Absetzen von Fluoxetin, die IIIIIIIIIIIIII….

Rein interessehalber habe ich eben einen Blick in den Kalender geworfen, um nachzusehen, wann ich meinen letzten Psychiater-Termin hatte. Das war jener Termin, an dem ich angefangen habe mein Antidepressiva abzusetzen.

Es war Juli. Wow.

Und ich bin noch immer nicht am Ende. Aber fast. 2 Milligramm von ursprünglich 20 – 1/10.

Einige Personen mögen das ungläubig zur Kenntnis nehmen, während es ausreichend Foren gibt, die sich nur damit befassen. Mit den Absetzerscheinungen und wie man diese möglichst niedrig halten kann. Keiner der Ärzte, die mir Psychopharmaka verschrieben, hat mich jemals auf so etwas vorbereitet, geschweige denn hingewiesen. Es empfiehlt auch niemand die Medikamente von heute auf morgen wegzulassen, aber ich finde es mangelt da ganz gewaltig an Aufklärung!

Ich bin nicht die einzige, die sensibel auf Medikamente reagiert, für die schon das Einschleichen von heftigen Symptomen begleitet ist, nein, da gibt es noch viele, viele mehr. Und ich finde es ziemlich ärgerlich, dass diese Nebenwirkungen von Seiten der Ärzte oft so verharmlost wird.

Keine Frage, Psychopharmaka können mitunter Leben retten und helfen. Es wäre Unsinn das allgemein zu verteufeln! Und es macht für mich auch keinen Sinn jemandem, der suizidal ist, mitzuteilen, dass es womöglich zu Absetzerscheinungen kommen könnte, die oft schwer zu ertragen sind. Aber es gibt ja auch solche Menschen, wie mich, die das Gefühl haben stabiler werden zu wollen und zu ihrem Psychiater gehen, um nach Medikamenten zu fragen, die dabei helfen könnten. Was mich ärgert, ist, dass an dieser Stelle oft bagatellisiert wird und überhaupt nicht darauf hingewiesen wird, dass eine Einnahme durchaus auch mit Schwierigkeiten verbunden sein kann. Berichte ich dann von meinen Nebenwirkungen, kann ich mir zum x.ten Mal anhören, dass das ja eigentlich ein total gut verträgliches Medikament sei.

Aber seien wir ehrlich – etwas, das in unser gesamtes metabolisches System eingreift, unsere Botenstoffe verändert, dessen Einnahme kann nicht als harmlos abgetan werden. Nein, ich bereue es nicht, dass ich ein Jahr lang Fluoxetin genommen habe, das ist okay und ich habe viel daraus gelernt. Ich wünsche mir aber für die Zukunft eine ehrliche Aufklärung, wenn ohnehin bekannt ist, dass ich sehr sensibel auf Medikamente reagiere.

Und nun zum Absetzen. Nicht ohne Grund habe ich das in Minischritten vollzogen, begonnen habe ich eilig, hastig, wollte das Medikament schnell loswerden und habe schon gleich die Rechnung dafür getragen. Ängste, Schwere, depressive Symptome – sehr verstärkt. Man muss sich vorstellen, dass da ja die ganze Zeit eine Art Stütze, ein Pfeiler im System war, den man jetzt wieder entfernt und darauf baut, dass das System die Arbeit nun selbst wieder hinbekommt. Also habe ich nochmal erhöht und bin ganz langsam vorgegangen. Ich blieb trotzdem nicht ohne Symptome! Die allerdings waren, bis auf einzelne Tage auszuhalten. Das Medikament, das ich nahm, hat eine sehr lange Halbwertszeit und ich habe keine Ahnung, was sich in meinen Körper noch befindet, während ich nur noch 2 Milligramm zu mir nehme. Was schwirrt da noch an Mengen herum? Ich habe keine Ahnung.

Das mein Körper arbeitet, das merke ich sehr deutlich – das äußerte sich aber auch sehr unterschiedlich, seit Beginn des Absetzens.

Da gab es das starke nächtliche Schwitzen, über Monate, das Weinen im Schlaf, die Einschlafprobleme, immer wieder starke Übelkeit, heftiges Kribbeln in allen Gliedmaßen.

Aber auch die Psyche meldet sich immer wieder und zeigt mir, dass sich etwas tut.

Innere Unruhe, depressive Gefühle, tiefe Traurigkeit, Ängste, die Angst, dass die Depression wiederkommt, Versagensängste.

Insgesamt kann ich sagen, das mein Absetzen ein immer wiederkehrendes Aushalten, Aushalten und Aushalten ist. Aushalten, bis es vorübergeht, bis ich da durch bin, eine Zeitlang stabil und dann hinein in die nächste Phase.

Auch aktuell spüre ich es ziemlich heftig. Ein absoluter Indikator dafür, dass es mit dem Absetzen zu tun hat, ist die häufige Übelkeit, dazu kommt im Moment eine unreine Haut – ich habe das Gefühl mein Körper leitet darüber aus, starke depressive Symptome. Hooray!

Gut, das ist wohl auch nicht der beste Zeitpunkt dafür, während ich meine Mutter in ihrer bisher schwersten Zeit begleite und mein Vater und Bruder depressiv sind. Zuletzt stellte ich erstaunt fest, dass ich wohl die aktuell stabilste der Familie bin – keine besonders gute Rolle während des Medikamentabsetzens. Aber ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass es dafür den absolut geeigneten Zeitpunkt gibt. Es ist nun eben so.

Warum mache ich das überhaupt?

