Eine kleine Reise zu mir oder dem, was ich mal war

Dort steht sie, dieses blasse Mädchen mit den rot gefärbten Haaren, unsicher wandert ihr Blick immer wieder zu Boden – vielleicht weiß sie nicht wer sie eigentlich ist. Oder wo sie hin soll. Oder wer sie wirklich mag. Ganz bestimmt sogar trägt sie nicht die angesagten Klamotten, ist kaum geschminkt, sie hat nämlich keine Ahnung was gerade im Trend ist und das interessiert sie auch nicht wirklich. Normal sieht sie aus. Und fühlt sich innen drin wie ein tobender Sturm, weil nichts irgendwie sicher und man selbst gleich gar nicht gut genug ist. Sowieso schon länger nicht mehr gut in der Schule, aus allen Vereinen abgemeldet, aber da sind auch viele Zweifel,die an ihr nagen und sie darüber nachdenken lassen, ob sie als Mensch gut genug ist. Sie glaubt eher nicht.

Da sind Eltern, die sie lieben – mit denen sie aber nicht mehr sprechen kann, sie verstehen einfach nicht, was sie meint und dass sie irgendwie anders geworden ist. Das lässt sich zusammenfassen in nur einem Wort. Pubertät. Und trotz dieses fachlichen Begriffes und allem, was sich dadurch erklären lässt, verschwindet ihr Gefühl nicht niemals zu genügen – es war nämlich schon vorher da. Es ist nicht verwunderlich, dass diese Empfindung so stark dominiert, denn das haben auch schon ihre Eltern erlebt, auch ihre Mutter hat eine Mutter für die sie niemals gut genug war. Ein genetisches nicht-reichen-Gen, könnte man sagen, etwas, das über Jahrzehnte unaufgelöst blieb und sich wie ein dicker Mantel um das Mädchen legte. Und auch wenn sich Mutter und Vater sehr bemühten ihrem Kind Anerkennung und Wertschätzung entgegen zu bringen, so lebten sie doch etwas ganz anderes vor und so funktioniert eben das Lernen, durch Vorbilder.

Das Mädchen traf viele Menschen in ihrem Alter, geradezu magnetisch zog sie all jene an, die eine Menge Probleme hatten und in deren Leben von Anfang an kein Platz für ihre Sorgen und Gefühle war. Es wurde ihre Rolle für Andere da zu sein, in der ganz großen Hoffnung dafür geliebt zu werden. Aber so kam es nie – bei der ersten Schwierigkeit, die das Mädchen zaghaft und aufgeregt ansprach, übertönten sie ihre Stimme und so war wieder niemand für sie da. Alle um sie herum ritzten, also versuchte sie es auch, sie bemühte sich das Essen wieder loszuwerden, wie die Anderen und trägt viele Jahre später noch Narben von ihrem sehr halbherzigen und einzigen Versuch sich das Leben zu nehmen. Vergeblich war auch ein Experiment mit Medikamenten, das auf Grund des vorwiegend homöopathischen Hausbestandes allerdings ebenso wenig gelang. Als die Eltern das ein oder andere mitbekamen, wurde sie für diese Hilferufe außerordentlich belächelt, nichts sonst.

Was also tat sie, um endlich gehört zu werden?

Das Mädchen fing an Wahrheiten zu verdrehen und Ereignisse aufzuhübschen, kurz gesagt, sie begann zu lügen. Bei einem längst vergangenen Sturz hatte sie sich nun nicht länger zwei Arme gebrochen und sich ein Schädelhirntrauma zugezogen, nein, da kamen die Beine, die Wirbelsäule und was ihr noch einfiel hinzu. Das Verschlucken wurde zum beinahe Ersticken, der Autounfall mit kleinem Kratzer im Lack zum Totalschaden. Tatsächlich, es funktionierte, man hörte nun zu, fragte nach und schenkte ihr Aufmerksamkeit, die sie wie eine Verdurstende das Wasser entgegennahm. In der Zwischenzeit gesellten sich sogar einige liebe und wohlwollende Menschen um sie, die mit ihr über normale Dinge sprachen und gar nichts von großen Geschichten hören wollten. Und das Mädchen entfernte sich weiter und weiter von allem, was mit Echtheit und Wahrheit zu tun hatte.

