Baustellen in meinem Leben habe? Ich versuche ja bereits auf mich zu achten, Pausen einzulegen, den Rückzug anzutreten und den möglichen und nahenden Tod eines geliebten Menschen nicht aus dem Leben auszuklammern. Nicht zu verdrängen. Mich nicht zu übergehen.

Weil ich doch weiß, dass der Preis, den ich dafür zahlen müsste, so hoch ist, dass ich monatelang bräuchte, um das Geld dafür zusammen zu haben.

 

 

 

13 Kommentare zu „Über’s Funktionieren“

  1. Es gibt bestimmt einen Weg, vorsorglich achtsam zu sein, aufzupassen…. aber ich glaube, den zu finden und auf ihm zu bleiben, schaffen meiner Erfahrung nach die wenigsten. Deine Situation ist komplex, so viele Faktoren gibt es, mit denen du jonglieren musst, die du ausbalancieren musst, um im Gleichgewicht zu bleiben – und das ist ein unheimlicher Kraftakt, den man konstant gar nicht leisten kann! Aus dem Gleichgewicht zu geraten, die Vorboten des Sturzes nicht zu erkennen oder ernst genug zu nehmen, das passiert so schnell und so vielen von uns. Vielleicht ist es nicht das wichtigste, dass du im Gleichgewicht bleibst, dass nicht fällst, sondern dass du nach dem Sturz wieder das Gleichgewicht suchst. Egal ob du es erreichst oder nicht. Der Kamp ist ewig, mal wird er einfacher sein, mal schwerer. Aber du arbeitest schon so gut daran, dass er immer wieder auch einfacher wird. :****

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    1. Danke dir, May. Schon während dem Schreiben meines Textes dachte ich mir sogar, dass ich da vielleicht ein wenig zu streng mit mir bin. Zu verbissen versuche dieses Gleichgewicht zu sichten. Ich danke dir wirklich von Herzen für diese Worte, die so weich und schön und verständnisvoll sind!

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  2. Die „Philosophie“ des Funktionierens beschäftigt mich solch eine Weile. Wie ist das denn überhaupt? Funktionieren, wem nutzt das? Ich habe noch nie jemanden sagen hören, ich funktioniere für mich und deshalb geht’s mir gut. Man funktioniert doch irgendwie nur für andere und selbst wenn man üblicherweise fürs funktionieren entlohnt wird, so nutzt dies wiederum demjenigen, dem man seinen Lohn gibt um wohnen und essen zu können. Wenn also funktionieren das einzige ist wozu man sich noch dazu in der Lage sieht, wozu das Ganze? Das ist wie eine Uhr aufziehen, die keine Zeiger hat, Hauptsache das Uhrwerk funktioniert. Macht das noch Sinn? Funktionieren alleine ist nicht genug um als Mensch einen Sinn in seinem Dasein zu erkennen, denke ich jedenfalls. LG

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  3. Danke für diesen Beitrag, denn er regt mich zum nachdenken an. Das mit dem funktionieren ist auch für mich ein großes Thema.. ich habe wahnsinnig hohe Ansprüche an mich in jedem Bereich, dazu kommen die Ansprüche der anderen und immer wieder alte oder neue, verschiedenste Probleme. Sich von allem mal eine Pause zu nehmen ist etwas, dass ich nicht schaffe.. oft versuche ich es nicht mal. Da bist du wohl schon einen Schritt weiter und auf einem guten Weg. Du hast bereits erkannt, dass ein Zusammenhang zwischen dem funktionieren und deinen Beschwerden steht und das finde ich toll! Ich denke um da wirklich einen guten Weg für sich zu finden braucht es sehr viel Zeit. Ich kann dir leider keinen Tipp geben für diesen Weg, wollte dir aber kurz aufzeigen, dass du schon ein paar große Schritte gelaufen bist und ich werde versuchen das in Zukunft auch zu tun 🙂

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  4. Ich kenne ähnliches, insbesondere den Körper, der gerne die Arme verschränkt und sagt: Nööö! Stop!
    Aber mir kam gerade ein ketzerischer Gedanke: symbolisiert nicht gerade das Streben, so weit die Balance zwischen Selbstfürsorge und Funktionieren zu finden, nicht umso mehr das Streben danach, perfekt zu funktionieren, ohne die wiederholten Ausfälle? Führt das ganze nicht letzten Endes alles ad absurdum?
    Was Du schreibst (und was ich auch bei anderen lese) hält mir zuweilen einen Spiegel vor die Nase und ich frage Dich, was ich mich selbst eigentlich fragen sollte: ist nicht der erste Schritt, zunächst einmal zu akzeptieren, dass wir eben nicht das leisten können, was andere leisten, nicht alles stemmen können, was wir wollen, dass unsere Grenzen eben offenkundig enger gesetzt sind?
    Sei herzlich gegrüßt
    Agnes

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    1. Ich habe schon unter Mays Kommentar geschrieben, dass es ja sein könnte, dass das eben irgendwie auch auf Funktionieren abzielt.
      Insofern war der Beitrag mehr als gut für mich selbst 😊 dadurch ist mir das aufgefallen, was du hier beschreibst. Und ich finde das sehr zutreffend. Danke!

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  5. Da hast Du über ein großes, mich seit langem sehr beschäftigendes Thema geschrieben, liebe Pia. – Ich habe leider den „goldenen Mittelweg“ immer noch nicht wirklich gefunden. Habe nur erkannt, dass „Funktionieren“ ein nicht vernachlässigbares Erfordernis ist in dieser Welt, grundsätzlich schon allein der notwendigen Existenzsicherung wegen.

    Es ist und bleibt buchstäblich ein Kämpfen, und für sensible und (selbst)kritische Menschen gehört das zu den größten Herausforderungen überhaupt.

    Deine Gedanken hinsichtlich „Selbstfürsorge“ sind deshalb ungeheuer wichtig. Ich glaube, wir beginnen das irgendwie zu begreifen, aber wir haben es doch immer wieder schwer damit. Weil wir sind wie wir sind.

    Bruder und Schwester im Geiste … 😉

    Ganz liebe Grüße und beste Wünsche für Dich! ❤

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  6. Ich kann das sehr gut nachvollziehen. Mir geht es oft genauso. Ohne regelmäßigen positiven Erfahrungen mit anderen Menschen, wie ein ernstgemeintes Lob, Anerkennung, und Ähnliches, ist es sehr schwer aus dem Hamsterrad herauszukommen. Dann hilft oft nur die „Notbremse“…

    Dass du es bisher so weit geschafft hast, ist finde ich toll. Du leistest sehr viel und gehst bis an die Grenzen. Dafür hast du auf jeden Fall Annerkennung verdient. Versuche nur, nicht über deine Grenzen hinaus zu gehen.

    Ich wünsche dir viel Kraft. 🙂

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