Ich will meinen eigenen Körper wieder spüren und den dazugehörigen Stoffwechsel, ohne, dass der von irgendwelchen Medikamenten beeinflusst wird. Durch das Fluoxetin habe ich aufgehört zu schreiben – nicht auf dem Blog- aber privat, obwohl mir das immer sehr gut tat. Ich konnte es einfach nicht mehr, die Kreativität war weg. Ich will wissen, wer ich bin. Und mein Körper gab mir letzten Juli ein ganz deutliches Gefühl von ‚ich will das jetzt nicht mehr‘, so war es übrigens auch beim Rauchen und der Pille. Und natürlich will ich mir irgendwie auch beweisen, dass ich das nicht mehr brauche – weil ich so viel an mir, in mir und mit mir gearbeitet habe. Weil ich offen für andere Wege bin, Hypnose und Osteopathie ausprobieren will.

Und so heißt es im Moment wieder einmal Aushalten. Unglaublich zehrendes und anstrengendes Aushalten und versuchen die Situation anzunehmen. Denn ich fühle mich gerade wie Glas, das bei der kleinsten Berührung zerbricht, wie ein Nervenbündel, wie kurz vor der großen Katastrophe – doch so habe ich mich in den letzten sieben Monaten sehr, sehr häufig gefühlt und kam immer durch. Die Angst davor, dass es mir nicht gelingt und ich doch wieder hochdosieren muss, weil ich sonst in einen dauerhaft sehr miserablen Zustand falle, bleibt.

Was hat mir geholfen? Was hilft mir?

Erst sehr spät habe ich herausgefunden, das die Aminosäure L-Tryptophan sich positiv unterstützend auf den Ausschleichprozess auswirken kann. Und tatsächlich hatte ich den Eindruck, dass es besser wurde, sobald ich es nahm.

Oft brauchte ich die Unterstützung meines Partners, von lieben Menschen, die Verständnis hatten und mich in jenen Momenten aushielten.

Sport unterstützt den Botenstoff- Haushalt und kann wahre Wunder wirken.

Rausgehen – auch wenn du dich nicht ein bisschen danach fühlst!

Ab und an eine Sauna betreten und den Prozess des Ausleitens unterstützen, das macht klarer.

 

Zum Abschluss möchte ich klarstellen, dass das eine subjektive Schilderung ist, die sich auf niemand Anderen übertragen lässt, da jeder Stoffwechsel anders und einzigartig ist. Es gibt auch Menschen, bei denen das Absetzen reibungslos und problemfrei funktioniert. Wenn ihr das Gefühl habt, dass ihr sensibel in diesen Dingen reagiert, dann sprecht mit eurem Arzt, hilfreich sind auch Foren, die sich speziell mit der Thematik des Absetzens befassen.

7 Kommentare zu „Absetzen von Fluoxetin, die IIIIIIIIIIIIII….“

  1. Ich finde es ganz bewundernswert, wie weit du es schon geschafft hast. Diesen Weg bin ich auch schon einige Male gegangen. Einmal viel zu schnell und dann in einer Phase meines Lebens, in der sich nicht stark genug dafür war. Es ist ein schwerer Kampf, den man nicht immer gewinnen kann. Mich erschreckt es noch heute, wie heftig das Absetzen und die verbundenen Symptome bei mir waren. Eine ganze schreckliche Palette…von körperlichen über psychischen Schmerzen. Ich habe mir vorgenommen bei meinem nächsten Versuch im schneckentempo vorzugehen. Ich drücke dir ganz doll die Daumen und wünsche dir ganz viel Kraft!

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  2. Hey! Herzlichen Glückwunsch zu Deinen Absetz-Fortschritten!
    Du weißt ja, ich sehe Depressionen etwas anders als die Schulmedizin es gemeinhin tut. Ich sehe es aus der Perspektive von Rüdiger Dahlke – oder anders gesagt: bildlich. Depression ist das Unterdrücken von Gefühlen. Dabei helfen die Medikamente ja. Ich finde auch nicht, dass man sie verteufeln sollte, da bin ich voll bei Dir. Und sie helfen, um wieder Kraft zu bekommen – indem sie aber eben die Verdrängungsprozess für uns übernehmen. Aber sie lösen ihn nicht. Du hast im Sommer festgestellt, dass Du nun weit genug gekommen bist, um mit dem Verdrängten selbst klar zu kommen. Was eben bedeutet, dass es jetzt auf der Matte steht. Und Du kommst ja damit klar.
    Und wie Du schon sagstest: einen guten Zeitpunkt dafür gibt es letztlich nie… Weiter so! Ich drücke Dir alle Daumen, die ich habe 😉

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  3. Wow sehr starke Leistung liebe Pia. Es ist Ja immer ein elend ein so stark eingreifendes Medikament wieder loszuwerden. Daher bewundere ich deine Ausdauer und deine Achtsamkeit Symptome auszugleichen
    . Du hast das wunderbar geregelt. Und für die letzten Schritte drücke ich dir ganz fest die Daumen. LG Alice

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  4. Alles Gute für das Absetzen! Ich habe ja auch gerade erst wieder ein Medikament abgesetzt und finde es spannend, wie ähnlich unsere Erlebnisse mit den Tabletten teilweise waren: Mir hat die Einnahme auch das Schreiben genommen und das Absetzen macht mich empfindlicher…

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  5. Ich finde es toll wie du damit umgehst und wie offen du darüber schreibst. In den letzten Tagen habe ich mir auch intensive Gedanken über meine Medikamente machen müssen. Dein Eintrag hat mir sehr geholfen. Ich wünsche dir, dass du dein weiteres Leben ohne Medikamente verbringen kannst. Dafür mit viel Freude und Gelassenheit. Liebste Grüße. E.

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