Bis ihr ganzes Lügengerüst eines Tages aufflog. Und das tat es – in einer so unangenehmen und bloßstellenden Art und Weise, wie man es aus Filmen kennt, in denen man sich an entsprechenden Stellen am liebsten Augen und Ohren zuhält. Es gab einen Knall, es fetzte, es ging alles verloren und am Ende stand da nur das Mädchen, allein und in vollkommener Unsicherheit schwelgend.

Man kann es sich schon denken – dieses Mädchen, das bin ich. Und was ich hier schrieb ist ein Teil meiner Biographie, kein sehr schöner, aber er gehört dazu. Wie ihr euch vielleicht auch vorstellen könnt, habe ich Jahre gebraucht, um dieses Verhaltensmuster wieder loszuwerden. Noch heute gelte ich bei all meinen Freunden als Die Übertreiberin und aus zehn Mücken wird manchmal dann ein ganzer Schwarm. Aber das ist okay und wird von mir gerne zugegeben. Auch ziehe ich bis heute „die falschen Leute“ an, solche, die mich für sich selbst benutzen, die nicht wirklich an mir interessiert sind. Aber ich werde besser darin das schnell zu erkennen und mich entsprechend abzugrenzen.

Mit diesem Beitrag möchte ich keineswegs meinen Eltern die Schuld für irgendeines meiner Probleme geben – ich möchte aber darauf aufmerksam machen, dass wir alle eine Verantwortung tragen. Diese tragen wir uns selbst, aber auch unseren Mitmenschen und vor allem unseren Kindern gegenüber. Und wir alle haben die Chance aus den Mustern unserer Familien auszusteigen, so schwer es auch ist – ich kämpfe hart damit – und dafür zu sorgen, dass wir solch destruktive Elemente nicht weitergeben. Oder an unseren Mitmenschen auslassen.

Habt ihr schon mal was von Hoʻoponopono gehört? Eine hawaiische Tradition und Lebensweise, die sich mit der Thematik des Auflösens von Konflikten in Familien befasst. Unglaublich interessant! Dort ist festgehalten, was wir alle wissen, aber oft trotzdem nicht danach leben – alles, was du an nicht bearbeitetem Gepäck trägst, wirst du weiter geben.

In diesem Sinne wünsche ich euch einen schönen Sonntagabend!!!

6 Kommentare zu „Eine kleine Reise zu mir oder dem, was ich mal war“

  1. Ich lese gerne von dir. Und das sind mutige Worte, sehr. Ich wünsche dir so vieles, aber für heute, dass du weißt du kannst stolz auf dich sein für diese Worte hier, die du anderen schenkst. Ein Teil deiner Geschichte, die anderen bestimmt Mut macht, berührt und zum Nachdenken anregt. Liebe Pia, alles Liebe sir

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  2. Pia, das ist ein so sehr zutiefst bewegender Eintrag. Er zerrt schon ganz schön an meinem Herzen. Wegen seines Inhalts zum einen, wegen Deines Mutes zum anderen.

    Dass Du so zu schreiben vermochtest, dafür empfinde ich großen Respekt und Wertschätzung.

    Deine letzten beiden Absätze haben mich sehr, sehr nachdenklich gemacht. Nachdenklich über mich und das, was ich für meine Familie lebe, vor allem während der letzten Jahre.

    Dein Eintrag ist sehr, sehr wichtig für mich.

    Dankeschön dafür und stets alles Liebe für Dich, von Herzen! ❤

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  3. Sehr ergreifend, und sehr mutig, das so rauszuhauen, und, ich bin sicher nicht der Einzige, der sich in Teilen darin wiederfindet. Das Wichtigste ist, selbst dazu zu stehen wie man ist. Jeder wird Dich und Dein Handeln nicht verstehen können, aber die paar, die es tun, und Dich nicht verändern wollen, die sind es wert, sie Freunde zu nennen.

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